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VfB-Kapitän Karazor lobt Undav: "Ich habe die Kritik an ihm nie verstanden"

Karazor: „Es war keine leichte Zeit“

Atakan Karazor befindet sich mit dem VfB Stuttgart auf der Überholspur. Auch persönlich hat der Stammspieler sein Glück gefunden. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der VfB-Star auch über seinen Traum von der WM.
Atakan Karazor ist beim VfB Stuttgart wieder in seine Leaderrolle hineingewachsen - und träumt nun gar vom Bundesliga-Titel. Im SPORT1-Interview spricht er zudem über die Qualitäten von DFB-Stürmer Deniz Undav.
Atakan Karazor befindet sich mit dem VfB Stuttgart auf der Überholspur. Auch persönlich hat der Stammspieler sein Glück gefunden. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der VfB-Star auch über seinen Traum von der WM.

Kapitän Atakan Karazor ist wieder Stammspieler beim VfB Stuttgart - und ein Gesicht des aktuellen Hochs der Schwaben. Vor dem Heimspiel gegen den SC Freiburg am Sonntag (15:30 Uhr im LIVETICKER) spricht der 29-Jährige im exklusiven SPORT1-Interview offen über die Lehren seiner sportlichen Krise im Herbst 2025 – und darüber, warum Reife für ihn inzwischen wichtiger ist als alles andere.

SPORT1: Herr Karazor, der VfB hat gegen die Young Boys Bern mit 3:2 gewonnen, doch das Ziel der direkten Qualifikation für das Achtelfinale wurde verpasst. Nun müssen Sie in die Playoffs. Überwiegt nach dem Spiel eher die Erleichterung über den Sieg oder die Enttäuschung über den Umweg?

Atakan Karazor: Es freut uns, dass wir die Ligaphase mit einem Heimsieg gegen Bern abschließen konnten – vor allem vor unseren Fans, die erneut eine beeindruckende Choreo gezeigt haben. Jetzt freuen wir uns auf die Spiele gegen Celtic Glasgow. Wir wollen uns in den Playoffs durchsetzen und die nächste Runde erreichen.

SPORT1: Der VfB ist in der Bundesliga die Mannschaft der Stunde. In den vergangenen Wochen wirkt vieles sehr reif und stabil.

Karazor: Ich würde sagen, wir legen sehr viel Reife an den Tag – nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben. Die Jungs arbeiten sehr professionell, vor allem was Regeneration angeht. Einige Spieler haben in den zurückliegenden Spielen sehr viel Einsatzzeit gehabt, ich unter anderem. Da ist es besonders wichtig, auch neben dem Platz professionell zu bleiben. Natürlich ist nicht immer alles Gold, was glänzt, aber wir sind definitiv auf einem guten Weg. Die Fehler aus der Vergangenheit abzustellen – das ist unser Erfolgsrezept.

SPORT1: Welche Fehler meinen Sie?

Karazor: In der Regel geht es um Chancenverwertung, die Konzentration im letzten Drittel oder auch um das Abwehrverhalten. Wir haben gelernt, Spielsituationen besser zu bestimmen und auf dem Feld klarer miteinander zu kommunizieren. Gerade in unserem Defensivverbund war das in den vergangenen Wochen sehr gut. Diese Kommunikation war in der Vergangenheit nicht immer selbstverständlich. Mittlerweile würde ich sagen, wir treten sehr reif auf.

SPORT1: Der sportliche Lauf passt auch zu Ihrem persönlichen Eindruck.

Karazor: In der Bundesliga läuft es, in der Europa League müssen wir noch ein bisschen Gas geben, aber auch dort hatten wir gute Spiele. Das Spiel in Rom sehe ich eher positiv und energiegebend. Im Pokal sind wir ebenfalls noch dabei. Ich würde sagen, es läuft gerade vieles zusammen beim VfB. Wir wollen in allen Wettbewerben dranbleiben.

Karazor: „Man muss sich keine Sorgen um mich machen“

SPORT1: Sie sind wieder regelmäßig in der Startelf. Wie sehr genießen Sie das nach der schweren Zeit?

Karazor: Was heißt genießen? Ich freue mich über gute Leistungen, aber als Teamspieler und Kapitän sehe ich immer das große Ganze. Ich lasse mich von negativen Ereignissen nicht aus der Bahn werfen und feiere positive Momente nicht übermäßig. Für mich steht immer die Mannschaft im Vordergrund. Die Formkurve steigt, wir spüren wieder ein Kribbeln, und ich bin froh, dass wir so gute Spiele zeigen. Ich versuche, eine gute Mitte zu finden und das auch der Mannschaft vorzuleben.

SPORT1: Im Herbst 2025 saßen Sie trotz Kapitänsbinde mehrfach auf der Bank – eine schwierige Phase.

Karazor: Natürlich war das keine einfache Situation. Für mich war aber von Anfang an klar, dass ich damit umgehen und sie akzeptieren muss. Man muss sich keine Sorgen um mich machen. Ich hatte in meinem Leben schon andere Tiefen, aus denen ich mich herausgekämpft habe. Ich habe mir gesagt: Jetzt muss ich Gas geben, um aus diesem Loch wieder rauszukommen. Es war wirklich keine leichte Zeit. Und es ist nun schön, sagen zu können: Ich fühle mich wieder gut, ich bin wieder da. Kleinere Verletzungen oder private Gründe bleiben oft privat, aber ich achte gut auf mich, habe ein starkes Umfeld – und seitdem läuft es wieder sehr gut.

SPORT1: Gab es etwas, das Sie aus der Bahn geworfen hat?

Karazor: Nein, etwas Spezielles gab es nicht. Vielleicht habe ich diese Phase einfach mal gebraucht. Ich denke, nach solchen Situationen wird man stärker. Genau diese Energie spüre ich gerade auch in mir.

SPORT1: Haben Sie Ihr Spiel verändert oder angepasst?

Karazor: Nicht grundsätzlich. Die Leute sehen jetzt keinen schnelleren Karazor, der plötzlich schneller läuft oder mehr Dribblings zeigt. Ich versuche, meine Energie auf den Platz zu bringen, aktiv zu bleiben und die Kommunikation zu verbessern. Ich wusste, dass ich das kann – es war nur eine Frage der Zeit, bis ich es wieder auf den Platz bringe. Als Kapitän sehe ich es als meine Aufgabe, voranzugehen und die Jungs mitzuziehen.

SPORT1: Sehen Sie Ihre Rolle als Führungsspieler jetzt noch intensiver?

Karazor: Ja. Als Kapitän des VfB ist die Verantwortung groß. Ich wollte dieser Rolle von Anfang an gerecht werden und gebe jeden Tag mein Bestes. Ich hoffe, dass die Jungs das auch so sehen und wir gemeinsam unsere Ziele erreichen.

„Er hat mir immer Rückhalt gegeben“

SPORT1: Trainer Sebastian Hoeneß hat Ihr Verhalten in der schweren Zeit ausdrücklich gelobt. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Karazor: Sehr gut. Er hat mir immer Rückhalt gegeben, war für Gespräche offen und hat mir nie das Gefühl vermittelt, außen vor zu sein. Ich habe mich nach wie vor wie der Kapitän gefühlt. Diese Unterstützung möchte ich dem VfB zehnfach zurückzahlen.

SPORT1: Wie eng ist der Austausch mit dem Trainer im Alltag?

Karazor: Wir sprechen vor und nach den Einheiten sowie vor und nach den Spielen. Auch mein Co-Captain Deniz (Undav, d. Red.) und der Mannschaftsrat sind eingebunden. Die Verbindung im Team ist sehr gut – das sieht man auch auf dem Platz.

SPORT1: Felix Kroos lobte während des Rom-Spiels Ihre Bedeutung auf dem Feld. Wie nehmen Sie solche Anerkennung auf?

Karazor: Das schmeichelt mir. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Zweitligaspiel gegen Union Berlin, damals stand Felix selbst noch auf dem Platz. Umso schöner ist es, jetzt so etwas von ihm zu hören. Ich versuche immer, 100 Prozent zu geben, und freue mich, wenn das anerkannt wird.

SPORT1: Haben Sie Ihre Rolle in der Kabine neu definiert?

Karazor: Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich bin seit sechs Jahren hier und spüre Respekt in der Kabine. Auch während meiner schwierigen Phase hat sich daran nichts geändert. Nach meinem Gefühl hatte ich dieses Standing immer. Ich weiß ja nicht, was Deniz und die anderen so erzählen. (lacht)

Undav? „Dann musst du lange suchen, um so einen zu finden“

SPORT1: Wie haben Sie die Geste mit der Hand von Deniz Undav nach seinem Tor in Gladbach eingeordnet?

Karazor: Mir ist egal, was von außen gedacht oder geschrieben wird. Man sieht es an Deniz. Nach dem Spiel in Rom bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „Du weißt selbst, die Dinger musst du reinmachen.“ Das weiß er auch. Gleichzeitig habe ich ihm gesagt, dass er ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht hat. Viele messen Deniz plötzlich nur an Toren. Ich habe ihn noch nie nur an seinen Toren gemessen, sondern an seiner Spielweise und Spielintelligenz. Die Tore sind ein Bonus. Er bringt viel mehr mit. Deshalb habe ich die Kritik an ihm nie verstanden. Solche Spieler muss man pushen – denn wenn du Deniz nicht mehr hast, musst du lange suchen, um so einen zu finden.

SPORT1: Sie wirken sehr verbunden mit dem VfB und der Stadt.

Karazor: Ich küsse das Wappen sehr selten, weil ich vermeiden möchte, dass daraus etwas Negatives gezogen wird. Ich weiß aber, was der Verein für mich getan hat. Ich nehme das Wappen ernst. Ich komme aus Essen, meine Eltern aus der Türkei – Dankbarkeit wurde mir früh beigebracht. Diese Haltung möchte ich dem VfB zurückgeben.

SPORT1: Sie haben einen Vertrag bis 2028. Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Karazor: Ich mache mir darüber wenige Gedanken, genieße den Moment und bleibe fokussiert. Solange es so läuft wie gerade, bin ich glücklich.

Stuttgarter Ambitionen: „Mit Bayern gibt es eine Übermacht“

SPORT1: Welche Ziele haben Sie mit dem VfB? Ist der Meistertitel mittelfristig realistisch?

Karazor: In der Bundesliga gibt es mit Bayern eine Übermacht. Man müsste also so ein Jahr erwischen wie Leverkusen. Ich möchte, dass der VfB wieder als Spitzenteam wahrgenommen wird und regelmäßig international spielt. Der Verein soll wieder etwas Besonderes auslösen.

SPORT1: Wofür steht Atakan Karazor heute mehr als vor einem Jahr?

Karazor: An sich hat sich nicht viel verändert. Ich habe geheiratet. Ich hatte eine Phase, die sportlich etwas nach unten ging – jetzt geht es wieder aufwärts. Um mich herum sind alle gesund. Das ist das Wichtigste.

SPORT1: Ihre Frau war in schwierigen Zeiten eine große Stütze?

Karazor: Ja. Ich hatte noch nie so eine motivierende Person in meinem Leben. Sie hat mich immer aufgebaut. Ich war oft down, aber sie war immer da. Ich bin sehr froh, meine Frau zu haben.

SPORT1: Wie lebt Ihr Traum von der WM?

Karazor: In unserem ersten Interview habe ich noch davon geträumt, für die Nationalmannschaft zu spielen. Inzwischen habe ich meine ersten Schritte dort gemacht, das war ein unglaubliches Gefühl. Die Playoffs stehen bevor, mit Rumänien, der Slowakei oder dem Kosovo warten schwere Gegner. Aber wir wollen zur WM – also müssen wir sie schlagen. Die Türkei hat einen sehr starken Kader, vielleicht den besten aller Zeiten. Ich möchte dabei sein.

SPORT1: Am Sonntag kommt der SC Freiburg nach Stuttgart. Wie schwer wird es?

Karazor: Es wird ein knackiges Spiel. Freiburg spielt sehr konstant, ist extrem effektiv. Da sind gute Jungs in der Mannschaft. Wir hatten im Hinspiel Probleme, bei uns zu Hause soll es besser laufen. Wir wollen Freiburg hinter uns halten und unsere Serie fortsetzen.

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