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Deutschlands vergessene Talente: Einst jubelte er mit Kimmich

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Deutschlands vergessene Talente: Einst jubelte er mit Kimmich

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Einst jubelte er mit Kimmich

Anthony Syhre spielte einst Seite an Seite mit Joshua Kimmich. Zwar blieb ihm der ganz große Durchbruch verwehrt, seinen Ex-Kollegen verfolgt er aber nach wie vor. Dessen schwere Phase könnte auch mit seiner Persönlichkeit zu tun haben.
SPORT1-Experte Mario Basler mit vernichtenden Urteilen über Thomas Müller und Joshua Kimmich, dem er in den letzten zwei Jahren eine hohe Qualität abspricht.
Reinhard Franke
Reinhard Franke

Anthony Syhre wurde 2013 die Fritz-Walter-Medaille für den besten deutschen Nachwuchsspieler verliehen. 2014 wurde er an der Seite von Joshua Kimmich mit der U19-Nationalmannschaft in Ungarn Europameister. Mit dabei waren unter anderem auch Julian Brandt und Davie Selke.

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Trotz dieser frühen Erfolge blieb Syhre die ganz große Karriere als Fußballer verwehrt. Unter anderem spielte er für den Greifswalder FC, wo sein Trainer der Vater von Toni Kroos war. Aktuell kickt Syhre für den Regionalligisten SpVgg Bayreuth.

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 28-Jährige unter anderem über Kimmich, die Krise beim FC Bayern sowie Jérôme Boateng.

SPORT1: Herr Syhre, seit 2005 zeichnet der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die hoffnungsvollsten Nachwuchsspieler Deutschlands mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold, Silber und Bronze aus. In der Kategorie U18 haben Sie 2013 die bronzene Medaille erhalten und sich damit in den erlesenen Kreis von Spielern wie Manuel Neuer, Marko Marin, Mario Götze, Julian Draxler oder auch Leon Goretzka eingereiht.

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Anthony Syhre: Damals habe ich das gar nicht so realisiert, weil mein Fokus nur auf der Hertha und der Nationalmannschaft lag. Ich habe mich aber natürlich sehr über die Auszeichnung gefreut. Gerade bei den Spielern, die das vorher schon erreicht hatten. Leider konnte ich damals nicht zur Verleihung kommen, weil ich mit der Nationalmannschaft unterwegs war. Ich bekam den Preis vom Verein später übergeben. Und ich erinnere mich, dass ich im vollen Olympiastadion an der Seite des damaligen Managers Michael Preetz vor dem Spiel gegen den HSV ein paar Sätze ins Mikro sagen durfte. Ich war irre aufgeregt. Ich bin stolz auf diesen Preis und möchte diese Zeit nicht missen.

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SPORT1: Auch Kevin-Prince Boateng und sein Bruder Jérôme bekamen einst die Fritz-Walter-Medaille verliehen. Hatten Sie zu Ihrer Berliner Zeit einen Draht zu den beiden?

Syhre: Zu Prince hatte ich leider nie Kontakt, Jérôme war mein Idol, neben Arne Friedrich. Aber auch zu Jérôme hatte ich nur wenig Kontakt. Er war schon einige Jahre älter. Es gab aber einen netten Moment. Als die Bayern mal in Berlin spielten, haben sie auf dem Platz trainiert, auf dem wir auch immer waren. Wir haben natürlich zugeschaut. Und Jérôme kam plötzlich bei uns in die Kabine rein, weil er mit unserem NLZ-Chef (Chef des Nachwuchsleistungszentrums, d. Red.) befreundet war und hat sich sehr nett vorgestellt. An diesen Moment werde ich immer positiv zurückdenken.

„Ich hätte Jérôme gerne nochmal in der Bundesliga spielen gesehen“

SPORT1: Hätten Sie sich für Jérôme einen besseren Abschied bei den Bayern gewünscht? Fast wäre es zu einem Comeback gekommen, doch dann wollte man ihn bei Bayern nicht.

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Anthony Syhre und Joshua Kimmich standen im deutschen U19-Team, das 2014 Europameister wurde
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Syhre: Ich hätte Jérôme gerne nochmal in der Bundesliga spielen gesehen. Jedem Spieler wünscht man am Ende der Karriere den perfekten Absprung. Ich kann mich an viele gute Dinge bei ihm erinnern. Mit Bayern hätte es nochmal gut klappen können. Wenn man sich jetzt die Spiele der Münchner anschaut, da hätte Jérôme den Bayern schon noch helfen können. Als Innenverteidiger achte ich natürlich darauf. Bei den Bayern fehlt es in der Breite an Qualität.

SPORT1: Sie haben damals die fachkundige Jury des DFB mit Ihren Leistungen auf und neben dem Platz sowie durch Ihre spielerischen wie menschlichen Qualitäten überzeugt. Was waren vor allem Ihre menschlichen Qualitäten?

Syhre: Meine menschlichen Qualitäten waren vor allem Fleiß und der Wille, alles zu geben. Mein Trainer damals in der Nationalmannschaft war Horst Hrubesch. Er war ein harter Hund und ein ehrlicher Arbeiter. Er hat immer das gesagt, was er gedacht hat. Ich habe viele Spiele gemacht, da gab es auch Kollegen im Team, die schon Zweite Liga oder höher gespielt hatten. Ich musste auch mal zurückstecken, doch ich habe das ganz gut hinbekommen, wenn ich auf meine Chance warten musste. Für mich war immer das Wichtigste, was auf dem Platz passiert und nicht, was sich vor oder nach dem Training abspielt. Hrubesch war mein bester Trainer.

SPORT1: 2023 spielten Sie mal beim Greifswalder FC, wo der Vater von Toni Kroos Trainer war, im März aber zurücktreten musste. Greifswald ist der Geburtsort und Heimatverein von Toni Kroos. Wie war das?

Syhre: Das war eine super Zeit. Leider habe ich Toni nicht persönlich kennenlernen dürfen. Er hat sich fast nie blicken lassen, der Vater ist dienstags und mittwochs immer zu den Champions-League-Spielen von Toni geflogen. Der Papa war ein positiv Verrückter und ein super Trainer. Er musste damals leider aus gesundheitlichen Gründen sein Traineramt niederlegen. Wir hatten aber viel Spaß mit ihm. Über Toni und Felix (Bruder von Toni, d. Red.) hat er aber nie gesprochen. Doch er ist auf dem Boden geblieben. Er arbeitet heute noch im Hintergrund für den Verein.

Karriereknick? „Das tut schon weh“

SPORT1: 2014 wurden Sie mit der U19 Europameister, unter anderem mit Joshua Kimmich, Julian Brandt und Davie Selke, der Torschützenkönig wurde. Wie sehr schmerzt es zu sehen, was aus den Jungs geworden ist und dass Sie das nicht erreichen konnten?

Syhre: Das tut schon weh. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht Bundesliga-Spieler hätte werden wollen, das war mein Traum. Ich bin traurig, dass es nicht geklappt hat. Aber ich will keinen Augenblick in meiner bisherigen Karriere missen. Die EM war ein super Erlebnis. Wir haben damals in Budapest ordentlich gefeiert. Zu der Zeit wusste noch keiner, wer den Durchbruch schafft. Wenn ich die Jungs heute spielen sehe, gibt es immer auch ein weinendes Auge. Ich hätte es packen können, stand aber immerhin mit den Jungs auf dem Platz.

Anthony Syhre spielte beim Greifswalder FC.
Anthony Syhre spielte beim Greifswalder FC.

„Kimmich saß da und hat geweint“

SPORT1: Lassen Sie uns über Joshua Kimmich sprechen.

Syhre: Bei ihm war früh zu erkennen, dass er sehr professionell lebt. Er war selten zufrieden und wollte immer gewinnen. Viele, mit denen ich mich über ihn unterhalte, sagen, dass Kimmich immer 100 Prozent gegeben hat. In der U17 habe ich mal im Finale gegen ihn gespielt, da haben wir 2:0 gewonnen. Hinterher mussten Kimmich (spielte damals beim VfB Stuttgart, d. Red.) und ich zur Dopingkontrolle und da saß er und hat geweint. Man hat in diesem Moment gesehen, dass ihm die Niederlage sehr nahe ging. All die Jahre habe ich immer wieder gehört, dass Kimmich sehr verbissen ist.

SPORT1: Vielleicht zu verbissen?

Syhre: Das kann sein. Seine Verbissenheit schadet Kimmich. Er ist nie zu 100 Prozent mit sich zufrieden. Wenn man es über einen gewissen Zeitraum nicht schafft und das sieht man gerade, dann gerät man in einen Strudel. Kimmich geht gerade bei Bayern unter. Er leidet bestimmt, ist sicher nicht zufrieden und hadert viel mit sich. Im Fußball ist es oft besser, weniger nachzudenken. Das bremst auch viele Talente, wenn sie in den Männerbereich kommen.

SPORT1: Wenn man Kimmich nach seiner Auswechslung in Bochum auf der Bank gesehen hat, könnte man den Eindruck bekommen, dass er ein bisschen das Sinnbild der aktuellen Bayern-Krise ist, oder?

Syhre: Das könnte sein. Da wirkte er schon sehr frustriert. Aber es liegt nicht nur an Kimmich. Es wurde in den vergangenen Monaten viel über seine Position diskutiert. Am Ende ist es bei Kimmich viel Kopfsache. Die Bayern machen einfachste Fehler, doch die Jungs verdienen Millionen. Im Training scheint es zu klappen, sagte Thomas Müller. Die Bayern-Spieler sind auch nur Menschen.

Kroos? „Für Nagelsmann ist die Entscheidung ein Segen“

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SPORT1: Kimmich war mal unantastbar. Was glauben Sie ist passiert?

Syhre: Kimmich geht in der Krise unter, diesen Eindruck hat man von außen. Er hat nicht die Mentalität eines Führungsspielers, das sagen auch viele Kritiker.

SPORT1: Wie sehen Sie es?

Syhre: Ich sehe es ähnlich. Kimmich ist leider keiner, der in einer Krise vorangeht. Er ist keiner, der die Jungs scheucht, auf den Tisch haut und auch in den Medien klar Stellung bezieht. In den Spielen sehe ich nicht den Kimmich, der er mal war. Es ist die schwerste Phase in seiner Karriere. Viele haben von ihm erwartet, dass er vorneweg marschiert. Leider kam es anders.

SPORT1: Kommen wir nochmal zu Toni Kroos. Wie finden Sie seine Rückkehr zur Nationalmannschaft?

Syhre: Ich finde seine Entscheidung super und richtig. Er spielt weiterhin auf höchstem Niveau und wird unserer Nationalmannschaft absolut helfen. Es hatte sich auch angebahnt, sein Interview zuletzt zeigte, dass er sich die Tür gerne offen lassen möchte. Für Nagelsmann ist die Entscheidung ein Segen. Gerade, weil die Europameisterschaft im eigenen Land stattfindet, hat sich Kroos für das Comeback entschieden.

SPORT1: Was könnte sich Kimmich bei Kroos abschauen?

Syhre: Kimmich sollte mehr seine Position halten. Er reibt sich auf und will viel machen, aber als Sechser musst du im Zentrum spielen und die Räume eng halten. Kroos spielt cleverer als Kimmich. Er hat natürlich auch mehr Erfahrung, weil er älter ist. Und er bleibt einfach ruhiger.

SPORT1: Was sollte Kimmich jetzt machen?

Syhre: Er muss Verantwortung abgeben und sollte sich auf sich konzentrieren. Er sollte Dinge, für die er nicht zuständig ist, anderen überlassen. Thomas Tuchel muss Kimmich gerade jetzt Vertrauen schenken.

Joshua Kimmich legte sich mit Tuchels Co-Trainer an
Joshua Kimmich legte sich mit Tuchels Co-Trainer an

SPORT1: Wird es für Kimmich jetzt nicht umso schwerer, wo feststeht, dass Tuchel im Sommer gehen wird?

Syhre: Gerade nach der Auswechslung von Kimmich konnte jeder sehen, wie unzufrieden er war. Wenn man den Medien Glauben schenken kann, soll er in der Kabine sowie auf der Bank lautstark seinen Unmut geäußert haben. Den Trainer und seine Entscheidung so offensichtlich zu kritisieren, zeigt, wie sehr die Situation angespannt ist. Meiner Meinung nach wird sich die Situation nun aber entspannen. Jeder weiß, woran er ist und alle Parteien wollen einen bestmöglichen Abschluss, auch wenn es in diesem Jahr höchstwahrscheinlich keinen Titel geben wird. Kimmich und Tuchel werden nicht die besten Freunde. Sie müssen nur miteinander auskommen, um die Weichen bestmöglich für die nächste Saison zu stellen.