Andreas Schicker, Geschäftsführer Sport bei der TSG Hoffenheim, und TSG-Trainer Christian Ilzer verbindet weit mehr als ein gewöhnliches Arbeitsverhältnis. Gemeinsam feierten sie mit Sturm Graz große Erfolge, gemeinsam führten sie die TSG Hoffenheim aus einer schwierigen Phase – und inzwischen gehen sie bereits in ihre siebte gemeinsame Saison.
Schicker & Ilzer: "Ich hoffe, dass wir diese Entscheidung nie treffen müssen"
TSG-Duo erklärt Erfolgsgeheimnis
Im exklusiven Doppelinterview mit SPORT1 sprechen Schicker und Ilzer vor dem Ligastart am Samstag beim 1. FC Köln (15.30 Uhr im LIVETICKER) über ihre Freundschaft, harte Diskussionen hinter verschlossenen Türen und die Frage, ob Schicker seinen langjährigen Weggefährten im Ernstfall entlassen könnte. Zudem erklären sie Hoffenheims Transferstrategie und äußern sich zur Zukunft von Fisnik Asllani.
SPORT1: Herr Schicker, Sie arbeiten seit Jahren eng mit Christian Ilzer zusammen, haben in Österreich gemeinsam Titel gefeiert und nun auch Hoffenheim geprägt. Was wissen Sie über ihn, das Außenstehende unterschätzen?
Andreas Schicker: (lacht) Wenn man Chris aus Interviews oder von der Seitenlinie kennt, erlebt man ihn vor allem als emotionalen und energischen Trainer. Ich weiß aber auch, dass er ein sehr ruhiger und guter Zuhörer sein kann. Gerade in schwierigen Momenten, egal ob privat oder beruflich, ist er für mich eine ganz wichtige Person geworden. Wir sind täglich im Austausch, natürlich überwiegend über die TSG und Kaderthemen, aber auch über andere Dinge. Chris ist ein sehr guter Typ und Mensch.
Schwerer Unfall: „Er hat nie gejammert“
SPORT1: Herr Ilzer, erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie nicht nur menschlich miteinander funktionieren, sondern im Profifußball gemeinsam etwas aufbauen können?
Christian Ilzer: Wir haben beide keine einfache Zeit gehabt, als unser gemeinsames Projekt bei Sturm Graz begonnen hat. Andi hatte in einer schwierigen Phase die Rolle des Sportdirektors übernommen, ich kam aus keinem einfachen Jahr bei Austria Wien. Gerade solche Zeiten sind aber sehr lehrreich. Schon Jahre zuvor hatte mich beeindruckt, wie Andi mit seinem schweren Unfall umgegangen ist (Schicker wurde 2014 nach einem Feuerwerks-Unfall die linke Hand amputiert, Anm. d. Red.). Er hat nie darüber gejammert, was er nicht mehr machen kann, sondern immer überlegt, wie sein weiterer Weg aussehen kann. Jahre später haben wir uns bei Sturm wiedergetroffen.
Schicker: Ich war damals ein junger Geschäftsführer Sport, und Sturm hatte eine schwierige Saison hinter sich. Während der Trainersuche habe ich Chris auf meiner Almhütte getroffen, damit die Medien nichts davon mitbekommen. Wir haben drei oder vier Stunden intensiv über Fußball gesprochen. Danach bin ich heruntergefahren, habe den Präsidenten angerufen und gesagt: „Wir haben einen neuen Trainer.“ Mir war sofort klar, dass wir uns sehr gut ergänzen können. Dass wir jetzt in die siebte gemeinsame Saison gehen und uns zudem der Sprung in eine große Liga gelungen ist, ist eine richtig schöne Geschichte. Sieben Jahre sind im Fußball eine Ewigkeit.
Das macht das Duo bei der TSG Hoffenheim aus
SPORT1: Was ist die größte Stärke des jeweils anderen?
Ilzer: Andis große Stärke ist, dass er Menschen verbinden kann. Er bringt sein Fußballverständnis und die Menschenführung hervorragend in Einklang. Er schafft einen gemeinsamen Zusammenhalt – von der Gesellschafterebene über Trainer und Mitarbeiter bis zu den Spielern. Wenn daraus noch eine fußballerische Identität entsteht, ist das ein Garant für Erfolg.
Schicker: Chris ist brutal fleißig und vermittelt einem selbst im Erfolg täglich das Gefühl, dass es weitergehen muss. Diesen Hunger überträgt er auf die Mannschaft, den Staff und den gesamten Verein. Außerdem ist er ein absoluter Fachmann und ein sehr guter Mensch, mit dem man auch schwierige Dinge besprechen kann.
SPORT1: Was macht Christian Ilzer besser als viele andere Bundesligatrainer?
Schicker: Chris hat eine sehr klare Vorstellung davon, wie er Fußball spielen lassen will. Er kann diese Idee nicht nur an der Taktiktafel darstellen, sondern sie auch hervorragend trainieren und auf die Mannschaft übertragen. Besonders beeindruckt mich zudem, wie er junge Spieler entwickelt und auf Widerstände im Profifußball vorbereitet.
Hinter den Kulissen wird hart diskutiert
SPORT1: Wo endet die Freundschaft – und wo beginnt der knallharte Profifußball?
Ilzer: Wir haben ein sehr professionelles Arbeitsverhältnis, aus dem sich über die Jahre eine tiefe Freundschaft entwickelt hat. Trotzdem gilt es, die Fakten sehr hart zu diskutieren. Gerade weil die Beziehung gut ist, können wir in der Sache hart miteinander umgehen. Nach außen herrscht aber Geschlossenheit. Da passt kein Blatt Papier dazwischen.
SPORT1: Wann haben Sie zuletzt richtig miteinander gestritten?
Schicker: So richtig gestritten? Ich weiß es nicht mehr. Natürlich diskutieren wir hinter verschlossenen Türen immer wieder sehr hart. Wir sind aber noch nie mit unterschiedlichen Meinungen auseinandergegangen, sondern haben immer einen gemeinsamen Weg gefunden. Das hat uns in den vergangenen sechs Jahren ausgezeichnet.
SPORT1: Wer von Ihnen entschuldigt sich schneller?
Ilzer: Es muss sich keiner entschuldigen, weil es um Inhalte geht. Unterschiedliche Meinungen müssen wir so kanalisieren, dass am Ende die beste Lösung für den Verein herauskommt. Als Trainer bist du durch die vielen Spiele oft in deinem Tunnel und manchmal reizbarer. Andi hat ein sehr gutes Gespür dafür, ob er ein bestimmtes Thema sofort ansprechen oder besser auf einen anderen Zeitpunkt verschieben sollte. Das zeichnet unsere Beziehung aus.
„Dafür gibt es keinen besseren als Chris“
SPORT1: Können Sie sich gegenseitig Dinge sagen, die andere im Verein vielleicht nicht so offen ansprechen würden?
Schicker: Absolut. Dieses Vertrauen haben die gemeinsamen Jahre mit sich gebracht. Es ist wichtig, weil man nur so einen Verein weiterentwickeln kann. Wenn man unsere Gespräche im Trainerbüro oder unsere Telefonate im Urlaub mitbekommen würde, würde man feststellen, dass wir zu 95 Prozent einer Meinung sind. Chris weiß genau, wohin wir mit dem Verein wollen. Wir möchten mit vielen jungen Spielern arbeiten – und dafür gibt es kaum einen Besseren als ihn.
SPORT1: Bei so viel gegenseitigem Vertrauen besteht allerdings die Gefahr, dass man einander irgendwann nicht mehr kritisch genug hinterfragt.
Schicker: Wir können uns alles sagen und kennen das Geschäft. Im ersten Jahr haben wir wirklich gegen den Abstieg gekämpft. Wir kamen beide aus einer sehr erfolgreichen Zeit und haben uns in dieser schwierigen Phase noch einmal von einer anderen Seite kennengelernt. Chris hat die Ruhe bewahrt und gute Entscheidungen getroffen. Am Ende sind wir knapp in der Liga geblieben, aber das war kein Selbstläufer. Diese Zeit hat Chris zu einem besseren Trainer und mich zu einem besseren Geschäftsführer Sport gemacht.
SPORT1: Haben Sie damals besonders für Christian Ilzer gekämpft?
Schicker: Wir hatten einen sehr guten und offenen Austausch – auch mit den Geschäftsführerkollegen und den Gesellschaftern. Wenn man viele Spiele verliert, gibt es immer Leute, die von außen hineinreden. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass es intern in eine andere Richtung geht, auch wenn das medial teilweise anders dargestellt wurde. Alle im Klub haben unseren Weg unterstützt. Heute müssen wir nicht mehr darüber reden, ob das richtig war.
Bild von Schicker und Ilzer entspricht „nicht ganz der Realität“
SPORT1: Herr Ilzer, wovor hat Herr Schicker Sie schon einmal bewahrt?
Ilzer: (lacht) Mit seiner ruhigen Art vor dem einen oder anderen Wutausbruch. Es gibt Situationen, in denen ich als Trainer sage: Da muss ich jetzt eine Ansage machen. Andi spricht dann vorher noch einmal mit mir – egal, ob es um eine öffentliche Äußerung, eine Ansprache an die Mannschaft oder ein Gespräch mit einem Spieler geht. Wenn ich mich in Rage geredet habe, bringt er viel Ruhe und Klarheit hinein.
SPORT1: Gibt es überhaupt eine klare Grenze zwischen Ihrer Freundschaft und der Arbeit, oder reden Sie selbst beim gemeinsamen Abendessen hauptsächlich über Fußball?
Schicker: Das Bild, das manchmal von uns gezeichnet wird, entspricht nicht ganz der Realität. Wir verstehen uns richtig gut, aber es ist nicht so, dass wir einmal pro Woche gemeinsam essen gehen. Dafür fehlt die Zeit. Chris muss die Spiele vorbereiten, und meine Familie freut sich über jede Minute, die ich zu Hause verbringe. Wenn wir am Vorabend eines Auswärtsspiels zusammensitzen, geht es natürlich zu 80 oder 90 Prozent um Fußball. Oder wir erinnern uns an gemeinsame Erlebnisse aus den vergangenen Jahren. Für private Dinge bleibt ehrlicherweise wenig Zeit.
Könnte Schicker den Trainer Ilzer auch entlassen?
SPORT1: Könnten Sie Christian Ilzer entlassen, wenn Sie davon überzeugt wären, dass es für die TSG notwendig ist?
Schicker: Das gehört leider zu diesem Geschäft. Vor einem Jahr war Chris bei den entsprechenden Quoten wahrscheinlich der erste Trainer, der entlassen werden würde. Inzwischen dürfte er bei solchen Entlassungsquoten kaum noch eine Rolle spielen. Das bestätigt unsere Arbeit. Wenn es irgendwann notwendig wäre, müsste ich im Sinne des Vereins entscheiden. Das ist mein Job. Es kann aber genauso gut sein, dass ein anderer Verein anruft und Chris den nächsten Schritt macht. Auch das gehört dazu. Wir können solche Dinge sehr gut voneinander trennen. Ich hoffe natürlich, dass wir diese Entscheidung nie treffen müssen.
SPORT1: Welche Qualitäten der TSG Hoffenheim werden im deutschen Fußball noch immer unterschätzt?
Schicker: Wir haben Möglichkeiten und eine Infrastruktur, die sich andere Vereine wünschen würden. Gleichzeitig besitzen wir die nötige Ruhe, um sehr gut arbeiten zu können. Bei uns stehen nicht bei jedem Training 15 Kamerateams am Platz. Wir haben mittlerweile aber auch eine sehr gute Fankultur und Fanbasis. Das Stadion war zuletzt beinahe immer voll, speziell im Frühjahr hatten wir eine hervorragende Stimmung. Wenn ich über die Ruhe spreche, klingt es manchmal so, als wären wir klein. Das sind wir nicht.
SPORT1: Die TSG hat in diesem Sommer so viel Geld für neue Spieler ausgegeben wie nie zuvor. Welchen Anspruch verbinden Sie mit diesen Investitionen?
Schicker: Wenn man das gesamte Jahr betrachtet, ist das nicht die ganze Wahrheit, weil wir auch sehr viel Geld eingenommen haben. Wir haben bewusst in junge Spieler investiert, weil das unser Weg ist. Wenn Patrick Wimmer mit 25 Jahren unser ältester Zugang ist, sagt das einiges aus. Einige Spieler werden Zeit brauchen, gerade wenn sie aus vermeintlich kleineren Ligen kommen. Gleichzeitig haben wir hohe Einnahmen erzielt. Bazoumana Touré ist ein gutes Beispiel: Mit ihm ist uns ein Rekordverkauf gelungen. Diesen Weg wollen wir konsequent fortführen.
„Das war für Fisnik bitter“
SPORT1: Fisnik Asllani bleibt. Ein Verkauf hätte der TSG eine erhebliche Ablöse eingebracht. Überwiegt die Freude über seinen Verbleib, oder ärgern Sie sich auch ein wenig über die entgangenen Einnahmen?
Schicker: Ich muss natürlich beide Seiten betrachten. Chris kannte unsere Überlegungen, wir waren ständig im Austausch. Es war ein Transfer zu RB Leipzig geplant, der dann nicht zustande gekommen ist. Das war für Fisnik bitter. Inzwischen hat er das mental verarbeitet. Auch ohne seinen Verkauf können wir unseren Weg fortsetzen. Deshalb sind wir froh, dass er hier ist. Er ist ein wichtiger Spieler, der uns sportlich sehr helfen wird.
SPORT1: Die viel beschworene Ruhe in Hoffenheim hat allerdings auch zwei Seiten.
Schicker: Es gibt immer ein Für und Wider. Nach unserem Abstiegskampf war ich froh über diese Ruhe. Wenn du einen Verein wie Köln oder den HSV in die Europa League führst, weißt du andererseits auch, was dort los wäre. Wir sind hier aber sehr gut unterwegs. Unsere Fanbasis hat sich stark entwickelt. Nochmal: Hoffenheim ist nicht klein.
SPORT1: Herr Ilzer, ist Asllani zum Saisonstart einsatzbereit?
Ilzer: Er hat wegen der Wechselthematik im Sommer einige Trainingstage verpasst. Wir führen ihn gerade wieder heran, und er macht gute Fortschritte. Ob es unmittelbar zum Start reicht, werden wir sehen. (Anm. d. Red.: Mittlerweile steht fest, dass Asllani zum Auftakt fehlen wird)
„Solange zieht mich hier nichts weg“
SPORT1: Zum Abschluss noch zwei kurze Fragen: Wer von Ihnen ist emotionaler?
Ilzer: Auf den ersten Blick vermutlich ich, weil ich mitten im Geschehen bin und an der Linie stehe. Wenn man allerdings einmal in den Glascontainer filmt, in dem Andi sitzt, steht er mir in Sachen Emotionalität nicht viel nach.
SPORT1: Und wer kann schlechter verlieren?
Ilzer: Ich verliere grundsätzlich nicht gern – egal, um welches Spiel es geht. Aber auch eine Niederlage hat eine wichtige Botschaft. Genauso kann ein Sieg zur Falle werden, wenn man ihn falsch interpretiert. Man muss in beiden Situationen sehr genau hinsehen.
SPORT1: Herr Schicker, stellen wir uns vor, wir führen dieses Gespräch in drei Jahren noch einmal. Was müsste bis dahin passiert sein, damit Sie sagen: Genau deshalb sind Chris und ich gemeinsam nach Hoffenheim gegangen?
Schicker: Drei Jahre sind im Fußball eine Ewigkeit. Ich merke aber, dass der Verein bereit ist, die notwendigen Schritte zu gehen. Der Fokus liegt wirklich auf dem Sport. Zudem habe ich das Gefühl, dass alle – von den Gesellschaftern über die Mitarbeiter und Trainer bis zu den Spielern – in dieselbe Richtung marschieren. Dann können wir erfolgreich sein. Solange ich dieses Gefühl habe, zieht mich hier nichts weg.