Als Bayer Leverkusen am Mittwochabend den Einzug in die Playoffs der Champions League perfekt machte und die relativ teilnahmslos wirkenden Gäste vom FC Villarreal mit einem 3:0 zurück nach Spanien schickte, war Eliesse Ben Seghir gar nicht dabei. Der eigentlich feine Techniker, der im Rheinland bislang spürbar mit seiner Umgebung fremdelt, fehlte verletzt. Gesprächsgegenstand war seine Person im Nachgang dennoch – wegen der Gerüchte, die in den vergangenen Tagen aufgekommen waren.
Bundesliga: 32 Millionen - wofür?
Bislang ein großes Rätsel
Konfrontiert mit den Medienberichten, wonach der im Sommer für viel Geld verpflichtete Mittelfeldspieler den Klub womöglich schon wieder verlassen könnte – zumindest vorübergehend –, reagierte Geschäftsführer Simon Rolfes zunächst ein wenig ausweichend. Man gehe davon aus, dass Ben Seghir auch die Rückrunde in Leverkusen verbringen werde. „Es ist der Stand, dass er bleibt“, sagte Rolfes, um dann doch noch nachzuschärfen: „Er wird hierbleiben.“
Leverkusen hatte große Erwartungen bei Ben Seghir
Zuvor waren Meldungen über einen Austausch zwischen Bayer 04 und der AS Monaco kursiert, Ben Seghirs ehemaligem Verein. Im Raum stand demnach eine Rückkehr in die Ligue 1 auf Leihbasis bis zum Saisonende – als Versuch, dem 20-Jährigen an vertrauter Wirkungsstätte wieder zu alter Stärke zu verhelfen. Mittlerweile sollen die Gespräche jedoch auf Eis liegen. Wer eigentlich was will und wie ernst die Überlegungen waren, bleibt unklar. Fest steht nur: Das Kapitel Ben Seghir in Leverkusen ist um ein weiteres Mysterium reicher.
Rätsel gab es um seine Person nämlich schon einige. Ende August war Ben Seghir unter großen Erwartungen zur Werkself gewechselt. Rund 32 Millionen Euro überwies Bayer an Monaco, der Offensivspieler unterschrieb einen Vertrag bis 2030 und galt als einer der spannendsten Neuzugänge des Sommers. Ben Seghir sollte helfen, den schmerzhaften Abgang von Florian Wirtz zum FC Liverpool aufzufangen. „Er wird unserer Offensive zusätzlichen Schub verleihen“, sagte Rolfes damals.
Das Problem: Bislang ist genau das ausgeblieben. In vier Startelfeinsätzen zu Saisonbeginn konnte der hochtalentierte Marokkaner nicht überzeugen, danach fand er sich meist auf der Bank wieder. Sein letzter Einsatz von Beginn an datiert aus dem Zweitrundenspiel im DFB-Pokal Ende September beim SC Paderborn. Im Anschluss folgten nur noch sporadische Kurzeinsätze – spätestens vor seiner Abreise zum Afrika-Cup Mitte Dezember war Ben Seghir dann sportlich quasi komplett außen vor.
Rolfes versuchte, die Situation seines Schützlings zu erklären. „Als er viel gespielt hat, war die Mannschaft von der Struktur her noch auf der Suche“, sagte er. Die Zehnerräume seien damals nicht gut besetzt gewesen, „das machen wir jetzt besser“. Ein Kombinationsspieler wie Ben Seghir lebe jedoch vom Zusammenspiel, von Abläufen, die greifen. Kreative Momente, so Rolfes, entstünden nicht aus dem Nichts. Nach dem Trainerwechsel zu Kasper Hjulmand brauche das Zeit. Gleichzeitig ließ der Ex-Profi keinen Zweifel daran, dass er auch beim Spieler selbst Entwicklungspotenzial sieht.
Ben Seghir muss sich noch an Bundesliga-Niveau gewöhnen
An die Intensität der Bundesliga müsse sich Ben Seghir erst gewöhnen und „physisch zulegen“, erklärte Rolfes weiter. Verletzungsbedingte Rückschläge in der Vorbereitung hätten den Einstieg zusätzlich erschwert. „Er ist zum ersten Mal von zu Hause weg, muss sich sozial und fußballerisch akklimatisieren“, so der Bayer-Geschäftsführer. Der Klub arbeite deshalb „intensiv“ daran, ihn körperlich robuster zu machen – und damit zu einem „kompletten Spieler“. Und am besten so schnell wie möglich zu einem, der sein Selbstvertrauen zurückgewinnt.
In Leverkusen zweifelt an der grundsätzlichen Qualität des Offensivspielers nach wie vor niemand. Neun Scorerpunkte in der vergangenen Ligue-1-Saison und Champions-League-Erfahrung sprechen für sich und nicht umsonst galt Ben Seghir im Sommer als eines der begehrtesten Mittelfeldtalente Europas. Allerdings lief es schon in Monaco nach einer starken Hinrunde nicht mehr rund. In der Rückserie verlor er seinen Stammplatz, die bis heute letzte Torbeteiligung datiert aus dem Februar 2025. Eine halbe Ewigkeit ist das her.
Für Bayer kam Ben Seghir bislang wettbewerbsübergreifend auf zwölf Einsätze – ohne Tor, ohne Assist, dafür mit vielen Fragezeichen. Zusätzliche Verwirrung entstand, als Marokkos Nationaltrainer Walid Regragui am Rande des Afrika-Cups erklärte, sein Spieler habe seit drei Monaten mit einer Schambeinentzündung zu kämpfen. War das etwa der Grund, warum er in Leverkusen nie richtig Fuß fassen konnte? Rolfes verneinte und beschwichtigte: „Die Aussage hört sich dramatischer an, als sie ist.“ Doch inzwischen ist der Youngster tatsächlich verletzt.
Bayer-Neuzugang fehlt vorerst verletzt
Der Jungprofi zog sich vor dem verlorenen Finale des Afrika-Cups gegen den Senegal eine Bänderverletzung im linken Sprunggelenk zu und muss vorerst pausieren. „Mehrere Wochen wird er auf alle Fälle fehlen“, schilderte Rolfes am Mittwoch. „Wie der Heilungsverlauf dann genau ist, müssen wir sehen. Das ist noch nicht seriös zu definieren. Aber ein paar Wochen werden es garantiert sein.“ Um das wahre und erhoffte Gesicht von Ben Seghir zu sehen, wird es noch einige Zeit dauern.
Klar ist also: Erst die kommenden Monate werden zeigen, ob sich der Transfer langfristig auszahlt – sofern Rolfes nicht doch noch umdenkt und den Offensivspieler vorübergehend zurück nach Monaco verleiht. Zum ersten Mal muss sich Ben Seghir fernab seiner südfranzösischen Heimat behaupten, in einem neuen Land, mit neuer Sprache und in einer Liga, die andere Anforderungen stellt. Für Trainer Hjulmand wird entscheidend sein, ihn mit Ruhe und Augenmaß an die Mannschaft heranzuführen.
Wie geht es mit Ben Seghir weiter?
Wie es offenbar nicht laufen sollte, zeigte sich vor rund einem Jahr in Monaco. Dort war das Verhältnis zwischen Ben Seghir und Trainer Adi Hütter vor dem Jahreswechsel angespannt. Auslöser soll gewesen sein, dass Hütter den Spieler nach einer Blessur rasch wieder einsetzen wollte. Ben Seghir fühlte sich unter Druck gesetzt, verlor Vertrauen und verweigerte eine vorzeitige Vertragsverlängerung. Die Einsatzzeiten schrumpften, Angebote folgten – Leverkusen griff zu. Nun will man ihm genau das geben, was ihm damals gefehlt haben soll: Zeit. Damit all die Rätsel bald enden.
Warum spielt ein Neuzugang, der so viel Geld gekostet hat, fast nie? Wieso wirkt er bei seiner Ankunft körperlich so weit entfernt vom Bundesliga-Niveau? War Ben Seghir womöglich doch monatelang angeschlagen, wie Regragui andeutete? Und schafft er es tatsächlich noch, nach seiner Verletzungspause den enorm hohen Erwartungen gerecht zu werden? In Leverkusen würden sie sich jedenfalls freuen, wenn die Antworten bald nicht mehr nur Fragezeichen, sondern positive Schlagzeilen liefern.