Anthony Gordon ließ England mit seinem Treffer zum 1:0 gegen Argentinien zu Beginn der zweiten Hälfte vom ersten Finaleinzug seit dem WM-Triumph 1966 träumen – und leitete doch auch das letztlich dramatische Scheitern ein. So sah es zumindest Mats Hummels.
Vercoacht? Bastian Schweinsteiger sieht es anders
Hat Tuchel sich vercoacht?
Der 2:1–Halbfinalsieg Argentiniens sei ausgerechnet mit dem 1:0-Tor der Engländer eingeleitet worden, sagte Hummels in seiner Analyse bei MagentaTV: „Ab dem Moment musste Argentinien. Sie hatten keine andere Wahl mehr, als Druck zu machen.“
Aber er merkte auch an: „England hat sie auch druckvoller werden lassen, ohne viel Widerstand.“
Hummels sah zu wenig Entlastung im Spiel der Three Lions, stattdessen klärte Harry Kane kurz nach dem Führungstreffer schon am eigenen Elfmeterpunkt. „Sie haben sich hinten verschanzt, oder verschanzen wollen. Viel zu früh! Das hätte 20 Minuten später vielleicht passieren dürfen, aber nicht zu dem Zeitpunkt des Spiels.“
Tuchel sendet mit seinen Wechseln Signale
Trainer Thomas Tuchel sendete in der Trinkpause mit der Einwechslung von Ezri Konsa anstelle von Torschütze Gordon ein entsprechendes Zeichen. In der 82. Minute wechselte Tuchel dann erneut defensiv. Für den angeschlagenen Verteidiger Reece James kam positionsgetreu Nico O’Reilly und Innenverteidiger Dan Burn ersetzte Mittelfeldspieler Declan Rice. Damit erfolgte dann auch noch eine Umstellung auf Fünferkette.
„Das war Bus reinstellen, aber leider dann zu passiv um den Sechzehner rum“, sagte Hummels. „Wenn man das so verteidigt, muss man super aktiv bleiben.“ Ansonsten werde man erdrückt.
Am Ende in Person von Enzo Fernández (85.) und Lautaro Martínez (90.+2), die jeweils nach Vorlage von Superstar Lionel Messi den Titelverteidiger doch noch ins Endspiel führten – und Englands Träume platzen ließen.
Tuchel übernimmt die Verantwortung
„Wir haben uns für eine Fünferkette entschieden, weil die Lücken viel zu groß waren“, erklärte Tuchel selbst. Er habe mit der Hereinnahme von Konsa auf die vielen Flanken der Argentinier reagiert. „Aber natürlich liegt die Verantwortung beim Trainer, und wenn es nicht gut läuft, ist es leicht zu sagen, dass es falsch war.“
Natürlich habe er auf das zweite Tor gehen wollen, erklärte der Coach. „Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass eine offensive Einwechslung geholfen hätte. Ich glaube, es war kein strukturelles Problem. Wir haben nach dem Tor nichts geändert, aber das Spiel hat sich komplett verändert.“
Schweinsteiger sieht die Energie schwinden
ARD-Experte Bastian Schweinsteiger machte das Kippen des Spiels nicht in erster Linie an Tuchels Umstellungen fest. „Die Taktik hat in den ersten 60, 65 Minuten perfekt gepasst. Das einzige Problem war dann die Energie, die ging weg bei den Spielern.“
Der Mut, nach vorne zu verteidigen und aktiv zu sein, habe gefehlt. „Man wurde passiver, das hat man gemerkt“, ergänzte der Weltmeister von 2014. „Als die Wechsel kamen, hatte ich das Gefühl, dass sie nicht mehr genau wussten, wann und wie sie anlaufen sollen.“
Rooney kritisiert Tuchels Wechsel
Die Experten auf der Insel wurden indes deutlicher. „Wir hatten uns eine so gute Ausgangsposition erarbeitet und wussten dann nicht, was wir tun sollten“, sagte Wayne Rooney in seiner Rolle als BBC-Experte. „Wir haben uns zurückgezogen und zugelassen, dass sie auf uns zukamen. Sie haben uns unter Druck gesetzt, und wir sind eingebrochen.“
Der frühere Nationalspieler kritisierte zudem Tuchels defensive Wechsel. „Als Tuchel diese Wechsel vornahm, werden sich die Spieler auf dem Platz gedacht haben: ‚Oh nein.‘ Sie werden gewusst haben, was auf sie zukommt. Sie hätten enorm viel Glück gebraucht, um das Spiel über die Zeit zu bringen.“
Kane: „Eine Welle nach der anderen“
Kapitän Harry Kane beklagte die „Probleme, Druck auf den Ball auszuüben“ nach dem Führungstreffer. „Einerseits stellten sie mehr Leute nach vorne oder wir waren nicht in der Lage, sie Mann für Mann zu decken. So kam eine Welle nach der anderen nach dem Tor auf uns zu“, analysierte Kane.
Und wie sah es Tuchel? „Im Moment bereue ich nichts. Meine Mannschaft hat alles gegeben. Wir waren ganz, ganz nah dran. Wir haben eines unserer besseren Spiele gezeigt, vielleicht sogar das beste, und unter den gegebenen Umständen war die Mannschaft in Topform. Wir konnten es nur nicht über die Ziellinie bringen.“
Auch Hummels glaubt, dass Tuchel insgesamt nun nicht groß angegriffen werde, auch wenn es jetzt natürlich ein bisschen Kritik gebe. „Aber wenn man das gesamte Bild sieht, dann kann man nicht anders, als Thomas Tuchels Arbeit bei England als positiv zu bewerten.“
Vielleicht klappt es ja noch mit Platz drei als Trostpflaster. Am Samstag (23 Uhr im LIVETICKER) geht es im kleinen Finale gegen den ebenfalls enttäuschten Vize-Weltmeister Frankreich.