Markus Babbel ist ein wahres Bayern-Urgestein: Der Mann aus Gilching - eine Gemeinde rund 20 Kilometer von München entfernt - hat die Jugendabteilungen beim deutschen Rekordmeister durchlaufen und dort seine ersten Erfahrungen als Profi gemacht.
Die Legende ist nicht übertrieben: "Waren unfassbar zerstritten"
Babbel packt über Bayern-Zeit aus
Von 1994 bis 2000 reifte der heute als TV-Experte bekannte Verteidiger im Trikot der Münchner zur festen Größe und wurde mehrfach deutscher Meister, Pokalsieger - und Europameister 1996.
Im SPORT1-Podcast „Deep Dive“ packt der inzwischen 53-Jährige über seine Zeit beim „FC Hollywood“ aus, wie er den Verein seines Herzens immer wieder liebevoll tauft. Babbel erzählt von den Leitwölfen um Lothar Matthäus, Oliver Kahn und Stefan Effenberg. Und von der besonderen „Mia san Mia“-Mentalität.
„Mia san Mia“ beim FC Bayern - und das erste Treffen mit Eberl
Die nämlich verinnerlichte Babbel schon in Kindestagen. In der D-Jugend spielte der junge Markus bei einem Hallenturnier und später auch auf dem Kleinfeld unter freiem Himmel gegen die Bayern, sein erster Kontakt mit dem heutigen Sportvorstand Max Eberl, der ihm auf gegnerischer Seite gegenüberstand.
Die Scouts des FC Bayern wurden auf Babbel aufmerksam und integrierten ihn sofort in die Mannschaft. Babbel war jetzt ein Roter, mit allen Vor- und Nachteilen.
„Wir sind zum Hallenturnier gefahren und die ganze Halle hat dich ausgepfiffen“, erinnert sich Babbel. „Dann stehst du am Anfang erst mal da und sagst: ‚Was ist denn hier los? Warum pfeifen die?' Du lernst da eine Mentalität, weil du sagst: ‚Ey das kann’s nicht sein, wenn die uns schon auspfeifen, dann sollen sie uns zumindest zu Recht auspfeifen, weil wir sie schlagen.‘ Da lernst du, dass du beim FC Bayern einfach gewinnen musst. Das ist ‚Mia San Mia‘. Wir werden nicht gemocht, aber wir zeigen’s euch, weil wir die Besten sind.“
„FC Hollywood“ - und die Platzhirsche namens Kahn und Matthäus
In der Folge durchlief Babbel alle Jugendmannschaften, reifte heran und durfte am 3. August 1991 sein Bundesliga-Debüt für die Münchner feiern – über die vollen 90 Minuten. Nach einem Abstecher zum Hamburger SV läutete Babbel gemeinsam mit den Leitwölfen Matthäus, Basler, Effenberg und Kahn eine Bayern-Zeit der großen Namen und großen Egos Mitte der Neunziger-Jahre ein.
Nicht immer erfolgreich, dafür umso unterhaltsamer: Der „FC Hollywood“ war geboren. Und mit ihm auch die Auseinandersetzungen untereinander: „Wenn du so gestrickt bist wie ich, ist das so mörderisch anstrengend. Das geht dir so auf den Zeiger, wenn du zwei Meisterschaften verspielst, weil du einfach ein unfassbar zerstrittener Haufen bist, obwohl du individuell die beste Mannschaft bist“, sagt Babbel.
Babbel erinnert sich an zerrüttete Teamverhältnisse: „Das war eine Vielzahl an Ansammlungen von extremen Egos. Jeder wollte der Platzhirsch sein und dann wird es halt schwierig, wenn jeder meint, er ist der Häuptling, und ein paar Indianer brauchst du schon.“
Gerade an Kahn hat Babbel lebhafte Erinnerungen: „Spätestens wenn in der Kabine irgendeiner Musik angemacht hätte, hätte der vom Oliver Kahn eine Bretschn bekommen, dass der da quer durch den Dressingroom geflogen wäre“, erzählt Babbel mit einem breiten Grinsen.
Party-Anekdote mit Hoeneß und Trapattoni
Insgesamt drei Meisterschaften holte Babbel mit dem deutschen Rekordmeister, wurde zweimal Pokalsieger, gewann einmal den Supercup und erlebte einige kuriose Momente - darunter eine wilde Party-Geschichte nach dem 4. Spieltag in der Saison 1996/97, nach einem Gastspiel der Bayern beim Hamburger SV (2:1) am Freitagabend.
Die Münchner wollten am späten Abend noch feiern gehen. Heimlich.
„Dann sind wir da durch die Küche geschlichen, weil wir wussten, dass Trapattoni und Hoeneß noch alle in der Lobby saßen“, erinnert sich Babbel.
Doch die Feier-Aktion wäre beinahe aufgeflogen: „Dann hatte der Trapattoni die großartige Idee: ‚Ich muss jetzt mit ein paar Spielern auf dem Zimmer reden.‘ Da sagte der Uli Hoeneß: ‚Wie? Nein, das kannst du nicht machen. Nein, Trap, das musst du wissen. Der deutsche Spieler, der schläft.‘“
So blieb die Schleich-Sause unentdeckt – und endete legendär: „Wir haben alle schön bis um vier, fünf Uhr auf St. Pauli schön mit dem Klubanzug in so einen Rockschuppen reingegangen. Und die haben völlig perplex geschaut“, sagt Babbel.
Babbel: Darum kehrte ich nicht zum FC Bayern zurück
Doch auch diese Teamabende konnten Babbel nicht von einem endgültigen Verbleib in München überzeugen, schließlich wechselte er 2000 zum FC Liverpool in die Premier League, später weiter zu den Blackburn Rovers und kehrte nur noch zum VfB Stuttgart in die Bundesliga zurück.
Weshalb eigentlich nicht zu den Bayern? „Da wäre ich zu nah bei meinen Ex-Frauen gewesen“, lacht Babbel.
Das ernsthafte Argument aber war ein anderes: „Es war nie meine Stadt und es wird nie meine Stadt werden. Ich habe das große Glück, dass ich eine Frau kennengelernt habe, die in der Mannheimer Region zu Hause ist. Ich fühle mich dort pudelwohl, weil diese Region, diese Kurpfalz, wie sie genannt wird, das gefällt mir. Das sind ehrliche Menschen, die sind gerade. Die sagen ‚Bitte‘ und ‚Dankeschön‘, ‚Grüß Gott‘, und ‚Auf Wiedersehen‘.“