Hans Sarpei steht für klare Worte. Mit „Leben läuft“ unterhält er auf Instagram – im exklusiven SPORT1-Interview wird der frühere Schalke-Profi ernst: Er spricht über Rassismus, persönliche Erfahrungen und prägende Spieler der Hinrunde.
Sarpei mit Klartext zum Thema Rassismus: "Strafen sind zu weich"
Sarpei legt in WM-Debatte nach
SPORT1: Herr Sarpei, wie kamen Sie auf die Idee mit diesen Filmchen zu jedem Spieltag? Und warum eigentlich dieses Motto?
Hans Sarpei: Wie kam ich auf die Idee? Das war eigentlich ziemlich ungeplant. Borussia Dortmund hat mit Niko Kovac verlängert, und ich habe mir gedacht: Warum verlängern die eigentlich mit dem? Es läuft alles gut – und ein paar Monate später wird der Trainer entlassen. Dieses Muster kennt man ja. Dann habe ich gemerkt: Es gibt viele Influencer, die über Fußball reden. Aber kaum jemanden, der selbst gespielt hat und aus dieser Perspektive spricht. Also dachte ich: Lass es uns einfach versuchen.
Sarpei: „Wir haben alle Sorgen und Probleme“
SPORT1: War das von Anfang an als etwas Größeres gedacht – oder eher ein Experiment?
Sarpei: Gar nicht. Das Motto „Leben läuft“ kam dann noch dazu. Wir alle haben Sorgen und Probleme – im Fußball, in der Gesellschaft, privat, in der Familie. Aber das Leben läuft trotzdem weiter, auch wenn es gerade nicht gut läuft. Ich wollte nicht nur meine Meinung zum Fußball geben, sondern auch Mut, Freude und positive Energie. Ich habe das alles nicht groß geplant. Ich habe es einfach gemacht. Und dann haben mich viele Leute darauf angesprochen. Wenn ich im Stadion bin, rufen die Leute: „Leben läuft! Leben läuft!“ – das wurde richtig gut angenommen. Ich benutze diesen Spruch auch privat schon lange. Wenn ein Freund etwas Gutes oder Schlechtes erzählt, sagt man: „Boah, bei dir – Leben läuft.“ Dann lachen wir. Das ist authentisch, das passt zu mir.
SPORT1: Ihr Trainer bei Schalke 04 war Ralf Rangnick. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Sarpei: Leider nicht. Aber er war und ist ein super Trainer.
SPORT1: Was macht ihn so besonders?
Sarpei: Er hat eine klare Idee vom Fußball, ist menschlich top, versteht Spieler, entwickelt junge Talente und krempelt Vereine um.
Sarpei lobt Ex-Klub: „Schalke tickt wieder richtig“
SPORT1: Schalke ist Herbstmeister – Ihre Einschätzung?
Sarpei: Sensationell. Nicht nur der Tabellenplatz, sondern die Art. Schalke tickt wieder richtig. Es wird malocht, junge Spieler rücken nach. Leben läuft! Wenn sie aufsteigen, reißt die Stadt ab. Schalke gehört in die Bundesliga.
SPORT1: Sie haben über Spielsucht bei Ex-Profis gesprochen. Können Sie das erklären?
Sarpei: Ich kann keine Namen nennen. Aber ich habe gesehen, was das mit Menschen und Familien macht. Irgendwann kannst du keinen Sport mehr schauen, ohne Geld drauf zu setzen. Dann verlierst du 100.000 Euro an einem Tag – und es juckt dich nicht mehr. Das ist eine Krankheit. Darüber muss viel mehr gesprochen werden.
Sarpei mit Klartext zum Thema Rassismus: „Strafen sind zu weich“
SPORT1: Leider ist erneut auch Rassismus ein Thema im Fußball. Ein Vorfall ereignete sich Anfang November beim Spiel 1860 München gegen Energie Cottbus.
Sarpei: Ich kenne das leider, seit ich lebe - und mich macht sprachlos, dass Vereine seit Jahren dieselben Statements posten und nichts passiert. Es gibt tausende Kameras. Täter kann man finden. Aber die Strafen sind zu weich. So ändert sich nichts. Wir müssen stark bleiben.
SPORT1: Sie selbst sind von Rassismus-Erfahrungen nicht verschont geblieben ...
Sarpei: Richtig. In Cottbus wurde ich mit Bananen beworfen, Affengeräusche, das N-Wort. Es war brutal. Niemand kam zu mir, ich sollte einfach weiterspielen. Oder als Kind: Ich war zwölf, ein Junge sagte zu seiner Mutter: „Da ist ein Schwarzer.“ Sie antwortete: „Ja, das ist ein Neger.“ Ich habe so getan, als hätte ich es nicht gehört. Solche Dinge begleiten dich ein Leben lang.
WM 2026? „Es ist kein Losglück“ für Deutschland
SPORT1: Das Thema WM haben Sie stark im Blick. Viele sprechen von Losglück für die Deutschen. Wie sehen Sie das?
Sarpei: Ich habe gedacht: machbar – aber kein Selbstläufer. Es ist kein Losglück. Wenn Deutschland so spielt wie in der Qualifikation, bekommen sie Probleme. Viele kennen nur europäische Teams. Die Elfenbeinküste zum Beispiel: Viele denken an alte Namen wie Didier Drogba. Aber diese Mannschaften können an einem guten Tag jeden schlagen.
SPORT1: Wie ist das Niveau der afrikanischen Teams?
Sarpei: Gut bis sehr gut. Die Qualität ist da, viele spielen bei Topklubs in Europa. Die Frage ist: Kriegen sie es als Mannschaft auf den Platz? Organisation und Disziplin waren immer das Thema. Wenn sie das hinkriegen, bekommt Deutschland ein Problem.
SPORT1: Sie haben Christoph Kramer widersprochen, als es um die Zuteilung der WM-Plätze für europäische Mannschaften im Vergleich zu anderen Kontinenten ging. Warum?
Sarpei: Europa hat bereits 16 Plätze – früher waren es zwölf. Trotzdem ist Italien nicht dabei. Wessen Schuld ist das? Nicht die der anderen Kontinente. Es ist eine Weltmeisterschaft. Afrika, Südamerika, Europa – alle sollen vertreten sein. Wenn man nur Europa will, dann soll man eine Europa-WM machen. Kap Verde hat Kamerun rausgeworfen – das haben sie sich verdient. Deutschland muss auf der Hut sein.
„Dieser Gedanke ist gefährlich“
SPORT1: Ist Deutschland trotzdem eine Turniermannschaft?
Sarpei: Früher ja. In den letzten Jahren eher nicht. Dieser Gedanke „Wir kommen schon irgendwie weiter“ ist gefährlich. Das Niveau wird sehr hoch sein. Wenn du nicht weiterkommst, hast du es auch nicht verdient.
SPORT1: In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über eine Rückkehr von Manuel Neuer ins Tor der deutschen Nationalmannschaft diskutiert. Sollte er noch einmal zurückkommen?
Sarpei: Manu ist immer noch der beste Torwart der Welt. Seine Leistungen sind top. Aber er ist zurückgetreten – das war seine Entscheidung. Von ihm kommt nichts. Man kann ihn nicht immer zurückholen. Oliver Baumann macht es gut, er macht keine gravierenden Fehler. Man sollte ihn stärken. Ter Stegen ist aktuell keine Option.
SPORT1: Ist es richtig, dass Julian Nagelsmann an Leroy Sané festhält?
Sarpei: Nagelsmann hat ihn auch schon draußen gelassen. Einen Denkzettel gab es. Die öffentliche Kritik war krass. Sané hat enorme Qualität. Er muss konstanter werden, wie beim 6:0 gegen die Slowakei. Ihn nicht einzuladen, weil er in der Türkei spielt, fand ich nicht okay. Wenn alle fit sind, sehe ich ihn nicht in der ersten Elf – aber seine Qualität steht außer Frage.
Adeyemi? „Aktuell mehr Baustelle als Faktor“
SPORT1: Was fällt Ihnen beim Namen Karim Adeyemi ein? Zuletzt sorgte er nach seiner Auswechslung gegen Borussia Mönchengladbach zum wiederholten Mal für Ärger. Sollte der BVB ihn verkaufen?
Sarpei: Karim Adeyemi ist ein Riesentalent, aktuell aber mehr Baustelle als Faktor. Ein Verkauf wäre nachvollziehbar – ihn zu behalten aber ebenso, wenn man ihn wirklich entwickeln will. Dann braucht es klare Kommunikation, Vertrauen und Führung – nicht nur Strafen.
SPORT1: Nico Schlotterbeck zeigt auf das Logo auf dem Trikot, zögert aber, seinen Vertrag zu verlängern und kritisiert stattdessen Mitspieler. Wie bewerten Sie das?
Sarpei: Nico Schlotterbeck will als Führungsspieler wahrgenommen werden – das ist legitim. Öffentliche Kritik darf es geben, problematisch wird es, wenn sie sehr konkret einzelne Mitspieler trifft. Das gehört intern geklärt. Wenn du das Logo zeigst, sendest du ein starkes Signal. Wenn du bleiben willst, dann bekenne dich. Wenn du zweifelst, sei leiser. Aktuell wirkt es mehr wie Symbolik ohne Konsequenz.
SPORT1: Wer war Ihr Spieler der Hinrunde – und warum?
Sarpei: Michael Olise ist mein Spieler der Hinrunde. Sein Spiel wirkt wie Musik: fließend, rhythmisch, stimmig. Kein Chaos, keine Hektik – einfach Fußball als Einheit.
Sicherheit vs. Fankultur? „Man muss miteinander reden“
SPORT1: Neben der Begeisterung für den Sport gibt es auch immer wieder Diskussionen über das Verhalten von Ultras im Stadion. Sie sind in der Hinrunde öfter ins Gerede gekommen, zuletzt gab es einen Vorfall in Leverkusen. Wie sehen Sie das?
Sarpei: Ich war selbst im Stadion und habe das erst später mitbekommen. Aber wenn erst die FC-Ultras gehen und dann die von Leverkusen – bei einem Derby, auf das sich alle gefreut haben – dann weißt du: Da muss etwas passiert sein. Sicherheit ist wichtig. Im Stadion sind Kinder, ältere Menschen, Familien. Aber Fans sind extrem wichtig für das Spiel. Für diese Stimmung werden wir im Ausland gefeiert.
SPORT1: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Sicherheit und Fankultur?
Sarpei: Ich glaube, man muss miteinander reden, aufeinander zugehen und diskutieren, wie man Sicherheit und Fankultur zusammen hinbekommt. Manchmal gehören solche Aktionen auch dazu, um wachzurütteln und zu zeigen: Hier läuft gerade etwas schief. Die Fans sind ja schon vorher erst nach zwölf Minuten ins Stadion gekommen, um Zeichen zu setzen. Es geht darum zu zeigen, dass Politik und Entscheider nicht einfach über Köpfe hinweg entscheiden können.
Sarpei: „Ich bin teilweise auf der Seite der Ultras“
SPORT1: Heißt das, Sie können viele Aktionen der Ultras nachvollziehen?
Sarpei: Ich bin teilweise auch auf der Seite der Ultras. Ganz ehrlich: Ich finde Bengalos geil – wenn es kontrolliert ist, wenn niemand gefährdet wird. Die Frage ist: Wie kriegen wir das gemeinsam sicher hin? Aber wenn Kontrollen wirklich so extrem waren, dann sage ich klar: Das geht nicht. Das sind Menschen. Man kann sie nicht behandeln, als würden sie einen Anschlag planen.
SPORT1: Aus Sicht von Kritikern haben Ultras inzwischen zu viel Macht.
Sarpei: Die Ultras haben Macht – die Frage ist, wie sie genutzt wird. Warum haben sie diese Macht? Da müssen sich die Vereine selbst hinterfragen. Uli Hoeneß hat mal gesagt, man müsse den Ultras die Macht wieder wegnehmen. Ein Stück weit hat er recht. Wir wollen Fans, wir wollen Stimmung – aber sie dürfen nicht alles allein entscheiden. Das muss gemeinsam mit dem Verein passieren. Es gibt Punkte, da haben Fans recht. Und es gibt Punkte, da funktioniert es nicht. Wenn Ultras etwas durchsetzen wollen, müssen sie auch verantwortungsvoll auftreten. Genau da geht es manchmal schief.