Alexander Blessin hatte gehofft, das Derby käme zur richtigen Zeit. Nach den Last-Minute-Niederlagen gegen den VfL Wolfsburg (1:2) und Borussia Dortmund (2:3) sollte das Duell mit dem Hamburger SV für einen Schub sorgen. Das Gegenteil war der Fall. „Ich dachte, wir wären weiter“, sagte der total enttäuschte Trainer des FC St. Pauli nach dem 0:0 im Millerntor-Stadion.
Beim FC St. Pauli geht die Angst um
Die Angst geht um am Millerntor
Die Liste der Mängel war lang. „In der ersten Halbzeit gewinnt der HSV 63 Prozent der Zweikämpfe. Das darf bei einem Abstiegs-Derby einfach nicht sein“, kritisierte er.
„Wir waren bei den zweiten Bällen nicht präsent, sind nicht nachgerückt“, redete er sich in Rage. „Wir hatten Ballverluste, die normalerweise bestraft werden.“ Nicht einmal die Standards hätten funktioniert: „Acht Ecken – und sechs davon kommen nicht über den ersten Pfosten hinaus.“
Nach dem dritten Spieltag ging es bergab
Das größte Problem aber spielte sich wohl im Kopf ab. „Vielleicht war die Angst vorhanden, dass wir am Ende wieder ein Gegentor fressen.“ Soll heißen: Der FC St. Pauli ist verunsichert – aus nachvollziehbaren Gründen. Nur eines der vergangenen 15 Ligaspiele wurde gewonnen.
Kurios: Mehr als die Hälfte der 13 Punkte – nämlich sieben Zähler - wurde an den ersten drei Spieltagen errungen. In den nachfolgenden 15 Partien kamen nur sechs Zähler hinzu.
Was jetzt noch Mut macht? „Wir haben im letzten Jahr den Klassenerhalt unter der Prämisse geschafft, dass die Basis unser Defensivverhalten ist. Daran wird sich nichts ändern“, gibt Blessin die Richtung vor. Die Realität sieht anders aus: Vergangene Spielzeit ließ St. Pauli die zweitwenigsten Gegentore (41) hinter dem FC Bayern München (32) zu. Nun kassierten sie nach 18 Saisonspielen bereits 31 Gegentreffer.
In zwei der vergangenen 16 Ligaspiele blieben sie ohne Gegentor, bekamen dann aber auch selber keinen Treffer zustande – so wie gegen den HSV. „Zu Null zu spielen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wir müssen auch Tore schießen, um Spiele zu gewinnen“, stellte der Defensiv-Allrounder Eric Smith klar. „In unserer aktuellen Situation reicht es nicht, nur einen Punkt pro Spiel zu holen.“
Trainer-Gerüchte, geplatzter Wunsch-Transfer
Die Stimmung ist angespannt – auch wegen anderer Themen. Blessin reagierte genervt, als er von Sky auf die Gerüchte angesprochen wurde, er könne ein Kandidat für Eintracht Frankfurt sein. „Lass uns über etwas Anderes reden. Über so etwas brauchen wir nicht zu reden“, motzte er.
Auch auf dem Transfermarkt läuft es durchwachsen. Samstagvormittag wurde immerhin bekanntgegeben, dass der 28-jährige Mittelfeldspieler Mathias Rasmussen von Union Saint-Gilloise nach Hamburg wechselt. Er soll im Zentrum für Ordnung sorgen.
Doch was ist mit der Offensive? Flügelspieler Morgan Guilavogui (RC Lens), der vergangene Saison sieben Pflichtspiel-Tore für St. Pauli erzielte, galt als möglicher Kandidat für eine erneute Ausleihe. Laut dem Hamburger Abendblatt wechselt der 27-Jährige nun aber wohl in die nordamerikanische Major League Soccer (MLS) zu Real Salt Lake City.
Dabei täte der Mannschaft mehr Effektivität gut. Mit Ausnahme von Stürmer Andréas Hountondji, der aufgrund eines Haarrisses am linken Sprunggelenk noch lange ausfallen dürfte, hat kein Spieler in dieser Saison mehr als zwei Bundesliga-Tore erzielt. „Wir werden die Augen und Ohren offenhalten, wenn sich etwas ergibt“, sagte Blessin über mögliche Transfers. „Ansonsten gilt das Vertrauen den Jungs, die hier sind und die alles reinschmeißen werden.“
Viele Spiele, kein Lehrvideo
Der Spielplan von St. Pauli ist eng getaktet. Bereits am Dienstag findet das Nachholspiel gegen RB Leipzig statt. Warum ausgerechnet gegen eine solche Top-Mannschaft die Wende gelingen könnte?
„Es ist ein Heimspiel. Leipzig hat extrem viel Qualität. Aber wir haben in der letzten Saison gezeigt, dass wir eklig gegen Leipzig sein können“, so Verteidiger Hauke Wahl. Das Heimspiel gegen RB endete damals mit 0:0.
Samstag folgt das wichtige Auswärtsspiel beim direkten Konkurrenten FC Augsburg, drei Tage später das DFB-Pokal-Viertelfinale bei Bayer Leverkusen. Es gibt also gute Gründe, das Derby schnell hinter sich zu lassen. Dies wäre auch im Sinne von Blessin, denn: „Ein Lehrvideo brauche ich von dem Spiel nicht zu machen.“