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Ist dieser Joker Eintrachts Sündenbock?

Ist dieser Joker Eintrachts Sündenbock?

Eintracht Frankfurt sucht nach der Niederlage gegen Borussia Dortmund nach Gründen. In den Mittelpunkt rückt auch die Einwechslung von Leih-Stürmer Sam Lammers. Hat er noch eine Zukunft am Main?
Borussia Dortmund kämpfte sich nach einem 0:2-Rückstand in Frankfurt zurück und feierte am Ende einen emotionalen 3:2-Sieg.
Christopher Michel
Christopher Michel
von Christopher Michel

Eintracht-Trainer Oliver Glasner spürte in dieser 66. Minute, dass die Partie trotz 2:0-Führung peu à peu in Richtung Borussia Dortmund kippte. (Haaland beschimpft Hinteregger)

Der Österreicher antwortete mit zwei Wechseln und brachte neben Kristijan Jakic auch Angreifer Sam Lammers in die Partie. 24 Minuten später lautete das Endergebnis 2:3. Und Oliver Glasner und Sportvorstand Markus Krösche mussten nach Abpfiff unangenehme Fragen zu Lammers beantworten. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Glasner erklärt Lammers-Einwechslung

Sein Trainer gab Einblicke: „Er hat in dieser Woche sehr gut trainiert, war sehr agil und hat viele Tore erzielt. Jesper Lindström war platt und Goncalo Paciencia nach Coronaerkrankung noch nicht fit.“ Warum Ragnar Ache, der mit seinem Tempo die BVB-Abwehr weiter hätte beschäftigen können, keine Rolle bei diesen Überlegungen spielte? Fraglich. (Frankfurt-Toptalent wechselt nach Barcelona)

Krösche stellte sich ebenfalls vor Lammers: „Ich tue mich schwer damit eine Niederlage an einzelnen Spielern festzumachen. Wir gewinnen und verlieren als Mannschaft. Da haben wir zu wenig gemacht und zu wenig Gefahr ausgestrahlt. Das war der Schlüssel.“ Die Eintracht hat sich vom BVB in der Tat den Schneid abkaufen lassen. Dennoch rückt Lammers mehr und mehr in den Blickpunkt.

Seit 18 Pflichtspielen kein Lammers-Tor

Er wartet seit 19. September auf ein Tor, 18 Eintracht-Pflichtspielen verstrichen seitdem ohne Lammers-Treffer. Seit Wochen pendelt er zwischen Bank und Tribüne, nutzt die sich ihm bietenden Chancen nicht. Die Eintracht hat den 24-Jährigen ohne Kaufoption von Atalanta Bergamo ausgeliehen.

In dieser Verfassung bleibt es wohl bei einem kurzen Intermezzo, welches sang- und klanglos im Juni endet. Die Geduld mit Lammers ist endlich, gute Aktionen viel zu selten. So wird der Angreifer zum sportlichen Problemfall für die Eintracht.

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Glasner: Das müssen wir uns vorwerfen lassen

Es war bezeichnend, als kurz nach der Einwechslung ein Missverständnis im Zusammenspiel mit Filip Kostic folgte. Der Serbe konnte sich kaum beruhigen, schimpfte vehement und drehte wütend ab – obwohl die Hessen zu diesem Zeitpunkt noch 2:0 gegen den BVB führten. Das Vertrauen der Mitspieler sinkt aber immer weiter, die Zündschnur ist kurz. Lammers wird förmlich geschnitten, ist unsichtbar, in gewisser Weise isoliert und kann dadurch kein Selbstvertrauen tanken.

Nun reagieren auch die Fans

Zeigte er zu Beginn der Saison zweimal seine Abschlussqualitäten, kam der Angreifer seitdem kaum noch in die Nähe des Tores. Lammers macht das Leder zu keinem Zeitpunkt fest, lässt sich zu leicht abkochen und setzt nach Ballverlusten nicht mit der nötigen Intensität nach.

Platzt der Knoten noch? Intern hegten die Eintracht-Verantwortlichen nach SPORT1-Informationen diese Hoffnung in der kurzen Winterpause noch immer. Doch der Auftritt gegen den BVB war erneut desillusionierend. Und das nächste Problem folgt für den am Karriere-Scheideweg stehenden Lammers: Die Reaktionen der Fans in sozialen Netzwerken.

Pikante Lage für die Eintracht

„#Lammersout!“ „Please leave Frankfurt!“ „Ganz ehrlich, geh einfach. Am besten in die Kreisliga oder sonstwohin. In die Bundesliga gehörst du auf jeden Fall nicht.“ „Wie bist du eigentlich Profi geworden?“ „Hoffe du spielst nie wieder!“ Die Heftigkeit der Angriffe gegen ihn gingen noch weiter, es waren und unsägliche Kommentare, die auf der Onlineplattform Instagram abgesondert wurden, sie gingen weit unter die Gürtellinie.

Ein Teil der Anhängerschaft hat einen Sündenbock gefunden, den Bogen dabei aber völlig überspannt und einen jungen Menschen zum Gespött gemacht. Ein No-Go, dem ein Nachspiel folgen sollte! Hier wurden Grenzen überschritten. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Die Lage ist dennoch sportlich pikant. Es ist offensichtlich, dass die beiden Parteien Lammers und Eintracht Frankfurt wohl nicht mehr erfolgreich zusammenarbeiten werden. Der frühere U-Nationalspieler passt nicht ins System der Hessen, das auf Pressing und schnelle Kombinationen angelegte Spiel ist nicht auf ihn zugeschnitten, weshalb er vollständig überfordert wirkt und abtaucht.

Ende der Leihe nur schwer vorstellbar

Die Eintracht ihrerseits hat im vergangenen Sommer bei der Suche nach einem Stoßstürmer offenbar auf das falsche Pferdchen gesetzt. War die Leihe ohne Kaufoption sogar darauf zurückzuführen, dass man doch leichte Zweifel hatte? Oder lag es tatsächlich nur am Faktor Zeitdruck? Wie auch immer, es passt nicht und das kann sich die Eintracht beim Rennen um die europäischen Ränge nicht erlauben.

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Ein sofortiges Ende der Leihe ist jedoch schwer vorstellbar. Bei Bergamo hätte Lammers ebenfalls kaum Chancen auf Einsatzminuten, das Interesse des italienischen Spitzenklubs an einer sofortigen Rückholaktion dürfte daher im Promillebereich liegen. Da der Stürmer bereits für zwei Mannschaften in Pflichtspielen auf dem Feld stand, kann er innerhalb der europäischen Topligen laut FIFA-Regularien nicht mehr für einen dritten Verein auflaufen.

Eintracht in der Zwickmühle

Der Lammers-Auftritt gegen den BVB war somit äußerst unglücklich für alle Seiten. Statt bei einer Zwei-Tore-Führung Selbstvertrauen zu tanken, steht am Ende eine schmerzhafte Niederlage. Mit Blick auf die im März zurückkehrende Doppelbelastung und die aktuell so undurchschaubare Corona-Situation schmerzt diese wiederholt schwache Lammers-Leistung, weil jede durchschlagskräftige Alternative benötigt wird. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Doch was bringt Glasner eine Option, die sich nur unzureichend anbietet und dem Team kaum helfen kann? Es ist ein Dilemma, ein äußerst schwieriger Spagat in Corona-Zeiten, in denen kaum Geld in die Hand genommen und kurzfristig in neues Personal investiert werden kann.

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