Von einem Klassenunterschied war am Samstagabend im Soldier Field nichts zu sehen. Obwohl die deutsche Nationalmannschaft durch den 2:1-Erfolg gegen Gastgeber USA mit einem guten Gefühl in die WM starten kann, spiegelt sich die Überlegenheit lediglich im Ergebnis wider. Denn die US-Amerikaner waren mindestens auf Augenhöhe mit der DFB-Elf, in einigen Phasen des Spiels sogar überlegen.
Diese deutsche Schwäche werden andere bei der WM härter bestrafen
Nagelsmanns größte Baustelle
Es wirkte so, als könnte die Partie in jede Richtung kippen. Dass die DFB-Elf am Ende als Sieger hervorging, ist schmeichelhaft. Denn vor allem ein Problem muss Bundestrainer Julian Nagelsmann in den Griff bekommen.
Spielkontrolle hatte Deutschland nur in der Anfangsphase, in der auch die frühe Führung gelang. Nach der ersten Trinkpause kippte die Partie zunehmend zugunsten der Gastgeber. Dass Oliver Baumann und Jonathan Tah – neben Torschütze und Vorlagengeber Kai Havertz – zu den auffälligsten deutschen Akteuren zählten, spricht für sich.
USA auf Augenhöhe – DFB-Team wackelt
Die USA kamen auf 16 Abschlüsse und damit vier mehr als die DFB-Elf. Auch beim Ballbesitz (53 Prozent) und bei den Ecken (10:2) hatten die Gastgeber Vorteile. In der Mixed Zone bewerteten die deutschen Spieler die Partie dennoch etwas anders.
„Wir hatten es ganz gut im Griff“, meinte Joshua Kimmich. Auch Kai Havertz befand, dass man „im Spiel nicht allzu viel zugelassen“ habe. Die Zahlen sowie mehrere Rettungstaten von Baumann und Tah zeichnen jedoch ein anderes Bild.
Woran lag es also, dass die USA so viele Räume fanden? Allein die Defensive dafür verantwortlich zu machen, greift zu kurz und wäre auch falsch. Vielmehr hatte das deutsche Team im Gegenpressing zu wenig Zugriff, wodurch die USA immer wieder ins Umschalten kamen.
Zudem sorgte die hohe Abwehrlinie für anfällige Konterräume und Umschaltmöglichkeiten für das US-Team. Vor allem die offensiveren Spieler arbeiteten zu wenig gegen den Ball, die Abstimmung untereinander stimmte nicht immer.
So fehlte der DFB-Elf über weite Strecken die Kontrolle über das Spiel. Havertz sprach vom „ein oder anderen Ballverlust im Mittelfeld“, der zu Konteranfälligkeit geführt hätte. „Die haben auch gute Spieler in ihren Reihen, deshalb ist es ganz normal, dass die auch mal durchbrechen. In der ersten Halbzeit hatten wir schon Potenzial zur Verbesserung“, so der Champions-League-Finalist vom FC Arsenal.
Diesen WM-Ernstfall wollte Nagelsmann simulieren
Auch Baumann sah Optimierungsbedarf, vor allem gegen den Ball: „Da können wir noch einen Schritt gehen, dass wir das früher verteidigen, dass wir das kompakter verteidigen.“ Gerade bei den Temperaturen müsse man „nicht auf zu großem Raum“ verteidigen.
Nagelsmann ließ auf der PK durchblicken, dass man gegen die USA auch bewusst etwas tiefer gestanden habe und den Gegner kommen lassen wollte, um einen möglichen WM-Ernstfall zu simulieren: Wie agiert man gegen Top-Teams, die Deutschland auchmal hinten einschnüren. Auf dieses Szenario wollte man sich vorbereiten und defensive Abläufe einzustudieren.
So sinnvoll dieser Ansatz auch gewesen sein mag – funktioniert hat das gegen die USA nicht wirklich. Denn für richtig Befreiung konnte die DFB-Elf nach den ersten 20 Minuten nicht mehr sorgen.
Nagelsmann muss nachjustieren
Die Spieler und Verantwortlichen betonten im Anschluss dennoch, wie wichtig der Sieg gewesen sei. Man habe ihn unbedingt erringen wollen, um mit einem positiven Gefühl ins Turnier zu gehen. Das ist zwar richtig, doch wäre eine spielerisch überzeugendere Leistung gegen einen schwächeren Gegner nicht vielleicht wertvoller gewesen, als sich am Ende knapp mit einem Tor Vorsprung über die Ziellinie zu retten?
Fakt ist: Gerade in der Arbeit gegen den Ball und in der Abstimmung untereinander hat die gesamte Mannschaft, allen voran die offensiveren Spieler, noch Luft nach oben.
Eine Woche bleibt Nagelsmann, um diese Probleme abzustellen. Bei der WM warten Gegner, die diese Schwächen deutlich konsequenter bestrafen dürften als die USA.