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Bundesliga: Florian Kohfeldt über "unangenehmsten Moment", Bremen & Lukas Nmecha

Kohfeldt: „Mein unangenehmster Moment“

Florian Kohfeldt spricht bei SPORT1 über seinen gelungenen Start als Trainer des VfL Wolfsburg, das Warten auf einen neuen Job und Lukas Nmecha.
Der neue Cheftrainer vom VfL Wolfsburg spricht nicht nur über seinen guten Start bei den Wölfen, sondern auch die Zeit und der Abstieg bei Werder Bremen, welches Spuren hinterlassen hat.
Florian Kohfeldt spricht bei SPORT1 über seinen gelungenen Start als Trainer des VfL Wolfsburg, das Warten auf einen neuen Job und Lukas Nmecha.

Florian Kohfeldt ist der Mann der Stunde in der Bundesliga.

Seit der ehemalige Trainer von Werder Bremen den VfL Wolfsburg übernommen hat, feierte er in der Bundesliga zwei Siege und führte die „Wölfe“ in der Tabelle von Platz neun auf Platz vier.

In der Champions League gelang der wichtige 2:1-Erfolg gegen RB Salzburg.

Im Interview mit SPORT1 spricht Kohfeldt über seinen Start in Wolfsburg, Lukas Nmecha und seine alte Liebe Werder.

SPORT1: Herr Kohfeldt, drei Spiele, drei Siege: Einen besseren Start beim VfL Wolfsburg hätten Sie sich nicht ausmalen können, oder?

Florian Kohfeldt: Ja, ergebnistechnisch war es sehr gut und auch von der Stimmung her. Es ist natürlich schön, mit Erfolgserlebnissen zu starten. Aber wir tun sehr gut daran zu kommunizieren, dass es auch unser Anspruch ist, so viele Spiele zu gewinnen. Das sollte keine außergewöhnliche Phase sein, auch wenn es mit dem Champions-League-Sieg in der Mitte eine außergewöhnliche Woche war. Wir sollten das nicht überbewerten, weil die Spiele jetzt auch nicht durchgehend berauschend waren. Sie waren gut bis okay, aber wir haben noch einiges vor uns. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Welchen ersten Eindruck haben Sie von Ihrer neuen Mannschaft?

Kohfeldt: Einen sehr guten. Es ist eine sehr klare Mannschaft mit einer sehr guten Hierarchie und einer aus meiner Sicht sehr gesunden Mentalität, mit einer guten Gier auf Erfolg. Über die individuelle Qualität müssen wir nicht reden, die ist auf jeden Fall vorhanden. Es wird unsere Aufgabe sein, das weiterhin sehr gut zusammen zu bringen und dann eine gute Energie auf dem Platz zu spüren.

SPORT1: Wie war das Gefühl, wieder an der Seitenlinie zu stehen, nachdem Sie ein halbes Jahr Auszeit hatten?

Kohfeldt: Es war aus verschiedenen Gründen ein ganz besonderes Gefühl. Zunächst, weil es zehn oder elf Spieltage waren, die ich nicht miterlebt habe. Das war nicht unendlich lang. Aber es war für mich das erste Mal wieder mit Zuschauern, weil ich das im letzten Jahr nicht mehr mitbekommen hatte. Auch deshalb war es ein ganz besonderes Gefühl, in Leverkusen in einem richtigen Bundesliga-Stadion an der Linie zu stehen. Es war sehr schön. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Kohfeldt: „Faktor Fans ist enorm“

SPORT1: Wie war es für Sie, wieder mit Zuschauern in Leverkusen und auch im Heimspiel zuletzt?

Kohfeldt: Es war toll, insbesondere das Champions-League-Heimspiel hatte eine sehr besondere Stimmung am Dienstagabend. Es hat sich bestätigt, was ich immer vermutet und geäußert habe: Für mich ist es ein anderes Spiel, wenn das Stadion voll oder leer ist. Der Faktor der Fans ist enorm.

SPORT1: Sie sind recht frisch in einer neuen Stadt. Wie haben Sie sich bisher in Wolfsburg eingelebt?

Kohfeldt: Sehr gut. Ich wohne aktuell leider noch im Hotel. Und obwohl es ein sehr schönes ist, versuche ich hier so schnell wie möglich eine Wohnung zu bekommen und dann so richtig anzukommen. Aber ein paar Dinge habe ich schon gesehen und der Eindruck ist sehr positiv. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

SPORT1: Können Sie jetzt die Länderspielpause nutzen, um die Stadt etwas besser kennenzulernen, oder reicht die Zeit dafür nicht?

Kohfeldt: Naja, ich habe gerade unglaublich viele Medienanfragen, deshalb sitze ich hier mit Ihnen und beantworte die Fragen und schau mir nicht die Stadt an (lacht). Spaß beiseite. Ich glaube, das wird nach und nach kommen. Die Phase bis Weihnachten wird jetzt sehr intensiv werden, weil wir noch viele Spiele haben. In den Wochen danach werde ich sicher die Möglichkeit haben, deutlich mehr von der Stadt zu sehen.

SPORT1: Ist die Gefahr im Hotel größer, noch mehr in die Arbeit zu investieren?

Kohfeldt: Ja, auf jeden Fall, aber ich würde das nicht als Problem sehen. Ein paar Jahre oder dauerhaft sollte man das vielleicht nicht machen. Aber gerade jetzt in der Anfangsphase ist es so, dass das Arbeitspensum sehr hoch ist. Das ist aber auch vollkommen in Ordnung so, weil es ja auch Spaß macht.

SPORT1: Hätte man Ihnen vor einem halben Jahr oder einem Jahr gesagt, Sie trainieren heute in der Champions League: Hätten Sie denjenigen für verrückt erklärt?

Kohfeldt: Es war zumindest nicht absehbar. Ich habe deswegen aber auch kein schlechtes Gewissen, sondern es war eine Möglichkeit, die sich ergeben hat. Ich bin sehr froh, dieses Angebot bekommen zu haben, weil die Rahmenbedingungen sehr gut sind. Da gehört die Champions League dazu. Es war aber nicht der entscheidende Faktor, sondern ich glaube daran, dass wir hier in der Konstellation mit Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer und mit den Rahmenbedingungen dauerhaft Erfolg haben können. Dementsprechend habe ich das Angebot mit voller Überzeugung angenommen.

SPORT1: Gerade das Ende in Bremen war wahrscheinlich besonders emotional für Sie. Aber ist es jetzt nicht auch ein persönliches Märchen, in der Champions League zu trainieren?

Kohfeldt: Ich würde es nicht als Märchen bezeichnen, dann wäre es unwirklich. Es ist für mich mit Sicherheit ein großer Traum in Erfüllung gegangen, einmal und hoffentlich auch noch häufiger als Trainer in der Champions League dabei zu sein. Ich hätte es auch als Spieler gerne geschafft, aber das hatte sich früh erledigt (lacht).

Kohfeldt über Vorgänger: „Das tut einem menschlich sehr leid“

SPORT1: Sie waren darauf angewiesen, dass ein Kollege seinen Job verliert. Wie schwierig ist es, darauf zu spekulieren, dass ein Kollege Misserfolg hat, damit man wieder reinkommen kann?

Kohfeldt: Es ist sehr unangenehm. Es war wirklich in der ganzen Phase, die auch gute Zeiten der Reflexion und der Erholung hatte, der unangenehmste Moment, auf den Misserfolg anderer bauen zu müssen, um eine Chance zu bekommen. Das tut einem menschlich sehr leid, auch wenn man weiß, dass sich für einen selbst eine Tür öffnet.

SPORT1: Sie haben in Ihrer Antrittspressekonferenz gesagt, dass Sie nach dem Aus bei Werder mit Bremer Spielern gesprochen haben, die Sie mehr mochten und anderen, auf die das weniger zutraf. Was haben Sie aus diesen Gesprächen mitgenommen, vielleicht gerade auch aus denen von Spielern, die Sie weniger mochten?

Kohfeldt: Ich glaube, die Spieler empfinden das als enorm positiv, dass sie bei mir eine Verbundenheit, eine Emotionalität und ein bedingungsloses Einsetzen für die Sache spüren. Aber man sollte auch Nuancen reinbringen, und es gab Momente, in denen die Emotionen ein Tick zu viel waren und ein bisschen mehr Souveränität angebracht gewesen wäre.

SPORT1: Haben Sie während Ihrer Auszeit einen neuen Blick und neue Perspektiven über die Bundesliga- und Trainerbranche gewonnen?

Kohfeldt: Einen neuen Blick nicht, aber einen etwas geschärften. Ich habe versucht, mich mit einigen Spielern, Trainerkollegen, Funktionären aus der Branche sowie Leuten aus dem privaten Umfeld auszutauschen, um einen Blick auf meine Arbeit zu gewinnen, wie sie gesehen wird und wo es Punkte gibt, wo ich mich verbessern kann. Aber zu sagen, ich hätte einen komplett neuen Blick, wäre vermessen.

Bundesliga: Kohlfeldt spricht über Werder-Abstieg

SPORT1: Sie hatten jetzt nach Ihrer Zeit bei Werder etwas Zeit durchzuschnaufen. Wie haben Sie den 34. Spieltag der vergangenen Saison speziell erlebt?

Kohfeldt: Es war ein sehr trauriger Moment und es war ehrlicherweise ein Gefühl von Ohnmacht, das auch kampflos miterleben zu müssen. Es war ein sehr trauriger Tag, und ich trage als Cheftrainer bei Werder Bremen einen großen Teil der Verantwortung für die letzte Saison. Es war aber auch immer ein ‚Wir‘, also Trainerteam, Spieler, Geschäftsführung. Es war für alle in Bremen und insbesondere für die Stadt ein sehr trauriger Tag. Da schließe ich mich mit ein.

SPORT1: Haben Sie das Spiel live verfolgt oder dachten Sie, der Abstand wäre gar nicht so schlecht?

Kohfeldt: Nein, ich habe es natürlich verfolgt und mitgelitten, leider mit diesem wirklich schlechten Ende.

SPORT1: Wie verfolgen Sie den Aufbau von Werder in der zweiten Liga heute?

Kohfeldt: Ich verfolge es, aber von außen. Ich finde, mir steht es nicht zu, dazu Bezug zu nehmen oder Äußerungen zu tätigen. Das möchte ich betonen. Ich finde, seit dem Moment der Freistellung steht es mir nicht mehr zu, mich zu Inhalten zu äußern. Ich kann nur sagen, dass ich alle Daumen drücke, die ich habe, und weiterhin mit großer Sympathie auf Werder Bremen schauen werde. Aber meine inhaltliche Energie und Emotionalität gilt jetzt natürlich dem VfL Wolfsburg.

SPORT1: Sie wurden von vielen Werder-Fans geliebt. Können Sie sich vorstellen, eines Tages wieder für Werder zu arbeiten?

Kohfeldt: Die Frage kommt sehr früh. Ich bin jetzt drei Wochen hier in Wolfsburg und sehr glücklich. Ich habe die Verbundenheit zu der Stadt und den Menschen in Bremen sehr geschätzt und glaube, es wäre gelogen, wenn ich jetzt etwas anderes sagen würde. Ich habe auch die Unterstützung nicht nur in den guten, sondern insbesondere in den ergebnistechnisch nicht so guten Zeiten sehr genossen und sehr wertgeschätzt. Ich glaube, ich muss auch nicht darum herum reden, dass Bremen für mich immer etwas Besonderes sein wird. Aber für solche Fragen ist es definitiv zu früh.

SPORT1: Wie schwer war es, in den laufenden Betrieb beim VfL Wolfsburg einzusteigen und der Mannschaft vor dem ersten Spiel taktische Inhalte zu vermitteln?

Kohfeldt: Wir haben viel über Video und kurze Einheiten gelöst, weil wir einfach nicht viel Zeit hatten zu trainieren. Aber die Mannschaft hat es mir sehr einfach gemacht und ich konnte auf vielen Prinzipien aufbauen, die hier schon verankert waren.

Kohfeldt: „Schmadtke ist inhaltlich stark“

SPORT1: Welche Ambitionen haben Sie mit dem VfL Wolfsburg?

Kohfeldt: Ich denke, um die europäischen Plätze mitzuspielen, ist mit diesem Kader und den gegebenen Strukturen realistisch, das sollte auch unser Anspruch sein. In der Champions League wollen wir alles dafür tun, dort weiter zu kommen. Mit dem Sieg gegen Salzburg haben wir uns die Situation geschaffen, dass wir es in der eigenen Hand haben, obwohl es natürlich nicht einfach wird.

SPORT1: Es hatte nach außen hin oft den Anschein, Jörg Schmadtke wäre oft in Dispute involviert. Wie nehmen Sie als Trainer die Zusammenarbeit mit ihm wahr?

Kohfeldt: Sehr positiv. Die ersten Gespräche waren sehr positiv, die menschliche Ebene passt aus meiner Sicht absolut. Er ist inhaltlich sehr stark, möchte einen Austausch und mitgenommen werden. Es ist aus meiner Sicht für jeden Trainer wichtig, einen Manager zu haben, der ein großes Interesse an der Sache hat und eine Sichtweise reinbringt, die für meine Entscheidungen in Richtung der Mannschaft wichtig ist.

SPORT1: Es hieß, bei Mark van Bommel sei es taktisch nicht so sehr in die Tiefe gegangen. Wie sehr saugen die Spieler gerade Ihren taktischen Plan auf?

Kohfeldt: Wir sollten das nicht überhöhen. Das sind jetzt 14 Tage und wir als Trainerteam versuchen, das jetzt Schritt für Schritt zu beeinflussen. Es ist nicht so, dass wir hier die Revolution anstreben. Das ist ein Kompliment an meine Vorgänger, weil sehr viele Prinzipien vorhanden sind, auf denen man aufbauen kann.

Kohfeldt: Nmecha sehr klar im Kopf

SPORT1: Sie haben nun Lukas Nmecha, Maximilian Arnold und Ridle Baku ans DFB-Team abgeben müssen. Was hat da überwogen: Die Freude für die Spieler oder der Ärger, nicht weitere Sachen einstudieren zu können?

Kohfeldt: Definitiv die Freude für die Jungs. Ich glaube, es gibt nichts Größeres, als zur deutschen Nationalmannschaft eingeladen zu werden. Ich hoffe, sie bekommen ein paar Minuten in ihrem Heimspiel hier in Wolfsburg. Da gibt es gar keinen Gedanken daran, dass es besser gewesen wäre, sie hier zu lassen, damit sie trainieren können. Sie sind deutsche Nationalspieler, herzlichen Glückwunsch, das ist sehr gut.

SPORT1: Viele Augen richten sich auf Lukas Nmecha, nachdem er zuletzt oft getroffen hat. Was ist er für ein Typ, wie würden Sie ihn beschreiben?

Kohfeldt: Sehr akribisch, sehr klar im Kopf und trotzdem mit einer guten Lockerheit. Seine Aufgabe wird es sein, die gezeigten Qualitäten, die definitiv vorhanden sind, konstant abzurufen. Das ist die wirkliche Qualität und wird ihn dauerhaft dorthin bringen, wo er und wir alle ihn sehen, nämlich im Kreise der Nationalmannschaft.

SPORT1: Würden Sie sagen, er ist verdient bei der Nationalmannschaft?

Kohfeldt: Absolut. Ich finde, durch seine Entwicklung bei der U21 mit der Krönung bei der Europameisterschaft im letzten Jahr ist es ein sehr stetiger Weg bis hierhin gewesen. Jetzt gilt es, diese Konstanz reinzubringen und dann ist er nicht nur jetzt, sondern dauerhaft verdient dabei.

SPORT1: Ridle Baku war zuletzt nur auf Abruf in der Nationalmannschaft, jetzt wurde er nachnominiert. War es für Sie verständlich, dass er vorher nur auf Abruf bereitstand und nicht zur ersten Wahl gehörte?

Kohfeldt: Ich war im guten Austausch mit Hansi Flick, auch vorher schon. Wir haben länger über Ridle gesprochen und es war keineswegs so, dass er in irgendeiner Form abgeschrieben war. Es gibt einige inhaltliche Dinge, die zwischen dem Bundestrainer und mir bleiben, die wir mit Ridle besprochen haben und die wir weiterentwickeln wollen. Vom Potenzial her sind alle Trainer, die mit ihm arbeiten, einig, dass er in die Nationalmannschaft gehört und es liegt an ihm, das dauerhaft zu zeigen.

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