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Emotionale Erinnerungen sich an Enke: "Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll"

„Das absolute Tabu ist gefallen“

Marco Villa spielte gemeinsam mit Robert Enke für Borussia Mönchengladbach. Im SPORT1-Interview erinnert er sich an seinen früheren Weggefährten und spricht über das Thema mentale Gesundheit.
Marco Villa war einer der engsten Wegbegleiter von Robert Enke, durfte als einer von wenigen hinter die Fassade des einstigen Nationalkeepers blicken. Im SPORT1-Interview spricht er über Enkes Tod und die Lehren, die der Profifußball daraus gezogen hat.
Marco Villa spielte gemeinsam mit Robert Enke für Borussia Mönchengladbach. Im SPORT1-Interview erinnert er sich an seinen früheren Weggefährten und spricht über das Thema mentale Gesundheit.

Am Bökelberg, dem Ort, an dem Robert Enke einst seine Bundesliga-Karriere als Torwart begann, wird die Erinnerung an ihn lebendig.

Für Marco Villa ist dieser Platz mehr als nur das ehemalige Stadion von Borussia Mönchengladbach – er ist ein Ort voller Emotionen, Träume und Geschichten von Leidenschaft, Druck und menschlicher Verletzlichkeit.

Im exklusiven SPORT1-Gespräch blickt der 47-Jährige auf Enkes Karriere und dessen tragisches Ende durch Suizid zurück. Gleichzeitig spricht Villa über den Umgang mit Druck und Erwartungen im Profifußball heute – mit Beispielen von Sandro Wagner, Max Eberl und Said El Mala – und erklärt, wie wichtig mentale Gesundheit für Spieler aller Generationen ist.

SPORT1: Herr Villa, was bedeutet Ihnen dieser Ort, wenn Sie hier stehen und an damals denken?

Marco Villa: Sehr viel. Emotion. Jugend. Träume. Wir waren hier am Anfang unserer Karrieren. Unser Ziel war von klein auf klar: Profifußballer werden. Und genau hier ist dieser Traum Realität geworden. Das verbinde ich mit diesem Ort – und mit Robert. Viele Emotionen.

Villa über Enke: „Das hat ihn menschlich sehr mitgenommen“

SPORT1: Wie erinnern Sie sich an Robert Enke hier am Bökelberg – als Freund, als Torwart, als Mensch?

Villa: Es war eine komplizierte Zeit für ihn, gerade am Anfang. Er kam aus Jena, war dort Stammtorhüter. Das war für ihn normal. Und dann kommt er nach Gladbach und ist zunächst dritter Torhüter. Das hat ihn menschlich sehr mitgenommen. Man hat gemerkt, dass er häufig nachdenklich war, nicht besonders positiv. Das änderte sich erst, als er mehr beachtet wurde, mehr Aufmerksamkeit bekam – erst als Nummer zwei, dann als Nummer eins. Bei Robert waren Menschliches und Berufliches immer sehr eng miteinander verbunden.

SPORT1: Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass es ihm seelisch nicht gut ging?

Villa: Am Anfang habe ich das nicht erkannt. Ich habe es für eine normale Verstimmung gehalten. Ich hatte keine Erfahrung mit Depressionen, keine Berührungspunkte. Erst später, zu seiner Zeit beim FC Barcelona, wurde ich wirklich damit konfrontiert – zunächst über seine Frau Teresa, dann im Gespräch mit ihm selbst.

SPORT1: Der FC Barcelona war für Robert Enke ein großer Bruch. Können Sie darauf noch einmal eingehen?

Villa: Barca war die Station, bei der ich erstmals von Roberts psychischen Problemen erfahren habe. Er wurde unter Louis van Gaal als Nummer eins geholt – und fand sich wenige Monate später auf der Tribüne wieder, nur noch als dritter Torhüter. Das hat ihn sehr belastet und war der Moment, in dem er erstmals in ein sehr tiefes Loch gefallen ist.

Villa: „Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll“

SPORT1: Was hat er Ihnen damals gesagt?

Villa: Er hat beschrieben, wie schwer ihm der Alltag fällt, wie schlecht es ihm geht und wie sehr er leidet. Das von einem Menschen zu hören, mit dem man so eng verbunden ist, ist im ersten Moment erschreckend. Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll.

SPORT1: Wie haben Sie versucht, für ihn da zu sein?

Villa: Der Umgang mit dieser Erkrankung ist sehr individuell. Zuhören war für mich entscheidend. Verständnis ebenso. Ich habe mich nie in der Position gesehen, Ratschläge zu geben. Für mich war wichtig, präsent zu sein, einfach da zu sein.

SPORT1: Gibt es etwas, das Sie im Rückblick anders machen würden?

Villa: Ich habe damals so reagiert, wie ich es für richtig hielt – für ihn, für das Umfeld, auch für mich. Es bringt nichts, sich heute zu fragen, was hätte anders sein können. Es war so, wie es war.

SPORT1: Marc-André ter Stegen lässt sich sportlich in Teilen mit Robert Enke vergleichen. Auch er hatte zuletzt beim FC Barcelona eine schwierige Situation. Sehen Sie Parallelen?

Villa: Ja, die gibt es durchaus. Beide kamen von Borussia Mönchengladbach. Robert ging über Benfica nach Barcelona, Marc-André ter Stegen direkt. Ter Stegen hatte sehr gute Jahre, war lange unangefochtene Nummer eins und Kapitän. Und dann braucht man ihn plötzlich nicht mehr. Dir wird – offen oder unausgesprochen – signalisiert, dass du erst einmal nicht mehr gebraucht wirst. Die sportlich und wirtschaftlich angespannte Situation beim FC Barcelona spielt sicher eine Rolle. Aber sportlich ist das für ihn mit Sicherheit dramatisch. Er war Nummer eins im deutschen Tor – und plötzlich ist nicht mehr klar, ob er zur nächsten Weltmeisterschaft fährt oder nicht. Das ist eine sehr kritische und sicher keine einfache Situation.

Möglicher Wechsel von ter Stegen? „Ein logischer Schritt“

SPORT1: Jetzt steht ter Stegen offenbar vor einem Wechsel zum abstiegsbedrohten spanischen Erstligisten FC Girona.

Villa: Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es ein sportlicher Abstieg ist, weil der FC Girona nicht Barca ist. Aber Marc-André ter Stegen ist aktuell nur dritter Torhüter in Barcelona und hat in dieser Saison noch kein Spiel gemacht. Bei Girona wird er mit Sicherheit spielen. Von daher sehe ich das sportlich gar nicht als Abstieg. Er kann sich so wieder für die Nationalmannschaft empfehlen und die Chance wahren, bei der WM dabei zu sein. Das ist ein logischer Schritt – da ist es zweitrangig, welcher Verein das ist. Wichtig ist, dass er auf hohem Niveau spielen kann.

SPORT1: Sie sprechen von einem logischen Schritt – gab es so einen Karriereweg nicht schon einmal?

Villa: Es gibt hier auch eine Parallele zu Robert, der diesen Weg ebenfalls gegangen ist, damals über Teneriffa. Das war für ihn eine der besten Entscheidungen, anstatt bei Barca zu bleiben. Robby hat es damals gewagt, in die zweite Liga in Spanien zu wechseln. Persönlich und sportlich hatte er dort eine sehr gute Zeit und rückte wieder stärker in den Fokus, sodass er schließlich in der Bundesliga bei Hannover 96 landete und so den Weg zurück ins Tor der Nationalelf fand.

SPORT1: Begleitet Robert Sie heute noch im Alltag?

Villa: Ja, sehr. Wenn man an gemeinsame Orte zurückkehrt, wenn man Bilder oder Videos sieht, wenn man über gemeinsame Urlaube spricht – dann ist er sehr präsent. Das hört nicht auf.

SPORT1: Warum war es Ihnen wichtig, heute hier zu sprechen?

Villa: Weil ich das Positive darin sehe. Dass wir weiterarbeiten müssen, damit sich etwas ändert. Damit andere Menschen Hilfe bekommen – und es nicht denselben Ausgang nimmt wie bei Robert. Vor allem müssen wir präventiv arbeiten. Da haben wir noch viel Potenzial.

SPORT1: Wie würden Sie den öffentlichen Druck beschreiben, dem Robert ausgesetzt war?

Villa: Viele Sportler machen sich selbst extremen Druck: immer höher, immer weiter. Das ist einerseits der Motor für Spitzenleistung, andererseits wirkt man immer etwas unzufrieden. Robert hatte in Hannover sportlich alles erreicht – er war Torwart des Jahres, Nationalspieler. Und trotzdem wurde er medial ständig mit anderen verglichen, häufig mit René Adler - obwohl dieser nichts dafür konnte.

„Das absolute Tabu ist gefallen“

SPORT1: Was hat sich seit 2009 im Umgang mit psychischer Gesundheit im Fußball verändert?

Villa: Es hat sich etwas verändert. Das absolute Tabu ist gefallen. Sportler sprechen heute darüber – Michael Phelps, Lindsey Vonn, Trainer wie Ralf Rangnick oder Ottmar Hitzfeld. Aber psychische Erkrankungen sind gesellschaftlich noch immer nicht vollständig akzeptiert. Dabei sind sie behandelbar. Und Menschen können danach wieder vollständig am Berufsleben teilnehmen – oft sogar gestärkt.

SPORT1: Welche Rolle spielt Social Media?

Villa: Eine enorme. Heute ist alles öffentlich: jedes Spiel, jeder Fehler, jede Reaktion. Nichts bleibt verborgen. Das erhöht den Druck massiv – für Sportler und für alle Menschen im Rampenlicht.

SPORT1: Max Eberl ist ein prominentes Beispiel. Er trat Ende Januar 2022 bei Borussia Mönchengladbach wegen eines Burnouts zurück und ist heute Sportvorstand beim FC Bayern. Wie haben Sie den Umgang mit ihm damals erlebt?

„Eberl musste viel ertragen“

Villa: Ich fand es so schade, wie wenig sensibel mit ihm umgegangen wurde. Und wieder wurde etwas Schlechtes gesucht. Ich glaube nicht, dass jemand eine psychische Erkrankung erfindet. Für Menschen ist es wichtig, wieder Aufgaben zu haben, wieder Alltag zu leben. Max Eberl ist für mich ein positives Beispiel dafür. Er hat alles richtig gemacht, ich freue mich über seinen Erfolg mit Bayern. Eberl musste viel ertragen, aber er ist auch im Sturm in München stehen geblieben.

SPORT1: Gibt es Schutzmechanismen gegen öffentlichen Druck und Shitstorms?

Villa: Wichtig ist, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Wenn der Sport wegfällt und nichts anderes da ist, wird es gefährlich. Menschen brauchen andere Interessen, andere Rollen im Leben.

SPORT1: Was hat sich konkret in der Betreuung von Profis verbessert?

Villa: Sportpsychologen gehören heute häufiger dazu, sind aber noch immer kein Standard. Im Nachwuchsbereich sind sie teilweise besser vertreten als in den ersten Mannschaften. Allerdings geht es dabei oft primär um Leistungsoptimierung.

SPORT1: Wo sehen Sie trotz dieser Fortschritte weiterhin Defizite – insbesondere mit Blick auf Prävention und mentale Gesundheit?

Villa: Was mir fehlt, ist echte Prävention: jemand, der sich um den Menschen kümmert – nicht nur um den Sportler. Eine Figur wie den Sportpsychiater. Gerade junge Spieler, die früh von zu Hause weggehen, benötigen eine kontinuierliche Begleitung.

„Junge Spieler werden oft wie Ware behandelt“

SPORT1: Wo sehen Sie die größten Risiken im Nachwuchsbereich?

Villa: Der Fußball ist ein riesiges Geschäft geworden. Junge Spieler werden oft wie Ware behandelt und aussortiert. Gerade in der Pubertät ist das extrem belastend. Deshalb braucht es Alternativen, Interessen und Perspektiven außerhalb des Sports.

SPORT1: Fördern Vereine aktiv psychische Gesundheit?

Villa: Eher selten. Der Fokus liegt auf Erfolg. Bleibt der aus, ist man schnell weg – egal ob Spieler oder Trainer.

SPORT1: Wie sehen Sie das Beispiel Sandro Wagner?

Villa: Mit dem Bayern-Satz hat er natürlich den Medien Futter gegeben. Aber mit Sandro Wagner wurde nicht gut umgegangen, da sollte sich die Medienwelt hinterfragen. Es war nicht richtig, immer wieder diesen Satz zur Qualität herauszustellen. Warum? Hier wurde auf Wagner einfach nur draufgehauen. Man muss einem Menschen auch mal eine unglückliche Aussage zugestehen. Jeder sollte sich selbst hinterfragen. Irgendwann gehört auch mal der Deckel drauf. Ich habe nicht verstanden, dass Wagner so stark kritisiert wurde. Momentan ist es eine schwierige Situation für ihn. Ihm bricht auch der ganze Alltag weg.

SPORT1: Ähnlich wie einst bei Sebastian Deisler gibt es aktuell einen großen Hype um Said El Mala aus Köln. Wie bewerten Sie den Umgang mit jungen Spielern in solchen Situationen?

Villa: Da stellt sich für mich die Frage, ob man wirklich feinfühlig mit einem jungen Spieler umgeht, der vor allem eines ist: Mensch. Ich schätze Julian Nagelsmann so ein, dass er diese Sensibilität hat und den Spielern das auch entsprechend kommuniziert. Deshalb hoffe ich, dass dieser Schritt abgesprochen war und dass der Spieler das selbst richtig einordnen konnte. Ansonsten ist dieses Gefühl von „Ich werde gebraucht“ und „Ich werde nicht gebraucht“ sehr schwierig. Dieses Hin- und Herschieben kann gerade für junge Spieler belastend sein. Ich halte es deshalb für sinnvoller, junge Spieler Schritt für Schritt heranzuführen und sie nicht sofort ins kalte Wasser zu werfen. Und wenn es Phasen gibt, in denen es sportlich nicht so gut läuft, sollte man nicht aufhören, mit ihnen zu sprechen oder sie einzubeziehen.

Villa über Enke: „Robby fehlt mir“

SPORT1: Möchten Sie zum Abschluss eine Botschaft an Spieler, Familien oder Verantwortliche richten?

Villa: Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft im Umgang mit psychischen Erkrankungen verständnisvoller werden. Weniger schnell urteilen. Mehr zuhören. Das würde uns allen guttun.

SPORT1: Gibt es etwas, das Sie Robert Enke heute sagen würden?

Villa: Viele sehr persönliche Dinge. Und vor allem: Es ist einfach schade, dass er nicht hier ist. Robby fehlt mir.