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England - Argentinien: Auch Hass ist Teil dieser WM-Rivalität

Mehr als nur ein WM-Spiel

Im WM-Halbfinale treffen mit Argentinien und England zwei Mannschaften aufeinander, deren Duelle seit Jahrzehnten weit mehr als Fußball sind.
Argentiniens Fans sorgen vor dem WM-Halbfinale gegen England in Atlanta für eine beeindruckende Atmosphäre. Für viele Anhänger ist der Traum vom Finale gegen Spanien bereits zum Greifen nah.
Im WM-Halbfinale treffen mit Argentinien und England zwei Mannschaften aufeinander, deren Duelle seit Jahrzehnten weit mehr als Fußball sind.

Auf dieses Halbfinale schaut die ganze Welt: Argentinien gegen England (Mittwoch, 21 Uhr im LIVETICKER). Weil diese beiden Auswahlmannschaften am Mittwoch aufeinandertreffen, schraubt die Polizei in Atlanta die Sicherheitsmaßnahmen ein paar Stufen höher.

Es geht nicht nur um Fußball und den Einzug ins WM-Finale, man muss auch auf dem Rasen und den Rängen mit der Fortsetzung eines Krieges mit anderen Mitteln rechnen. Denn seit 1982, als rund 900 junge Männer auf beiden Seiten beim Konflikt um die Falkland-Inseln (gehören zu England, Argentinien besetzte sie kurz) ihr Leben ließen, ist Hass im Spiel. Aber auch vorher ging es schon gewaltig rund. Ein Rückblick auf die Geschichte einer sehr speziellen WM-Paarung.

Der Beginn einer besonderen Rivalität

WM 1962 in Chile: Das Los hatte beide in der Vorrundengruppe D zusammengeführt. In Rancagua trafen sie sich zum zweiten Spiel der WM, in das Argentinien als Sieger (1:0 gegen Bulgarien) und England als Verlierer (1:3 gegen Ungarn) ihrer Auftaktpartien gingen.

Argentiniens Trainer Juan Carlos Lorenzo verkündete großspurig, er habe „die besten Spieler der Welt“ und werde mit ihnen mindestens ins Halbfinale kommen. Die Engländer standen zwar mit dem Rücken zur Wand, aber sie standen ihren Mann und antworteten mit Toren. Schon zur Pause führten sie 2:0, am Ende hieß es 3:1 und das Team um Bobby Charlton erreichte schließlich das Viertelfinale – dank der besseren Tordifferenz gegenüber Argentinien. Trainer Lorenzo hatte aus Wut über die Niederlage sieben Spieler aus der Elf genommen, kam aber nur zu einem 0:0 gegen Ungarn. Die einzige Niederlage der Albiceleste brach ihr das Genick – gegen England. Der Beginn einer auch sportlichen Rivalität hatte einen unpassenden Rahmen, es kamen nur 9794 Zuschauer.

Skandalspiel bei WM 1966

WM 1966 in England: Das Wiedersehen in Wembley wurde zu einem der größten Skandalspiele der WM-Geschichte. Man traf sich im Viertelfinale, das der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein zu leiten hatte. Leiden musste er auch. Nach 35 Minuten entschied er auf Freistoß für England und eine Verwarnung für Luis Artime, den sein Kapitän Arturo Rattin vehement in Schutz nahm.

Er packte den 30 Zentimeter kleineren Kreitlein am Kragen und redete wild auf ihn ein. Angeblich habe er nur einen Dolmetscher verlangt, der Deutsche verstand nur Bahnhof, schloss aber aus Mimik und Gestik, dass er übel beschimpft worden sei. Er erteilte einen Platzverweis. Das verstand Rattin wiederum nicht und es dauerte acht Minuten, bis er sich von FIFA-Offiziellen abführen ließ. In Überzahl gewann England mühsam mit 1:0, ein Meilenstein auf dem Weg zum einzigen WM-Titel war genommen. Kreitlein musste unter Polizeischutz vom Platz.

Folgen bis in die Gegenwart

Englands Trainer Alf Ramsey nannte die Argentinier „einen Haufen Irrer“ und „Tiere“, was ihm eine Verwarnung der FIFA einbrachte, und verbot den Spielern den Trikottausch. Rattin, der in diesen Tagen kurz vor der Wiederauflage des Klassikers verstarb, wurde für vier Spiele gesperrt. Argentiniens Verband musste die Höchststrafe (1000 Franken) bezahlen, außerdem drohte die FIFA mit dem Ausschluss von der WM 1970. Dazu kam es nicht, eine Folge aber hat das Spiel bis heute.

Spieler wurden künftig nicht mehr mit ausgestreckter Hand des Feldes verwiesen oder verwarnt, sondern mit Karten. Auf der Rückfahrt vom Spiel kam dem englischen Schiedsrichter Ken Aston an einer Ampel die Idee. Gelb: Geh vom Gas! Rot: Du bist raus!

Maradona schreibt Geschichte

WM 1986 in Mexiko: Wieder wurde Geschichte geschrieben. Das Viertelfinale von Mexiko-Stadt war das erste dieser Duelle, das schon unter dem Einfluss des Falkland-Kriegs stand. Politiker und Funktionäre betonten zwar den rein sportlichen Aspekt des Spiels und auch Weltstar Diego Maradona beteuerte: „Wir schießen mit dem Ball, nicht mit Gewehren.“

In Wahrheit „war das gelogen. Das war die Revanche. Es bedeutete, etwas von den Falkland-Inseln, wo viele Argentinier wie junge Hasen abgeknallt wurden, zurückzuholen.“ Was dann kam, ging in die Fußballgeschichte ein. In der 51. Minute wollte Maradona beim Stand von 0:0 Doppelpass mit Jorge Valdano spielen, dem der Ball versprang. Aber dessen Bewacher Terry Fenwick machte ihn wieder scharf und produzierte einen unkontrollierten Rückzieher. Die Bogenlampe zwang Maradona in ein scheinbar aussichtsloses Luftduell mit dem um 16 Zentimeter größeren englischen Torwart Peter Shilton. Doch er wusste sich zu helfen – und boxte den Ball mit der Faust ins Netz.

Die Hand Gottes entsteht

Zur allgemeinen Überraschung gab der Tunesier Ali Ben Naceur das Tor, bei dem Maradona nicht die mindesten Gewissensbisse plagten. Nach dem Spiel fielen die legendären Worte: „Es war ein bisschen die Hand Gottes und ein bisschen Maradonas Kopf.“

So charmant kann man einen kolossalen Betrug bemänteln – wenn man selbst ein (Fußball-)Gott ist. Für Argentinien, wo noch zu seinen Lebzeiten eine ihm gewidmete Glaubensgemeinschaft mit über 40.000 Anhängern entstand, war er das – und drei Minuten später auch für den Rest der Welt.

Ein Tor für die Ewigkeit

Da setzte er noch in der eigenen Hälfte zu einem Solo an, tanzte binnen zehn Sekunden mit 37 Schritten und elf Ballkontakten vier Engländer und den Torwart aus und traf im Fallen aus spitzem Winkel zum 2:0. Englands Gary Lineker gab zu, dass er am liebsten applaudiert hätte und der hyperventilierende TV-Kommentator Victor Hugo Morales, der vor dem 2:0 gleich siebenmal Maradonas Namen nennt, setzte sich selbst ein Denkmal mit Worten, die heute noch jeder Argentinier kennt:

„Mir kommen die Tränen! Großer Gott! Lange lebe der Fußball! Was für ein Tor! Ein denkwürdiger Lauf von Maradona. Das beste Solotor aller Zeiten. Kosmischer Drache, von welchem Planeten kommst du?“ 2002 wurde der Treffer zum WM-Tor des Jahrhunderts gewählt.

Unmittelbar nach dem Spiel, das Argentinien mit 2:1 gewann, wurde aber mehr über das erste Tor gesprochen, das man dank VAR nie mehr erleben wird. Der Generalsekretär des englischen Fußballverbands, Ted Crooker, bewies Haltung: „Wir Engländer haben die Tatsachenentscheidung eingeführt, nun müssen wir damit leben.“ Sein Trainer Bobby Robson betonte, es sei „herrlich für den Fußball, dass es solch einen Spieler gibt. Aber sein Tor war grausam – das war Handball, das war ungesetzlich.“ Aber sie legten keinen Protest ein. Maradona sagte Jahre später noch süffisant: „Wenn ich mir die beiden Tore ansehen, muss ich sagen: Das zweite war der größere Betrug, denn sie hatten keine Chance.“

England erlebt das nächste Trauma

1998 in Frankreich: Vor dem Achtelfinale in St. Etienne war auf englischer Seite viel von der Revanche für die Hand Gottes die Rede. Selbst der 18-jährige Michael Owen sprach davon, der Betrug habe „Spuren in meiner Kindheit hinterlassen“. Owen, das neue Wunderkind bei den Three Lions, tat viel dafür, sein persönliches Trauma zu überwinden und schoss nach 16 Minuten ein Traumtor, das an Maradonas Solo 1986 erinnerte. Zuvor hatten beide Seiten einen Elfmeter verwandelt und mit dem Pausenpfiff glich Argentiniens Zanetti aus.

Danach gab es nur noch einen „Treffer“, der zwar nicht auf der Anzeigetafel erschien, aber nach einhelliger britischer Meinung das Spiel entschied. Der da noch reichlich junge David Beckham (22) ließ sich nach 47 Minuten zu einem Revanchefoul gegen den Berufsprovokateur Diego Simeone hinreißen und flog vom Platz. „Der Platzverweis hat uns den Sieg gekostet“, knurrte Trainer Glen Hoddle nach einem Spiel, das als eines der besten jener WM galt.

Beckham zahlt den höchsten Preis

Die Rivalität trieb beide Teams zu Höchstleistungen, auch wenn inklusive der Verlängerung kein Tor mehr fiel. Es kam zum unvermeidlichen Elfmeterschießen mit dem unvermeidlichen Ausgang: England verlor. Der Sportminister schlug sarkastisch die Einführung einer „national penalty academy“ vor.

Die Medien stürzten sich indes auf den Glamourboy. „Zehn heroische Löwen, ein dummer Junge. Beckham hat uns zerstört“, schimpfte The Mirror, und die Daily Mail behauptete: „Ein Moment des Wahnsinns kostet unsere WM-Hoffnungen. Die Hand Gottes ist immer noch auf Seite Argentiniens.“ Beckham saß weinend in der Kabine, zu Hause erwarteten ihn Morddrohungen, eine in Form einer per Post geschickten Patrone. Schuld an einer Niederlage zu sein, ist das eine, an der gegen einen verhassten Gegner offenbar noch etwas anderes.

Die späte Abrechnung

WM 2002 in Japan und Südkorea: Das bis dato letzte Treffen auf der WM-Bühne versöhnte England wieder mit Sündenbock David Beckham. Er bekam in Sapporo seine persönliche Revanche und tilgte die Schmach von St. Étienne und noch etwas mehr, hatte ihn doch erst im April ein Argentinier im Ligaalltag das Bein gebrochen.

In der 44. Minute des zweiten Vorrundenspiels holte Michael Owen nun einen Elfmeter heraus, den es heute wohl nicht mehr geben würde, und weil der Gefoulte nicht schießen soll, wandte er sich an Beckham: „Hast Du Lust?“. Der Megastar, mittlerweile Kapitän und auf dem Sprung zu Real Madrid, hatte Lust. Gerade gegen diesen Gegner, von dem er sagte: „Die Argentinier werden versuchen, mich zu provozieren.“

Ein Happy End mit bitterem Nachgeschmack

Nun war es an ihm, sie zu ärgern. Er schob den Ball sicher an Torwart Cavallero vorbei. Dass es bereits das Siegtor war, ahnte da noch keiner, doch die Partie vor 35.000 Zuschauern konnte nicht ansatzweise an die Klassiker von 1986 und 1998 anknüpfen.

Argentinien hatte am Ende zwar 65 Prozent Ballbesitz, aber England die Punkte und das schmeckte „sehr, sehr süß“, fand Stürmer Teddy Sheringham. Bezeichnend: Argentinien, das Tage später ausschied, war nicht zum Trikottausch bereit. Vielmehr, meldete die Süddeutsche Zeitung, „tauschten die Erzrivalen Beleidigungen und Flüche aus.“