Er selbst wollte das alles gar nicht zu hoch hängen. Weder schnappte sich Julian Ryerson nach Schlusspfiff den Spielball, noch wollte er groß über seine vier (!) Assists sprechen. Zum Glück erinnerten ihn Mitspieler und BVB-Mitarbeiter an diese historische Vorstellung. Nach Abpfiff konnte sich niemand einen Spruch verkneifen – zu außergewöhnlich war das, was Ryerson da gelungen war.
BVB: Der leise Held eines historischen Abends
BVB entdeckt skurril wirkende Stärke
Ryerson schafft Historisches und antwortet „langweilig“
In der Mixed Zone wirkte er dennoch so, als hätte er seine eigene Meisterleistung schon wieder vergessen: „Für mich ging es heute ausschließlich um drei Punkte, nicht mehr und nicht weniger“, analysierte Ryerson und gab zu: „Das klingt vielleicht langweilig, aber genau so muss ich an die Sache herangehen. Für mich zählt nur das nächste Spiel – und das ist Atalanta. Alles andere ist im Moment zu weit weg.“
Im Bereich Entertainment ließ der Norweger Luft nach oben. Doch auch ihm dürfte bewusst gewesen sein: Solch ein Spiel erlebt man nicht allzu oft in der Karriere.
Ryerson knackt Vereinsrekord
Noch nie war es einem Dortmunder Spieler in der Vereinsgeschichte – und seit Beginn der detaillierten Datenerfassung – gelungen, in einer ersten Halbzeit drei Treffer vorzubereiten. Überhaupt: Drei Kopfballtore in einer Hälfte hatte es bei Schwarz-Gelb zuvor ebenfalls noch nicht gegeben.
Ryerson, der vor dieser Partie noch nie mehr als eine Vorlage in einem Spiel geliefert hatte, war mit seinen Standards der entscheidende Faktor. Zweimal klingelte es nach einer von ihm getretenen Ecke im Mainzer Tor, einmal nach einem Freistoß aus dem Halbfeld. Dazu bediente er Beier mit einer punktgenauen Flanke zum 2:0.
Schon vor dem Spiel war Ryerson bester Vorlagengeber des Teams, nun schraubte er seine Assist-Zahl wettbewerbsübergreifend auf 13 in 29 Einsätzen. Zum Vergleich: Der zweitbeste Vorlagengeber des Teams ist Fábio Silva mit sechs Assists. Nur ein eigener Treffer fehlt dem 28-Jährigen in dieser Saison bislang noch.
BVB entdeckt neue skurrile Stärke
Fast schon skurril wirkt diese neue Standard-Stärke des BVB. Zum Jahresende hatten sich die Dortmunder noch von ihrem Standardtrainer Alex Clapham getrennt. Seitdem liegt die Verantwortung beim Trainerteam. Und in den vergangenen Wochen wurde daran intensiv gefeilt.
Bereits vor der Partie erklärte Sebastian Kehl, dass die Standards „eine Waffe“ seien, und beschrieb Ryerson als „guten Schützen“. Aus einer Vorahnung wurde Wirklichkeit.
Der Sportdirektor betonte nach dem Spiel, man habe nur „ein bisschen was umgestellt“. Niko Kovac erklärte den Erfolg mit „Übung“, „Wiederholung“ und damit, dass jeder „seine Aufgabe erfüllen“ müsse: „Deswegen freut es mich, dass es nach den vielen harten Stunden Standardtraining fruchtet.“
BVB profitiert von neuer Regelauslegung
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Eine neue Regelauslegung begünstigt diese Entwicklung. Seit dieser Spielzeit wird die Bedrängnis von Torhütern deutlich seltener abgepfiffen. Blocks gegen den Keeper, um ihm das Herauslaufen zu erschweren, sind inzwischen gängige Praxis – ganz nach dem Vorbild des FC Arsenal, der daraus eine echte Waffe gemacht hat.
Und auch die Dortmunder haben diese Möglichkeit erkannt. In Person von Julian Ryerson nutzten sie sie gegen Mainz nahezu in Perfektion.
Und mittendrin: Julian Ryerson. Der vermeintliche Langweiler wurde so zum leisen Helden eines historischen Abends und zum entscheidenden Faktor einer neuen Dortmunder Standard-Wucht.