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Ein Paukenschlag, den keiner hörte

Ein Paukenschlag, den keiner hörte

Vor dem Start der WM-Quali geht völlig unter, dass Joachim Löw mit einer jahrelangen Gewohnheit bricht und Julian Draxler nicht nominiert. Woran könnte das liegen?
Nach vier Jahren bei Paris Saint Germain spricht Julian Draxler über eine mögliche Rückkehr in die Bundesliga. 2017 war er vom VFL Wolfsburg nach Paris gewechselt.
Tobias Wiltschek
von Tobias Wiltschek
22.03.2021 | 20:18 Uhr

Vor dem Auftakt zur WM-Qualifikation lieferte das DFB-Team viele Diskussionsthemen: die unerwartete Rücktrittsankündigung von Joachim Löw, die Situation um die einst ausgemusterten Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels, die Nominierungen von Jamal Musiala und Florian Wirtz.

Bei so vielen Personalien ist eine zunächst überhaupt nicht aufgefallen: Julian Draxler steht erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit nicht im Kader der deutschen Nationalmannschaft. Löw, der ihn 2012 zum Debüt verhalf und seitdem praktisch ausnahmslos an ihm festhielt, hat ihn nicht nominiert.

Eine Entscheidung, die auf dem ersten Blick verwundert. Schließlich war Draxler im vergangenen Herbst verletzungsbedingt nicht Teil der Mannschaft, die in Spanien mit 0:6 unterging und damit den deutschen Fußball in eine veritable Krise stürzte.

Draxler kommt bei PSG häufiger zum Zug

Auch sein Standing bei Paris Saint-Germain scheint sich in den letzten Wochen und Monaten verbessert zu haben, zumindest wenn man den Statistiken Glauben schenkt.

18 Spiele bestritt der offensive Mittelfeldspieler in dieser Saison in der Ligue 1, in der gesamten letzten Spielzeit waren es nur elf Partien.

Außerdem zeigte er sich im Kreise der Superstars von PSG zuletzt sogar torgefährlich. Seitdem er im Dezember letzten Jahres eine Oberschenkelverletzung überstanden hat, glänzt in der Liga mit zwei Treffern und zwei Assists.

Beim triumphalen 4:1-Sieg im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Barcelona bereitete er ebenfalls ein Tor vor.

Bierhoff über Draxler und Brandt: "Ein Zeichen"

Doch so ganz scheinen die DFB-Verantwortlichen dem Pariser Braten nicht zu trauen. Oliver Bierhoff jedenfalls schickte vor dem Start der WM-Qualifikation am Donnerstag gegen Island (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) eine klare Botschaft an Draxler, aber auch an Dortmunds Julian Brandt, der auch nicht nominiert wurde. (WM-Qualifikation: Spielplan und Ergebnisse)

"Es ist ein Zeichen. Wenn sie jetzt nicht nominiert sind, dann ist man eben mit der Entwicklung nicht so zufrieden", erklärte der Direktor Nationalmannschaften ungewohnt deutlich.

Stattdessen freute er sich auf zwei Teenager, die erstmals für Länderspiele nominiert wurden. Der Leverkusener Florian Wirtz und Bayern-Jungstar Jamal Musiala seien zwei "außergewöhnliche Talente mit ihren technischen Fähigkeiten, die beide für Alter auch schon sehr reif sind", so Bierhoff.

Für den 17-Jährigen Wirtz habe man sogar erstmals einen Lehrer im Betreuerstab der Nationalmannschaft dabei, damit er sich zwischen den Trainingseinheiten auf das Abitur vorbereiten könne. (WM-Qualifikation: Die Gruppen)

Was er nicht sagte: Beide spielen auch im offensiven Mittelfeld und dürften auch deshalb eingeladen worden sein, um den Druck auf Draxler und Brandt vor der Europameisterschaft im Sommer zu erhöhen.

Löw wünschte sich Wechsel von Draxler

Im Fall von Draxler könnte aber auch eine Rolle spielen, dass er Paris immer noch nicht verlassen hat, um bei einem anderen Klub regelmäßig zu spielen. Löw hatte schon im vergangenen Herbst angedeutet, dass er sich von Draxler diesen "entscheidenden Schritt" wünscht, wie er es ausdrückte.

Draxler steht in dieser Saison zwar häufiger auf dem Feld, doch über die kompletten 90 Minuten spielt er bei PSG immer noch sehr selten. So selten, dass er auch nach dem Rückspiel gegen Barcelona Fragen nach seiner Zukunft beantworten musste.

"Es ist ein bisschen Heimweh da, ich habe mich aber noch nicht entschieden. Es laufen viele Gespräche im Hintergrund", sagte er bei Sky über eine eventuelle Rückkehr in die Bundesliga.

Sein Vertrag läuft im kommenden Sommer aus. Wie schnell er seine Zukunft klärt, dürfte am Ende auch mit entscheidend dafür sein, ob er von seinem Förderer Löw für dessen letztes großes Turnier nominiert wird.

Denn Spieler, die während der Endrunde noch in Vertragsverhandlungen stecken, könnten unter Umständen die nötige Konzentration auf die Nationalmannschaft vermissen lassen.

Draxler war Teil der Weltmeister-Mannschaft von 2014 und führte das DFB-Team 2017 zum Confed-Cup-Triumph. 56 Länderspiele hat er unter Löw bislang bestritten. Ob ein 57. dazu kommt, ist derzeit fraglicher denn je.