Zwischen Super Bowl und Bundesliga-Alltag, Champions-League-Comeback und Vaterglück bewegt sich Jonas Hofmann derzeit in unterschiedlichen Welten. Im SPORT1-Interview spricht der Profi von Bayer Leverkusen über Selbstkritik trotz ordentlicher Resultate, über Siege, die nicht immer zufrieden machen, über seinen Führungsanspruch in einer jungen Mannschaft und über den gelasseneren Umgang mit Rückschlägen. Und er erklärt, warum ihn das Zuhause oft mehr erdet als jeder Erfolg im Stadion.
Jonas Hofmann: "Habe gelernt, solche Rückschläge zu verarbeiten"
„Gelernt, Rückschläge zu verarbeiten“
SPORT1: Jonas Hofmann, die Leverkusener Spieler hatten am Sonntag und Montag frei. Sie sagten, Sie hätten sich darauf gefreut – auch, weil Sie den Super Bowl sehen wollten. Wie fanden Sie das Spiel?
Jonas Hofmann: Ehrlich gesagt ein bisschen langweilig. Es war stark von der Defensive geprägt. Dennoch – das Event an sich ist wahnsinnig beeindruckend. Die Amerikaner verstehen es, solche Shows aufzubauen. Die Halbzeitshow fand ich richtig stark, insgesamt konnte man sich das gut anschauen.
SPORT1: Auf dem Vereinsaccount bei Instagram war zuvor ein Video zu sehen, in dem Ernest Poku gestand, gar nicht zu wissen, was der Super Bowl ist. Haben Sie da ein bisschen Nachhilfe geben müssen?
Hofmann: (lacht) Das habe ich gar nicht mitbekommen. Aber ich weiß, dass einige nicht viel mit Football anfangen können. Ich selbst bin jetzt auch kein Riesenfan, aber sonntagabends schaue ich mir schon mal die Highlights oder ein paar Spiele an. Mir ist aber völlig klar, dass das nicht jedermanns Sache ist.
Hofmann: „Wissen, dass wir spielerisch mehr können“
SPORT1: Die NFL verfolgen Sie also durchaus mit Freude. Wie viel Freude haben Ihnen denn zuletzt die eigenen Spiele bereitet?
Hofmann: Punktetechnisch auf jeden Fall viel. Gleichzeitig wissen wir, dass wir spielerisch mehr können. Da sind wir sehr selbstkritisch. Unser Trainer (Kasper Hjulmand; Anm. d. Red.) meinte kürzlich sogar, dass wir vielleicht zu kritisch mit uns sind. Nach Siegen gehen wir direkt in die Analyse, anstatt uns erst einmal über den Erfolg zu freuen. Das kann man allerdings genauso positiv sehen: Es zeigt, dass wir alle grundsätzlich gewillt sind, das Maximum aus uns herauszuholen, auch wenn wir das zuletzt in Gladbach leider nicht gezeigt haben.
SPORT1: Hebt man das Positive hervor, dann hat Bayer nach dem schwachen Jahresstart mit drei Niederlagen wieder in die Spur gefunden – vier Siege und ein Remis gab es zuletzt.
Hofmann: Der erste Sieg war zu Hause gegen Bremen. Auch das war kein spielerischer Leckerbissen, aber wir hatten das nötige Quäntchen Glück, um das Spiel zu gewinnen. Das hat uns Selbstvertrauen gegeben, ein gutes Gefühl, auf dem wir aufbauen konnten. Danach haben wir versucht, unsere Qualitäten wieder konsequenter auf den Platz zu bringen. Natürlich gelingt uns das noch nicht über 90 Minuten, aber wir haben die Spiele gewonnen – und darauf kommt es letztlich an. Fußball ist eben ein Ergebnissport, und daran werden wir gemessen.
SPORT1: Allerdings kamen die jüngsten Gegner allesamt nicht aus dem obersten Regal, und wirklich überzeugend agierte Bayer selten. Es schien mitunter an Energie, Intensität, Zweikampfhärte und Mentalität zu fehlen.
Hofmann: Für andere kann ich nicht sprechen, nur für mich selbst. Ich gehe in kein Spiel mit weniger Motivation oder einer anderen Einstellung als zuvor. Für mich gibt es nur eins: gewinnen. Dieser Ehrgeiz hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Verlieren existiert in meinem Kopf nicht – auch wenn es natürlich trotzdem vorkommt. Ich will niemandem unterstellen, mit einer falschen Mentalität auf den Platz zu gehen. Aber ja, es stimmt schon: Auf dem Feld hatte man in vielen Phasen das Gefühl, dass wir nicht von der ersten Minute an zu hundert Prozent da waren. Dann entstehen schnell genau solche Fragen. Uns ist das bewusst. Ich denke, wir werden gegen St. Pauli ein anderes Gesicht zeigen.
„Allein die Hymne zu hören, das hat etwas Magisches“
SPORT1: Das klare Saisonziel lautet: Top 4 in der Bundesliga. Derzeit wirkt die Konkurrenz leicht stärker. Was stimmt Sie dennoch optimistisch?
Hofmann: Unsere Qualität – und die Spiele, die wir über weite Strecken der Hinrunde gezeigt haben. Man darf nicht vergessen, dass wir im Sommer einen sehr großen Umbruch hatten und viele junge, neue Spieler integriert wurden. Da läuft selten alles über eine ganze Saison konstant durch. Das sieht man nicht nur bei uns. Mich stimmt positiv, dass wir auch in Phasen, in denen es nicht perfekt läuft, punkten. So holen wir Selbstvertrauen zurück und finden zu unserem Spiel. Wenn uns wieder bewusst wird, was wir leisten können, bin ich überzeugt, dass wir unser Ziel erreichen.
SPORT1: Im November sagten Sie, Sie möchten stärker in eine Führungsrolle hineinwachsen. Führungsspieler sind in schwierigen Phasen besonders gefragt. Wo sehen Sie sich da im Moment?
Hofmann: Wenn der Trainer etwas anspricht, versuche ich das aufzugreifen und mit anderen Spielern – gerade mit den Jüngeren – ins Gespräch zu gehen, Dinge einzuordnen oder abzustimmen. Ich weiß ja selbst, wie das ist, wenn man noch jünger ist – da hält man sich öfter eher zurück, will sich einfach auf die eigene Leistung konzentrieren und bloß keine Fehler machen. In solchen Situationen versuche ich, ruhig, konstruktiv, aber bestimmt voranzugehen. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch einige andere, die Verantwortung übernehmen. Und klar: Die wichtigste Führungsqualität zeigt man immer mit eigener Leistung auf dem Platz.
SPORT1: Für Sie persönlich gab es zuletzt eine erfreuliche Nachricht: Sie dürfen ab sofort wieder in der Champions League auflaufen.
Hofmann: Das war natürlich eine große Freude. Champions League – das sind diese besonderen Abende, auf die man als Spieler hinfiebert. Allein die Hymne zu hören, das hat etwas Magisches. Gleichzeitig muss ich ehrlich sagen, dass ich im Spätsommer des letzten Jahres schon überrascht war, als ich nicht nominiert wurde. Das soll nicht überheblich klingen, aber nach den Abgängen habe ich schon damit gerechnet, dabei zu sein. Umso schöner, dass es jetzt so ist. Ich freue mich auf zwei spannende Spiele gegen Olympiakos. Wir haben da noch eine Rechnung offen.
Hofmann: „Man muss lernen, Dinge zu akzeptieren“
SPORT1: Spürten Sie, als Sie nicht für die Königsklasse gemeldet wurden, auch Momente des Zweifelns?
Hofmann: Nein, eigentlich nicht. Ich konnte die Situation ganz gut einschätzen. Es war nie so, dass ich dachte: ‚Ich habe es nicht mehr drauf.‘ Im Gegenteil: Ich wollte es jetzt erst recht beweisen. Das war mein innerer Reflex – und, glaube ich, auch der gesündere Weg. Als junger Spieler hätte mich so etwas vielleicht stärker getroffen, da reagiert man emotionaler. Heute gehe ich damit gelassener um. Ich habe gelernt, solche Rückschläge zu verarbeiten – auch wenn man im Fußball nicht immer alle Entscheidungen nachvollziehen kann. Das gehört einfach dazu: Man muss lernen, Dinge zu akzeptieren.
SPORT1: Das klappte nicht immer. Sie haben einmal erzählt, dass Sie zu Beginn Ihrer Karriere in Dortmund und Mainz mit mentalen Problemen zu kämpfen hatten, weil Sie nicht so richtig vorankamen. Was hat sich seither verändert – und was hilft, um aus Selbstzweifeln eine Stärke zu machen?
Hofmann: Ich halte es für ganz wichtig, über solche Themen zu sprechen – und sich gegebenenfalls Unterstützung zu holen. Ich habe selbst zeitweise mit einem Mental-Coach gearbeitet, wie viele andere Profis auch. Das ist auch keine Schwäche. Ich finde, es zeigt Stärke, wenn man sagt, ich hole mir Hilfe. Wir gehen ja auch zum Arzt, wenn wir eine Grippe haben – aber wenn es im Kopf nicht rund läuft, scheuen sich viele, diesen Schritt zu gehen. Dabei ist das völlig normal, gerade als Leistungssportler. Mir hat es geholfen, in bestimmten Situationen mit jemandem darüber zu sprechen. Ich war nie jemand, den jede Kritik komplett aus der Bahn geworfen hätte, aber ich fand es wichtig, früh gegenzusteuern und mental gut aufgestellt zu sein. Ich profitiere bis heute davon und finde, es sollte ein ganz normaler Bestandteil des Trainings sein.
SPORT1: Ihre Zeit in Leverkusen gleicht in gewisser Weise einem Auf und Ab. Wie geht man damit um, wenn man an einem Tag gefeierter Held ist und am nächsten für alles kritisiert wird?
Hofmann: Für mich persönlich spielt das heute keine so große Rolle mehr. Ich bin jetzt lange genug dabei, um zu wissen, dass genau das Teil des Geschäfts ist. Ich nehme das mit Humor und sehe das heute viel entspannter als früher. Das heißt aber nicht, dass mich Dinge nicht treffen oder ich an Ehrgeiz verloren hätte. Auf dem Platz bin ich zu 100 Prozent bei der Sache. Aber alles, was drumherum passiert, darf man nicht zu nah an sich heranlassen. Ein gewisses Maß an Gelassenheit hilft enorm, in diesem Business klarzukommen.
„Gibt wichtigere Dinge im Leben als Fußball“
SPORT1: Kommt diese Gelassenheit unter anderem daher, dass Sie inzwischen Familienvater sind?
Hofmann: Hundertprozentig. Das hat vieles verändert. Wenn man mal ein schlechtes Spiel absolviert hat oder verliert – dann zu Hause ankommt und der eigene Sohn lacht dich an – ist alles sofort relativiert. Da merkt man schnell: Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Fußball.
SPORT1: Auch Ihre Team-Buddies Robert Andrich und Janis Blaswich sind mittlerweile Väter. Redet ihr in der Kabine oft darüber?
Hofmann: Ziemlich oft. Wenn einer mal eine unruhige Nacht hatte, wird das natürlich erzählt, und man scherzt ein bisschen darüber. Man tauscht sich aus – so wie Mütter es eben auch tun. Jeder berichtet, was gerade los ist, was das Kind zurzeit durchmacht. Das verbindet, und irgendwie versteht man sich da noch einmal auf einer anderen Ebene.
SPORT1: Wer von euch dreien schläft aktuell am wenigsten?
Hofmann: Wahrscheinlich immer der, dessen Kind gerade einen Schub macht. (lacht) Aber ehrlich gesagt – toi, toi, toi – wir hatten bisher keine extremen Nächte, in denen jemand gar nicht geschlafen hat. Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, ein- oder zweimal pro Nacht aufzuwachen. Wenn man am Ende auf sechs oder sieben Stunden Schlaf kommt, ist das völlig in Ordnung.
Olympia? Diese Sportarten findet Hofmann besonders faszinierend
SPORT1: Neben Fußball und Familie bleibt trotzdem noch Zeit für andere Projekte – etwa Ihren Wein „Nummer Sieben“, den Sie unter anderem gemeinsam mit Patrick Herrmann auf die Beine gestellt haben. Wie bekommt man all das unter einen Hut?
Hofmann: Ich finde, das ist absolut machbar. Ich bin kein Freund dieser antiquierten Aussage, dass Fußballer für nichts anderes mehr Zeit hätten. Es gibt viele Berufe mit deutlich längeren Arbeitszeiten. Wir bringen den Kleinen ins Bett, ich gehe abends etwas früher schlafen – und trotzdem bleibt Zeit, auch füreinander. Ich bin überzeugt: Wenn wir als Eltern ausgeglichen und glücklich sind, ist es das Kind auch. Grundsätzlich bleibt genug Zeit, um mal etwas gemeinsam zu unternehmen oder Freunde zu treffen. Zum Beispiel beim Super Bowl – den haben wir mit ein paar Jungs zusammen geschaut. Solche Abende sind wichtig.
SPORT1: Am Wochenende begann ein weiteres Sporthighlight: Die Olympischen Winterspiele. Gibt es eine Sportart, die Sie besonders beeindruckt?
Hofmann: Bobfahren finde ich extrem faszinierend – mit diesen Geschwindigkeiten durch den Eiskanal zu jagen – das ist schon beeindruckend. Ich würde mich ehrlich gesagt auch mal gern da reinsetzen und das ausprobieren. Außerdem schaue ich oft Biathlon. Ich finde es Wahnsinn, wie die Athleten mit einem Puls von 180 zum Schießen ansetzen und dabei noch so präzise treffen. Das ist unglaublich. Generell habe ich großen Respekt vor allen Olympioniken – egal in welcher Disziplin. Es steckt so viel Arbeit dahinter, auch wenn es manchmal leicht aussieht. Das verdient Anerkennung.
SPORT1: Fußball ist bei Olympischen Sommerspielen nur mit U23-Teams vertreten, nicht in seiner regulären Form. Bedauern Sie das?
Hofmann: Olympia gilt für viele als unfassbares Erlebnis, gerade das Leben im olympischen Dorf soll etwas ganz Besonderes sein. Klar hätte ich Lust gehabt, das einmal mitzunehmen. Aber realistischerweise ist der Kalender im Profifußball ohnehin schon übervoll. Neben Liga, Pokal, internationalen Wettbewerben und Nationalmannschaft ist kaum noch Platz für so ein Turnier. Schade eigentlich – aber ich glaube, organisatorisch wäre das kaum zu stemmen.