Transferfenster, das dürfte längst bekannt sein, sind die Zeit der Hoffnungen, Zweifel und Schnellurteile. In diesem Sommer scheint das nicht anders zu sein. Auch nicht bei Bayer Leverkusen.
Bayer Leverkusen: Die Ausgabenkönige der Bundesliga
Hat Kroos recht?
Einer, der sich mit den Aktivitäten der Werkself diesmal nur wenig anfreunden konnte, ist Toni Kroos. Der Weltmeister von 2014 spielte einst selbst für den Klub und wunderte sich in seinem Podcast „Einfach mal Luppen“ nun über den Umgang mit Robert Andrich und zahlreiche Personalentscheidungen.
Kroos sieht einen deutlichen Qualitätsverlust, entsprechend skeptisch fällt seine Prognose aus. Nach der überraschenden 2:3-Niederlage zum Auftakt gegen den Bundesliga-Neuling SV Elversberg traut er den Rheinländern in dieser Saison nicht einmal einen Platz unter den ersten Fünf zu. „Das finde ich schade“, sagte der frühere Nationalspieler und sprach von einem insgesamt „komischen Transferfenster“. Hat der 36-Jährige recht?
Fest steht: Die Zweifel klingen nicht ganz aus der Luft gegriffen. Tatsächlich hat Bayer einige prägende Figuren der vergangenen Jahre verloren. Piero Hincapié wurde nach seinem Leihjahr endgültig vom FC Arsenal verpflichtet, für Kerim Alajbegovic ging es trotz zwischenzeitlicher Rückkehr direkt weiter zu Juventus Turin. Exequiel Palacios zog es zu Ipswich Town in die Premier League, Alejandro Grimaldo zu Atlético Madrid. Die Liste der Abgänge ist lang. Andererseits hat sich auch auf der Ausgabenseite einiges getan. Am Ende sogar sehr viel.
Leverkusen hat mehr als der FC Bayern und Borussia Dortmund ausgegeben
Insgesamt investierte die Werkself laut transfermarkt.de rund 157 Millionen Euro in neues Personal – mit deutlichem Abstand mehr als jeder andere Bundesligist. Borussia Dortmund folgt mit 108 Millionen, der FC Bayern kommt auf rund 107 Millionen Euro. Nach dem gewaltigen Umbruch im Sommer 2025 und einer enttäuschenden Saison unter dem frühzeitig entlassenen Erik ten Hag sowie dessen Nachfolger Kasper Hjulmand steht Leverkusen damit vor dem nächsten Neustart.
Auf dem Papier ist Geschäftsführer Simon Rolfes dabei ein durchaus bemerkenswerter Spagat gelungen: Trotz der zahlreichen namhaften Abgänge wurden nahezu alle Baustellen im Kader geschlossen. Für Linksaußen Afonso Moreira überwies der Verein knapp 30 Millionen Euro, Miguel Gutiérrez kostete rund 26 Millionen, der argentinische Innenverteidiger Facundo Medina weitere 20 Millionen. Dazu kamen neun Millionen Euro für das umworbene Top-Talent Kennet Eichhorn.
Besonders hektisch wurde es dann in den letzten Stunden des Transferfensters. Mit Guéla Doué kam für rund 30 Millionen Euro ein Spieler, der die Sorgen auf der rechten Abwehrseite beseitigen soll. Der ältere Bruder von PSG-Star Désiré Doué wechselte von Racing Straßburg an den Rhein und gilt als Soforthilfe für eine zuletzt anfällige Position.
Noch größere Aufmerksamkeit erregte die Rückkehr von Moussa Diaby. Für den Franzosen überwies Leverkusen Berichten zufolge rund 28 Millionen Euro an Al-Ittihad. Ob Kroos sein scharfes Urteil genauso gefällt hätte, wenn er gewusst hätte, was am letzten Transfertag bei Bayer passiert? Unklar.
Bayer sucht eine funktionierende Einheit
In der Transferpolitik lässt sich immerhin eine Linie erkennen. Der Bundesligist setzt zwar weiterhin auf Entwicklungspotenzial, unter anderem mit Ibrahim Maza oder Christian Kofane. Gleichzeitig versucht der Klub aber, dieses Potenzial mit bereits etablierten Spielern zu kombinieren. Nach den vergangenen Jahren ist das folgerichtig.
Mit Gutiérrez, Medina, Doué und Diaby verpflichtete Bayer deshalb mehrere Spieler, die nicht nur sportliche Qualität mitbringen. Sie sollen nach der Fülle an Abgängen auch neue Strukturen und Hierarchien innerhalb der Mannschaft formen.
Genau dort beginnt allerdings die eigentliche Herausforderung. Denn Leverkusen hat in kurzer Zeit zahlreiche Führungsspieler verloren und ebenso viele neue hinzugewonnen. Was sich bislang nicht beantworten lässt, ist die Frage, ob daraus automatisch wieder eine funktionierende Einheit entsteht. Es braucht Leader wie Grimaldo oder Palacios. Akteure, die auf dem Platz Verantwortung schultern. Das entsteht nicht über Nacht. Es braucht Zeit. Und manchmal auch Rückschläge. Einen ersten Vorgeschmack darauf lieferte der vollkommen ernüchternde Auftritt in Elversberg.
Talent und Qualität sind in Leverkusen zweifellos vorhanden. Die entscheidende Frage ist eine andere, und sie begleitet Bayer bereits seit der vergangenen Saison. Wer reagiert, wenn der Plan a nicht funktioniert? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn Kombinationen verpuffen, Räume fehlen und der Gegner unbequem wird? Spitzenmannschaften definieren sich schließlich nicht allein über Ballbesitz, Tempo und spektakuläre Spielzüge. Sie zeigen ihre wahre Qualität in den Momenten, in denen all das plötzlich nicht mehr greift. Dann geht es um Widerstandsfähigkeit. Um Führungsstärke.
Schafft es Martínez, die Neuzugänge einzubinden?
Solche Fragen dürften derzeit auch Carles Martínez beschäftigen. Der neue Leverkusener Trainer steht nun vor der Aufgabe, aus vielen talentierten und gestandenen Einzelspielern wieder eine wettbewerbsfähige Einheit zu formen.
Grundsätzlich spricht vieles für Bayer. Der Kader wirkt breiter, variabler und insgesamt ausgewogener als noch vor wenigen Monaten. Zahlreiche Baustellen wurden identifiziert und gezielt bearbeitet. Dazu kamen mit Diaby und Doué am Deadline Day zwei Spieler, die unmittelbar Einfluss nehmen sollen. Doch die Bewährungsprobe beginnt erst jetzt.
Der Sommer hat gezeigt, dass Leverkusen den Umbruch mit erheblichem finanziellen Aufwand vorangetrieben hat. Ob Bayer das verlorene Niveau tatsächlich ersetzen konnte, eine klare Hierarchie und eine erkennbare Identität entstehen und der eigene Anspruch auf einen Platz unter den besten vier Teams der Bundesliga gerechtfertigt ist, wird sich allerdings erst im Laufe der Saison zeigen. Potenziale gibt es. Der Nachweis steht aber noch aus. Auch Kroos dürfte genau hinschauen.