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"Man kann ihn mit Lionel Messi vergleichen"

„Man kann ihn mit Messi vergleichen“

Nach schwachem Start hat sich die DFB-Elf die direkte Qualifikation für die WM erspielt. Olaf Thon, Weltmeister von 1990, spricht im SPORT1-Interview über das Slowakei-Spiel, Deutschlands Titelchancen und darüber, welche DFB-Spieler das Turnier prägen könnten.
Youngster Lennart Karl spricht über seine Teamkollegen beim FC Bayern und die Beziehung zu Joshua Kimmich. Außerdem schwärmt das Bayern-Juwel von der Arbeit mit Vincent Kompany.
Nach schwachem Start hat sich die DFB-Elf die direkte Qualifikation für die WM erspielt. Olaf Thon, Weltmeister von 1990, spricht im SPORT1-Interview über das Slowakei-Spiel, Deutschlands Titelchancen und darüber, welche DFB-Spieler das Turnier prägen könnten.

Deutschland hat sein WM-Ticket gelöst - und geht mit mehr Rückenwind ins Turnierjahr als gedacht: Nach schwachem Start in die WM-Qualifikation inklusive Auftakt-Blamage (0:2) machten die Deutschen mit der deutlichen Revanche gegen die Slowakei (6:0) die direkte Qualifikation für das Turnier im nächsten Sommer perfekt.

Was bleibt von einer WM-Qualifikation mit sehr gemischten Eindrücken? Im Interview mit SPORT1 spricht Bundesliga-Legende Olaf Thon, Weltmeister von 1990, über den Statement-Sieg gegen die Slowakei, die Titelchancen von Julian Nagelsmanns Auswahl bei der WM und einen Nationalspieler, der für ihn zum Spieler des Turniers werden kann.

Thon über DFB-Gala: „Waren alle sehr überrascht“

SPORT1: Herr Thon, haben Sie vor dem Slowakei-Rückspiel zu irgendeiner Zeit am DFB-Team gezweifelt?

Olaf Thon: Der Druck war am Anfang schon immens. Aber wie das Spiel losging und sich in den ersten Minuten entwickelt hat, da war ich schnell ganz beruhigt. Wir haben das Spiel mit vielen ehemaligen Fußballern angeschaut, weil wir eine Mitgliederversammlung der Traditionsmannschaft von Schalke hatten. Wir waren knapp 50 Leute, unter anderem waren auch Klaus Fischer, Rüdiger Abramczik und Klaus Fichtel dabei. Wir waren alle sehr überrascht. Es war richtig schön zu sehen, was wir doch für Fähigkeiten und tolle Spieler haben, egal ob unsere jungen Talente oder auch unsere älteren Spieler. Hervorgehoben werden müssen auf jeden Fall Joshua Kimmich und Nico Schlotterbeck, die ja in Luxemburg noch verletzt gefehlt hatten: Das waren die Köpfe des Teams. Zudem hat Oliver Baumann, wenn er mal gefragt war, sehr gut gehalten. Ich bin überglücklich, dass Deutschland bei der WM dabei ist.

SPORT1: Ist es ein Zeichen der Schwäche, dass das Team es überhaupt zu solch einem Entscheidungsspiel kommen lassen muss oder eher ein Zeichen der Stärke, dieses dann so souverän zu gewinnen?

Thon: Man darf jetzt natürlich nicht alles schönreden. Aber wenn man so dominant in dieses Spiel geht, vor allem wenn man bedenkt, dass man das Hinspiel mit 0:2 verloren hatte, dann ist das schon beachtlich und zeigt auch die Qualität. Zudem haben wir auch starke Qualität auf der Bank. Es kamen noch Nmecha, Thiaw, Baku, Brown und speziell Ouédraogo, der ein Heimspiel in Leipzig hatte, ja noch vor anderthalb Jahren auf Schalke war und jetzt eine super Entwicklung genommen hat. Auch Leon Goretzka war sehr stark, er ist wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen. Zudem Nick Woltemade mit seinem schönen Kopfballtor nach der tollen Flanke von Kimmich. Ich bin wirklich sehr angetan und auch sehr positiv für die WM gestimmt. Ich denke, dass wir da eine Rolle spielen können, speziell, wenn ich sehe, wie schwer sich andere Mannschaften tun - Italien beispielsweise. Wir sind auf dem richtigen Weg, auch wenn wir kein Favorit für die WM 2026 sind.

Sane? „War in den beiden Spielen am auffälligsten“

SPORT1: Sie haben eben schon Kapitän Joshua Kimmich angesprochen. Wie sehen Sie seine Rolle, speziell als Führungsspieler?

Thon: Er ist der wahre Kapitän, egal ob er rechts als Verteidiger spielt oder im Zentrum im Mittelfeld. Kimmich zeigt, was man auch von der rechten Verteidigerposition für einen Einfluss auf die Mannschaft nehmen kann. Es war eine wichtige Entscheidung von Nagelsmann, ihn und Schlotterbeck aufzustellen. So konnten sie direkt Forechecking spielen und haben dem Gegner gar keine Luft zum Atmen gegeben. Das war der Fußball, den wir uns wünschen.

SPORT1: Auch wegen der zwischenzeitlich sehr durchwachsenen Leistung gab es erste Kritik an Bundestrainer Julian Nagelsmann. Wie sehen Sie ihn?

Thon: Es gab zu Recht Kritik, weil er immer wieder die Mannschaft gewechselt hat. Wir waren auch der Überzeugung, dass man das nicht unbedingt hätte tun müssen. Aber er hat jetzt gezeigt, auch mit der Einladung von Sané, dass er da richtig lag. Er war der Spieler, der in den beiden Spielen für mich am auffälligsten war, er bekommt von mir auch ein Sonderlob. Man hat auch gesehen, wie Kimmich zu ihm gegangen ist, wie er mit ihm umgegangen ist und wie er sich für die tolle Leistung bedankt hat. Das zeigt deutlich, dass die Hierarchie und die Rangordnung vorhanden ist. Wir haben eine Achse, die das Spiel antreibt - und eine Mannschaft, die Potenzial für die Zukunft hat. Man hat die Erleichterung auch bei Nagelsmann gespürt. Da ist die Last nach dem ersten, zweiten und dann dritten Tor richtig abgefallen. Der Druck spielt schon eine große Rolle. Dass das Team dann aber so performt, zeigt auch, dass Potenzial für mehr in dieser Mannschaft steckt.

Karl: „Man kann ihn mit Messi vergleichen“

SPORT1: Sie haben Leroy Sané schon angesprochen. Er wurde nach seinem Wechsel zu Galatasaray Istanbul öffentlich von Nagelsmann angezählt. Jetzt lieferte er gegen die Slowakei. Spielt es also doch keine so große Rolle, dass Sané im Verein nicht mehr dauerhaft auf allerhöchstem Niveau gefordert ist?

Thon: Ja, aber er hat sich bei Galatasaray dann auch gesteigert. Sonst hätte ihn Julian Nagelsmann überhaupt nicht eingeladen. Ich glaube, es ist auch extrem wichtig, dass er seinen harten Kurs durchzieht und nur Spieler einlädt, die bei ihrem Verein auch performen. Sicherlich gibt es mal Ausnahmen, aber bei 90 Prozent der Leute sollte er es so durchziehen. Der Großteil der Spieler muss Stammspieler in ihren Vereinen sein. Deswegen finde ich auch gut, dass er Lennart Karl noch bei der U21 gelassen hat. Aber Karl ist trotzdem für mich ein Kandidat, der in Zukunft auf jeden Fall eingeladen werden kann und vielleicht dann sogar im Kader bei der WM 2026 steht.

SPORT1:Karl sorgt gerade auch in der U21 für große Furore, auch Tom Bischof und Said El Mala spielen sich aktuell in den Fokus. Wie bewerten Sie die Entwicklung der drei jungen Spieler?

Thon: Alle drei sind außergewöhnlich, aber Karl ist für mich derjenige, der am meisten Potenzial mitbringt - nicht nur, um bei den Bayern Stammspieler zu werden, sondern auch in der Nationalmannschaft. Durch seine Spielweise kann man ihn mit Lionel Messi vergleichen. Ob er diesem großen Idol dann mal nacheifern kann, wird sich zeigen. Aber die Ansätze sind da. Es ist schön, dass wir so tolle Talente mit 17 Jahren haben. Auch ein Ouédraogo, der sich nach jahrelanger Verletzungsplage zurückgekämpft hat, ist jemand für die Zukunft. Dass er sich körperlich so in Schwung gebracht hat, es jetzt sogar in die Nationalmannschaft geschafft und dort ein Tor geschossen hat, ist unglaublich. Der Fußball schreibt großartige Geschichten.

SPORT1: Welche der angesprochenen Juwele außer Karl sind Kandidaten für die WM im Sommer 2026?

Thon: Ich denke, dass nur einer der vier - Karl, El Mala, Bischof, Ouédraogo - durchkommen wird zur WM, vielleicht auch zwei. Es wird sich zeigen, ob sie dann den etablierten Spielern Druck machen können. Oder ob noch ein aktuell abgeschriebener Spieler wie Phönix aus der Asche kommt. Aber im Moment sehe ich sonst keinen Namen aktuell, wo ich sage: Oh ja, der muss unbedingt dabei sein, der jetzt noch gar nicht dabei war. Andererseits: Es werden sich auch Spieler noch verletzen und andere werden in Formtiefs rutschen. Aber das ist Zukunftsmusik. Im Hier und Jetzt dürfen wir uns kurz zufrieden zurücklehnen, feiern und auch mal sagen: Mensch, da haben wir Großes geschafft.

Wirtz für Thon nicht gesetzt

SPORT1: Mit Florian Wirtz kämpft einer der besten deutschen Spieler seit seinem Wechsel zum FC Liverpool mit seiner Form. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?

Thon: Das sind Phasen im Verein, wenn man frisch dahin kommt, in denen man ein bisschen vom Sog mitgerissen wird. Wir haben auch gestern gesehen, dass er Chancen hatte, ein Tor zu erzielen. Ihm fehlt im Moment die Leichtigkeit. Trotzdem hat er sehr gut gespielt, noch ist der Knoten aber nicht geplatzt. Von daher muss er jetzt auch zeigen bei Liverpool im nächsten halben Jahr, dass er der Mann auf seiner der Position ist und dass er auch dort ein Spiel entscheiden kann.

SPORT1: Machen Sie sich denn Sorgen um ihn?

Thon: Nein, das nicht. Wenn er nicht performt, dann kommt eben Karl ins Gespräch. Der könnte ihn durchaus ersetzen, obwohl er mehr mit seinem linken Fuß von der rechten Seite kommt und von dort nach innen zieht. Aber wenn wer auch immer von den Etablierten nicht gut in Form ist, dann stehen eben junge Leute dahinter und machen Druck. Die sind auch entscheidend dafür, dass eine Gruppendynamik entsteht, die leistungsfördernd ist. Wenn man von den starken Teamkollegen unter Druck gesetzt wird, kann das sehr helfen. So funktionierte es beim WM-Titel 2014 und auch 1990, als wir Weltmeister wurden. Damals hatten wir ein Mittelfeld mit Uwe Bein, Pierre Littbarski, Andreas Möller, Lothar Matthäus und mir. Dort konnten am Ende auch nicht alle spielen oder wurden nur hier und da mal eingesetzt. Aber der hohe Konkurrenzdruck hat für eine Leistungssteigerung bei allen gesorgt.

SPORT1: Florian Wirtz ist für Sie also nicht gesetzt, wenn er beim FC Liverpool weiter nicht zu seiner Form findet und nicht immer von Beginn an spielt?

Thon: Nein! Wenn es wirklich so kommt, muss man dann schon abwägen, was zu tun ist. Aber mein Gefühl sagt mir, dass Wirtz sich durchsetzen wird und bei der WM klarer Stammspieler sein wird.

Thon schwärmt von Woltemade

SPORT1: Ganz anders läuft es bis jetzt bei Nick Woltemade, der sowohl in England gleich geliefert hat als auch in der Nationalmannschaft zuletzt konstant traf. Hat Deutschland damit endlich sein Stürmerproblem überwunden?

Thon: Dieses Problem haben wir dank ihm definitiv überwunden. Der ist einmalig. Ich habe schon immer gesagt: Hinten einen Zwei-Meter-Mann, vorne einen Zwei-Meter-Mann, das ist gut. So einen Typen, der fußballerisch exzellent ist, die körperlichen Voraussetzungen mitbringt und köpfen kann, den braucht jedes Team. Ich habe das Gefühl, dass er aktuell sogar auf dem Weg ist, nochmal deutlich besser zu werden. Er bringt das Potenzial mit, bei der WM ein ganz entscheidender Mann zu sein und vielleicht sogar der beste Spieler des Turniers zu werden. Da ist Potenzial ohne Ende.

SPORT1: Auch der FC Bayern wollte Woltemade unbedingt, war aber nicht bereit, die hohe Ablöse zu bezahlen. War das ein Fehler?

Thon: Ich weiß nicht, ob man überhaupt die Chance hatte. Viele Vereine aus England wollten unbedingt zuschlagen. Ich glaube, die Top-10-Vereine haben die Möglichkeit, Transfers über 100 Millionen zu tätigen. Wir sehen ja auch bei Bayern München, dass es vielleicht nur aufgeschoben ist, Wirtz und Woltemade nicht bekommen zu haben. Dafür holen sie dann andere Top-Spieler, die mindestens genauso gut sind. Bei solchen Ablösesummen muss man vielleicht auch mal innehalten und sagen: Mensch, das geht jetzt im Moment nicht. Trotzdem sind sie eine der besten Mannschaften der Welt und der FC Bayern hat vieles richtig gemacht, auch wenn sie die beiden nicht bekommen haben.

SPORT1: Zurück zur Nationalmannschaft. Mit Jamal Musiala fällt ein absoluter Weltklassespieler noch verletzt aus. Was trauen Sie Deutschland bei der WM im kommenden Jahr zu, sollten alle Spieler fit sein?

Thon: Im Optimalfall können wir da überraschen. Wir sind aber kein Favorit. Das merkt man auch, wenn man auf die anderen Gruppen in der WM-Qualifikation schaut. Die Engländer, die Belgier, Spanien, Frankreich und andere Mannschaften sind da richtig locker durchgegangen. Deswegen sind wir nur Außenseiter. Als Außenseiter zu einer WM zu fahren, ist aber nicht unbedingt die schlechteste Voraussetzung. Das erinnert mich stark an 1990, wo uns Icke Häßler auch erst kurz vor Schluss gegen Wales zur WM geschossen hat.

„Wir sind Außenseiter“

SPORT1: Aleksander Pavlovic sprach nach der Qualifikation offen vom WM-Titel als Ziel - wie Julian Nagelsmann schon am Ende der EM. Berechtigtes Selbstbewusstsein oder Größenwahn?

Thon: Ich glaube, die Aussage von Pavlovic ist dem geschuldet, dass er bei Bayern München aktuell in einem positiven Rausch ist. Er kann denken, was er will. Der Olaf Thon sagt: Wir sind Außenseiter. Am Ende liegt die Wahrscheinlichkeit eher auf meiner Seite. Denn Weltmeister zu werden, ist schwierig. Aber es ist möglich. Wir sind Außenseiter, aber zumindest kein krasser Außenseiter mehr.

SPORT1: Für einen möglichen WM-Titel braucht es definitiv einen guten Torhüter. Marc-André ter Stegen ist weiterhin verletzt und auch sonst keine Stammkraft bei Barca. Die anderen DFB-Keeper haben noch nie konstant auf dem allerhöchsten Niveau gespielt. Würden Sie sich eine Rückkehr von Manuel Neuer wünschen?

Thon: In der Vergangenheit, also in den letzten 20, 30 Jahren, wurden immer wieder Spieler aus dem DFB-Ruhestand zurückgeholt. Das Zurückholen bringt aber keine Titel. In einer Notsituation, wenn jetzt zwei oder drei Torhüter ausfallen, dann kann man sich Gedanken machen. Manuel Neuer hat über die Medien die richtige Antwort gegeben: Ich bin zurückgetreten und dabei bleibt es. Ich kann mir trotzdem vorstellen, dass Nagelsmann Neuer um Hilfe bittet, wenn jetzt wirklich etwas Unheimliches an Pech passiert und sich mehrere Torhüter verletzen. Dann ist Manuel, glaube ich, der Letzte, der das nicht macht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering.