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Nagelsmanns Ansagen bergen Knall-Potenzial

Ansagen mit Knall-Potenzial

In einem ausführlichen Interview skizziert Julian Nagelsmann die kommenden Monate bis zur Weltmeisterschaft. Die Botschaften des Bundestrainers sind mal versteckt, mal glasklar – die Bedeutung nicht zu unterschätzen.
Marc-André ter Stegen hat sich beim FC Girona erneut verletzt. Trotz des Rückschlags bleibt die Tür zur Nationalmannschaft für den Bundestrainer Julian Nagelsmann offen.
In einem ausführlichen Interview skizziert Julian Nagelsmann die kommenden Monate bis zur Weltmeisterschaft. Die Botschaften des Bundestrainers sind mal versteckt, mal glasklar – die Bedeutung nicht zu unterschätzen.

Man kann Julian Nagelsmann wirklich nicht vorwerfen, er würde sich verbal verstecken. Im Interview mit dem kicker lässt sich der Bundestrainer teils tief in seine Gedankenwelt schauen – das ist kein Zufall. Es entspricht einem gewissen Prinzip, dass er jetzt in die Offensive geht.

Bereits im Dezember 2023, also ein halbes Jahr vor der Heim-EM, ging der 38-Jährige so vor. Mit zahlreichen Botschaften im Gepäck wollte er damals im ZDF-Sportstudio nicht nur reden, sondern auch etwas sagen. Den Erfolg seiner klaren Botschaften will er jetzt offenkundig wiederholen, doch seine Ansagen bergen auch Knall-PotenZial.

Seine deutliche Warnung an potenzielle Egoisten ist im Sinne der Mannschaft richtig. „Du musst extrem darauf achten, wie ein Spieler damit umgeht, wenn er bei uns Kaderplatz 15 oder 16 ist, obwohl er bei seinem Verein als Top-6-Mann gilt, der immer spielt“, sagt der Bundestrainer. Es ist eine härtere Gangart, einen Schmusekurs gibt es nicht.

Doch seine Vermutung, dass die Bankdrücker nicht öffentlich rebellieren werden, ist ein schmaler Grat. Manchmal reicht es schließlich schon, wenn von außen Unruhe aufkommt, um dem DFB-Gefüge zu schaden. Sollte er ohne große Erklärungen auf gewisse Experten-Lieblinge verzichten, könnte der Wind schnell rauer werden.

Nagelsmann liebt Kommunikation

Nagelsmann weiß, dass im Job des Bundestrainers die richtige Kommunikation ein wichtiger Punkt ist – schließlich hat er in Deutschland rund 80 Millionen vermeintliche Berufskollegen, die es im Zweifel besser wissen.

Nagelsmann liebt es, Klartext zu sprechen, wenn er nötig ist. Auch deswegen bemüht er sich um deutliche Worte.

Dass er Leon Goretzka zum Eckpfeiler erklärt, mag viele überraschen, doch gerade der Noch-Bayern-Star ist jemand, der das Vertrauen des Trainers braucht. Dass Goretzka schnell unzufrieden sein kann, konnte Nagelsmann während seiner Zeit in München hautnah erleben.

Auch seine Festlegung auf Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger ist eine solche Maßnahme. Der Bundestrainer erstickt die ewige Diskussion bereits jetzt, um dann Ende des Monats und während der WM seine Ruhe zu haben. Nach der Schlangenlinie, die er in der Causa Kimmich oftmals fuhr, der richtige Weg.

Nicht nur Klartext

Bei einem Thema bleibt der Coach allerdings vage: Bezüglich der Wichtigkeit von Spielzeiten im Verein vollzieht er eine kleine Rolle rückwärts. Wo einst das Momentum und der aktuelle Stammspieler-Status zählten, gilt nun: Es spielt, wer am besten zusammenpasst.

Vor der EM im eigenen Land setzte Nagelsmann noch auf den Begeisterungsfaktor für Stars voller Spielfreude, jetzt geht er methodischer vor und denkt mehr um die Ecke – so wirkt es zumindest. Das könnte beispielsweise Spielern wie Deniz Undav zum Verhängnis werden und Typen wie Kai Havertz nach vorne spülen.

Welche Rolle spielt Füllkrug?

Gedanken muss sich zudem Niclas Füllkrug machen. Der Bundestrainer hob hervor, dass der Milan-Stürmer bei seinem neuen Klub nur wenig Spielzeit bekommt. Zudem war es eben jener Füllkrug, der während der EM vor allem als Joker glänzen sollte.

„Dann gibt es Spieler, die du für 20 Minuten super einwechseln kannst, um entweder ein Ergebnis zu halten oder zwingend ein Tor zu erzielen. Die können in 20 Minuten ihr Herz auf dem Platz lassen und sich zerreißen“, erklärt Nagelsmann.

Das riecht nicht danach, als dürfe sich Füllkrug große Hoffnungen auf die erste Elf machen. Wer den Angreifer bei seinen vergangenen Auftritten beim DFB erlebt hat, weiß, dass seine Ansprüche andere sind. Und: Er gilt als Liebling der Fans. Diskussionen sind da programmiert.

Im Fall Baumann überrascht der Bundestrainer

Bei all der Klarheit, die Nagelsmann bietet, bleibt er bei einer Position erstaunlich unkonkret: nämlich der des Keepers. Dass er sich im aktuellen Interview nicht dazu entschieden hat, Oliver Baumann zur klaren Nummer 1 bei der WM zu erklären, dürfte zwei Gründe haben: Rücksichtnahme auf den verletzten Marc-André ter Stegen und die Tatsache, dass Baumann bislang alle Zweifel an seiner Person hat abprallen lassen. Er braucht kein öffentliches Treuebekenntnis, um gut zu spielen.

Interessant in dem Zusammenhang: Die Erzählung, wie es im Sommer 2024 genau zum Rücktritt von Manuel Neuer gekommen ist, hat sich verändert.

Ende Juli vergangenen Jahres hatte Nagelsmann gesagt: „Die Entscheidung haben wir ganz bewusst getroffen.“ Das Wörtchen „wir“ vermittelte den Eindruck, dass Neuer seinen Rücktritt auch durch freundliche Unterstützung des Bundestrainers vollzogen habe – also gemeinsam. Jetzt klingt das anders: Es sei Neuer gewesen, der zurückgetreten sei, erklärt der DFB-Coach im kicker.

Noch lässt sich für die Öffentlichkeit nur schwer erahnen, welche Spieler ernsthaft um ihren Platz im WM-Kader fürchten müssen. Fakt ist: Wirklich gesichert sind nur jene, die Nagelsmann auch namentlich positiv erwähnte.

Die Fans müssen sich also weiter gedulden. Die betroffenen Spieler dürften es aber verstanden haben – auch dank der zahlreichen Einzelgespräche, die mit ihnen geführt wurden und bald wieder werden.

Nagelsmann baut vor

Fernab der Diskussion um einzelne Personen ist zudem zu beobachten, dass Nagelsmann bezüglich eines möglichen Abschneidens bei der WM klug vorbaut. Mit Blick auf die Olympischen Spiele hebt er den Wert von zweiten und dritten Plätzen hervor – von einer Weltmeister-Ansage wie noch im Sommer 2024 ist nun keine Spur mehr.

„Im Fußball ist man so getriggert, dass man sich nur freut oder emotional ist, wenn man Erster wird. Alles andere dahinter ist eher schlecht“, so der Bundestrainer. Das sehe man auch daran, dass Fußballer nach einem verlorenen Finale die umgehängte Medaille meist direkt wieder abnehmen.

Soll das heißen, dass ein dritter Platz das neue Ziel ist? Es wirkt zumindest so und es schwingt fast ein wenig jene Demut mit, die Karl-Heinz Rummenigge dem Bundestrainer vor einiger Zeit empfohlen hat. Auch dass Nagelsmann keinen Durchmarsch durch die Gruppenphase prophezeit, senkt die Erwartungshaltung in Fußball-Deutschland. So manchen erfolgshungrigen Fan dürfte das irritieren.