In der Bundesliga werden die Schiedsrichter am kommenden Spieltag erstmals VAR-Entscheidungen über die Stadionlautsprecher den anwesenden Zuschauern erklären.
VAR-Neuheit: Schiri-Experte deutlich
Ziel dieser Testphase sei es, mehr Transparenz zu schaffen. Für die Fans am TV-Bildschirm, für die Zuschauer im Stadion - und auch für alle Spieler und Funktionäre. Der frühere FIFA-Referee Urs Meier bewertet den Vorstoß grundsätzlich äußerst positiv.
„Klarheit ist entscheidend. Dieses ‚Warum‘, warum ist etwas entschieden worden? Wenn das rüberkommt bei den Zuschauern, wenn man ihnen das, was sie nicht gesehen haben, erklären kann, dann haben wir sehr, sehr viel gewonnen“, betonte der Schweizer im SPORT1-Format SPOTLIGHT.

Dass die Bundesliga mit einer Pilotphase vorprescht, lobt Meier ausdrücklich: „Ich finde gut, dass der DFB weltweit eine Leaderrolle übernimmt. Das gehört sich für den größten Verband der Welt.“
VAR-Revolution: „Eine zusätzliche Fehlerquelle“
Gleichzeitig erkennt der Schiedsrichter-Experte jedoch auch mögliche Stolpersteine, die durch die Stadiondurchsagen auf die Unparteiischen zukommen könnten. „Natürlich ist das eine zusätzliche Fehlerquelle: Man kann sich verhaspeln, man kann etwas Falsches sagen“, erklärte Meier.
Als warnendes Beispiel führte er eine Szene der Frauen-Weltmeisterschaft 2023 an, wo ebenfalls eine Testphase durchgeführt wurde. Dort hatte sich die südkoreanische Schiedsrichterin Hyeon-jeong Oh bei der Erklärung einer Abseitsentscheidung versprochen. „Das ging total in die Hose und führte zu Unverständnis der Zuschauer“, schilderte Meier.
Zudem dürften die technischen Aspekte der Durchsagen nicht unterschätzt werden. „Funktioniert das alles? Es wird nicht einfacher für die Schiedsrichter“, prophezeit Meier.
NFL dient als Fußball-Vorbild
Erschwerend komme hinzu, dass sich die Referees oft in emotionalen und stressigen Situation erklären müssten. „Wenn es um einen Elfmeter oder eine Rote Karte geht, muss sich der Schiedsrichter erden können und ruhiger werden“, erläuterte der 66-Jährige.
„Man muss ruhig sein in der Stimme, dass man auch dementsprechend rüberkommt im Stadion. Das ist nicht einfach“, so Meier weiter. Nach SPORT1-Informationen stößt die Neuerung bei den Unparteiischen tatsächlich auf breite Skepsis und sogar Ablehnung.
Meier kann die Bedenken der Schiedsrichter grundsätzlich nachvollziehen. „Aber es gibt andere Vorbilder, wie im Rugby oder American Football. Dort gibt es auch Schiedsrichter, die im Stress genau erklären, was passiert ist.“
Die Präzision und Klarheit, mit der Entscheidungen in diesen Sportarten vermittelt werden, beeindruckt Meier: „Ich habe jedes Mal das Gefühl: ‚Wow, sensationell, wie das erklärt wird.‘“
Durchsagen als Mehrwert für die Schiedsrichter?
Laut Meier könnten die Stadiondurchsagen auch einen Mehrwert für die Referees selbst haben: „Meiner Meinung nach gewinnen die Schiedsrichter an Persönlichkeit, wenn es gut und technisch einwandfrei läuft“, argumentierte Meier.
Allgemein müsse man aber abwarten, wie die Testphase funktioniere: „Der eine wird es sicher besser schaffen, der andere eher weniger gut. Aber grundsätzlich ist es gut, wenn die Schiedsrichter zur Klarheit beitragen können.“
Für Meier ist die Einführung von Stadiondurchsagen nur der erste Schritt auf dem Weg zu mehr Transparenz.
Der 66-Jährige: „Vielleicht wird es irgendwann auch im Bild kommen. Das wird sicher der nächste Schritt sein. Dass die Zuschauer im Stadion abgeholt werden und wissen, warum wurde dieses Tor annulliert, warum wurde dieser Elfmeter gegeben. Das ist sicher auch im Sinne der Schiedsrichter.“
2. Bundesliga: Düsseldorf macht den Anfang
Den Start der Testphase macht am Samstag die Zweitliga-Partie zwischen Fortuna Düsseldorf und dem SSV Ulm (ab 13 Uhr im LIVETICKER), es folgen die Begegnungen des FC Bayern gegen Holstein Kiel und St. Pauli gegen den FC Augsburg in der Bundesliga (ab 15.30 Uhr im LIVETICKER).
Am Sonntag werden die Durchsagen auch in den Stadien von Eintracht Frankfurt (gegen den VfL Wolfsburg, 15.30 Uhr) und von Bayer Leverkusen (gegen die TSG Hoffenheim, 17.30 Uhr) zu hören sein.