Timo Schultz blickt mit dem VfL Osnabrück einem Highlight entgegen. Am Mittwochabend (20.45 Uhr im LIVETICKER) wird der FC Bayern München in der 1. Runde des DFB-Pokals an der Bremer Brücke zu Gast sein.
Timo Schultz exklusiv: "Wir können weder Kane noch Olise kontrollieren"
Leichte Schultz-Spitze gegen Bayern
Schultz übernahm den VfL zu Beginn der Saison 2025/26 und führte den Klub zur Drittliga-Meisterschaft und zum Aufstieg in die 2. Bundesliga. Der 49-Jährige wurde in der 3. Liga zum Trainer der Saison 2025/26 gewählt. Der VfL hat am vergangenen Freitag noch einmal Selbstvertrauen getankt. Das 1:0 beim VfL Bochum war der erste Sieg der Zweitliga-Saison.
Doch ein Pokalspiel gegen den FC Bayern München ist eine komplett andere Aufgabe. Schultz weiß dies aus eigener Erfahrung. Als Spieler des FC St. Pauli traf er in gleich zwei Pokalspielen auf den deutschen Rekordmeister. Im DFB-Pokal-Halbfinale 2006 verlor St. Pauli im heimischen Millerntor-Stadion mit 0:3.
Fünf Monate später trafen die beiden Vereine erneut aufeinander – dann in der 1. Runde des DFB-Pokals. Schultz brachte den damaligen Regionalligisten (3. Liga) in der 31. Minute sogar in Führung. Doch der FC Bayern gewann in der Verlängerung mit 2:1. Im Interview mit SPORT1 spricht Schultz über damals und heute.
SPORT1: Herr Schultz, haben Sie Ihren Spielern schon das Video von Ihrem damaligen Tor gezeigt, damit die Jungs wissen, wie man gegen Bayern München trifft? Das war damals ein sehr schönes Tor…
Timo Schultz: Das ist richtig. Aber hier in Osnabrück werden nur die Tore von Joe Enochs gezeigt, die er gegen Bayern München geschossen hat (lacht).
SPORT1: Dazu muss man wissen, dass Ihr Sportdirektor hier im Raum sitzt und im DFB-Pokal 2004 gegen Bayern München getroffen hat. Aber bleiben wir bei Ihren Duellen: Es gab damals zwei Pokalspiele gegen Bayern innerhalb von fünf Monaten – erst das Halbfinale, später dann das Erstrunden-Duell der darauffolgenden Saison. Welches Spiel ist Ihnen mehr in Erinnerung geblieben?
Schultz: Das Halbfinale war natürlich schon etwas Besonderes, weil es letztendlich darum ging, vielleicht sogar nach Berlin fahren zu können. Dementsprechend war das von der Bedeutung her auf jeden Fall das Spiel, das deutlich höher zu ranken ist. In der darauffolgenden Saison direkt wieder Bayern in der ersten Runde zugelost zu bekommen, war dann schon ein kurioser Zufall. Es waren beides Spiele, in denen wir auf Augenhöhe waren, aber letztendlich auch beide Spiele, die Bayern München für sich entscheiden konnte.
SPORT1: Was hat in solchen Spielen die besondere Stimmung ausgemacht? Damals war es das Millerntor, am Mittwoch wird es die Bremer Brücke sein. Wie groß ist der Faktor Stadion?
Schultz: Es ist der DFB-Pokal, der schreibt nun mal seine eigenen Gesetze. Und ich glaube, gerade ein Stadion wie die Bremer Brücke ist vergleichbar mit dem alten Millerntor-Stadion. Dadurch, dass es so eng ist, das Publikum sehr laut und alles sehr emotional ist, ist das schon eine Spielstätte, die das eine oder andere Fußballwunder oder die eine oder andere Fußballsensation abkann.
SPORT1: Auch wenn nun völlig andere Mannschaften gegeneinander antreten. Gibt es bestimmte Aspekte, die Sie aus den damaligen Spielen mitnehmen können?
Schultz: Aus taktischer Sicht ist es vor allem wichtig, mannschaftlich geschlossen zu spielen, wirklich kompakt zu stehen, sodass man sich auch in den Zweikämpfen gegenseitig unterstützen kann. Und von der Herangehensweise ist vor allem Mut gefragt: Mut in den Zweikämpfen, aber auch Mut, sich in der Ballbesitzphase selbst Chancen zu erspielen. Wenn man wie das Kaninchen vor der Schlange agiert, werden sie irgendwann auf jeden Fall eine Lücke finden, sich Chancen herausspielen und wahrscheinlich auch Tore schießen. Wir wollen schon auch aktiv sein.
SPORT1: Welcher Gegenspieler hatte Sie damals am meisten beeindruckt?
Schultz: In dem Erstrunden-Duell hat Mark van Bommel sein erstes Spiel für Bayern gemacht. Mit welcher Aggressivität und Power er damals gespielt hat, war schon beeindruckend.
„Bayern spielt national in einer komplett eigenen Liga“
SPORT1: Die weiteren Top-Spieler des FC Bayern waren früher unter anderem Oliver Kahn, Michael Ballack, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger. Heute sind es Harry Kane, Michael Olise oder Luis Díaz. Würden Sie sagen, dass Bayern heute der Konkurrenz noch mehr enteilt ist als damals?
Schultz: Ja, definitiv. Ich denke, das zeigt auch die vergangene Bundesliga-Saison und jetzt wieder der erste Spieltag. Die sind einfach in einer ganz eigenen Liga. Sie hatten jetzt ihren Saisonauftakt gegen den VfB Stuttgart, in meinen Augen eigentlich die zweit-, dritt- oder viertbeste Mannschaft der Liga. Und trotzdem war mindestens ein Klassenunterschied zu sehen. Wenn Bayern das effizient zu Ende spielt, dann schießen sie ihre Tore. Man muss schon sagen, dass Bayern national gesehen in einer komplett eigenen Liga spielt.
SPORT1: Haben Sie sich über das Pokal-Los Bayern München gefreut, weil das für alle Beteiligten ein Highlight ist, oder geärgert, weil die Chance auf ein Weiterkommen normalerweise gering ist?
Schultz: Wir wollen auch gegen Bayern München in die zweite Runde kommen. An der Ausgangslage hat sich nichts verändert. Dass die Aufgabe ein bisschen schwieriger ist, als wenn du vielleicht einen anderen Zweitligisten ziehst, ist klar. Wir wussten, dass wir ein Heimspiel bekommen. Und gerade ein Verein wie der VfL Osnabrück kann es natürlich auch finanziell ganz gut gebrauchen, wenn man vielleicht mal in die zweite, dritte oder vierte Runde kommt. Aber noch mal: Das Ziel ist das Gleiche geblieben, nur der Gegner ist halt der maximal schwierige Gegner.
„Wir werden mutig agieren müssen“
SPORT1: Der VfL Osnabrück hat in der Vereinsgeschichte bereits für einige Pokal-Sensationen gesorgt. In der Saison 2009/2010 wurden unter anderem der Hamburger SV und Borussia Dortmund besiegt, 2017/2018 gewann man sogar in Unterzahl gegen den HSV. Ist der Glaube an eine weitere Überraschung dadurch im Verein besonders verankert?
Schultz: Absolut. Ich habe ja gesagt: Die Bremer Brücke ist ein sehr spezielles Stadion. Wir treten an, um in die zweite Runde zu kommen. Ich weiß selbst, dass die Wettquoten wahrscheinlich nicht ganz so gut für uns stehen, aber im DFB-Pokal ist alles möglich. Bayern München ist letztes Jahr wieder DFB-Pokalsieger geworden, die sechs Jahre davor sind sie maximal ins Viertelfinale gekommen. Das Spiel startet bei 0:0, wir spielen elf gegen elf. Dann kann es losgehen und wir schauen, was am Ende dabei herauskommt.
SPORT1: Was erwarten Sie taktisch für ein Spiel?
Schultz: Ich gehe schon stark davon aus, dass Bayern München mehr Ballbesitz haben wird als wir. Ich gehe auch stark davon aus, dass wir häufiger die eigene Box verteidigen müssen. Trotzdem werden auch wir mutig agieren müssen, auch mit dem Ball, um uns die Chancen zu erarbeiten, die wir brauchen, wenn wir das Spiel gewinnen wollen. Ich denke, dass wir auch die Qualität dazu haben. Das wird unser Ansatz sein: sie auch mit dem Ball zu beschäftigen und nicht nur aus einer reinen Umschaltphase heraus. Aber klar: Der FC Bayern hat international in wohl 80 Prozent der Spiele die absolute Dominanz, national gefühlt in 90 Prozent – und im DFB-Pokal gegen einen Zweitligisten vielleicht sogar noch ein paar Prozent mehr.
SPORT1: Ihr letztes Spiel als Trainer gegen Bayern München ist noch gar nicht so lange her. Im April 2024 traten Sie mit dem 1. FC Köln in München an und verloren 0:2, hatten aber einige gute Möglichkeiten. Können Sie aus dem damaligen Spiel etwas mitnehmen?
Schultz: Nein, überhaupt nicht.
„Wir wissen, dass wir weder Kane noch Olise kontrollieren können“
SPORT1: Vielleicht ja doch. Sie haben damals immerhin kein Tor durch Harry Kane zugelassen. Haben Sie dadurch vielleicht eine Idee, wie Sie ihn erneut am Toreschießen hindern können?
Schultz: Harry Kane hat eine außerordentliche Qualität. Aber ich glaube, bei Bayern kannst du Position für Position durchgehen: Das ist überall internationale Klasse. Und was Harry Kane angeht, warten wir erst mal ab, ob er überhaupt auf dem Platz steht. Ich kann mich an das Pokal-Aus in Saarbrücken erinnern, da kam er erst ganz am Ende für ein paar Minuten rein. Wir sind darauf vorbereitet, wir haben unseren Plan. Aber natürlich wissen wir, dass wir weder einen Harry Kane noch einen Michael Olise oder wer auch immer spielt im Eins-gegen-eins kontrollieren können.
SPORT1: Wie wichtig ist es im Hinblick auf das Spiel gegen Bayern, dass Ihre Mannschaft in Bochum den ersten Sieg der Zweitliga-Saison eingefahren hat?
Schultz: Ich würde das schon gerne trennen wollen. Das eine ist die Liga, das andere der DFB-Pokal. Trotzdem gebe ich Ihnen recht: Es ist natürlich schön, dass wir jetzt den Dreier geholt haben und einen Auswärtssieg in Bochum landen konnten, was uns ja auch nicht viele zugetraut haben. Das macht die Vorbereitung auf das Bayern-Spiel natürlich deutlich angenehmer. Die Liga ist natürlich viel wichtiger.
SPORT1: Aber…?
Schultz: Aber wir wollen das Bayern-Spiel genießen. Wir gehen es maximal ambitioniert an, werden uns bestmöglich vorbereiten und wollen den Bayern einfach ein geiles Spiel, einen geilen Fight liefern. Dann werden wir am Ende sehen, ob wir vielleicht diesen einen Sahnetag erwischen, den wir natürlich brauchen, um sie wirklich ernsthaft in Bedrängnis bringen zu können.
„Ich schon einiges erlebt an der Bremer Brücke“
SPORT1: Sie haben bereits den Faktor Bremer Brücke angesprochen. Als aktiver Spieler hatten Sie dort acht Auswärtsspiele und haben sechsmal verloren.
Schultz: Okay, das hatte ich so nicht auf dem Zettel. Es war immer speziell, hier zu spielen. Es war immer Bombenstimmung, immer Hektik und immer ein Gegner, der maximal ambitioniert war. Ich glaube, als gegnerischer Trainer habe ich hier eine sehr gute Bilanz (er gewann mit St. Pauli in Osnabrück, Anm. d. Red.), als Spieler eben nicht. Ich habe hier auch meine einzige Rote Karte bekommen. Dementsprechend habe ich schon einiges erlebt an der Bremer Brücke. Und wenn jetzt noch ein neues Kapitel dazukommen würde, hätte ich nichts dagegen.
SPORT1: War die Rote Karte denn berechtigt?
Schultz: Ja. Vollkommen zu Recht habe ich eine Rote Karte bekommen, weil ich damals einen sehr unfairen Gegenspieler hatte: Joe Enochs (lacht)! Der hat mich provoziert und mich umgetreten, und dann habe ich als junger Spieler die Nerven verloren. Aber ich bereue es bis heute nicht.
SPORT1: Und heute arbeiten Sie zusammen. So schließt sich der Kreis. Vielen Dank für das Gespräch.