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DHB-Team? "Selten hatte eine Mannschaft so viel Qualität"

Als „VfL Deutschland“ zur EM?

Bundestrainer Alfred Gislason hat einen 18-köpfigen Kader für die EM 2026 nominiert, darunter sind gleich vier Spieler des VfL Gummersbach - kein anderer Bundesligist stellt mehr. Geschäftsführer Christoph Schindler spricht im Interview mit SPORT1 über Stolz, seine Schützlinge und die deutschen Chancen.
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Bundestrainer Alfred Gislason hat einen 18-köpfigen Kader für die EM 2026 nominiert, darunter sind gleich vier Spieler des VfL Gummersbach - kein anderer Bundesligist stellt mehr. Geschäftsführer Christoph Schindler spricht im Interview mit SPORT1 über Stolz, seine Schützlinge und die deutschen Chancen.

Nicht der SC Magdeburg. Nicht die Füchse Berlin. Nicht der THW Kiel. Auch nicht die SG Flensburg-Handewitt. Nein, der VfL Gummersbach stellt mit vier Spielern den größten Block der deutschen Nationalmannschaft bei der Handball-Europameisterschaft 2026: Julian Köster, Miro Schluroff, Mathis Häseler und Tom Kiesler.

Für den Traditionsverein aus dem Oberbergischen Land, der nach schwierigen Jahren mit einem zwischenzeitlichen Abstieg erst 2022 in die Bundesliga zurückgekehrt ist und sich seither im oberen Tabellendrittel etabliert hat, ist das eine besondere Auszeichnung. SPORT1 sprach dazu mit Geschäftsführer Christoph Schindler.

SPORT1: Herr Schindler, mit Köster, Schluroff, Häseler und Kiesler stehen gleich vier Spieler des VfL Gummersbach im deutschen 18er-Kader für die EM. Wie stolz sind Sie darauf?

Christoph Schindler: Sehr stolz, selbstverständlich. Man darf ja nicht vergessen, wo wir herkommen. Wir sind erst 2022 wieder in die Bundesliga aufgestiegen und schicken jetzt vier Jungs zur deutschen Nationalmannschaft. Das ist in erster Linie eine tolle Auszeichnung für die Spieler selbst, aber natürlich auch für uns als Verein. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, wann sie hierhergekommen sind: Julian, Tom und Mathis spielten bereits in der 2. Liga bei uns, Miro seit dem ersten Jahr nach unserem Aufstieg. Die vier stehen exemplarisch für die Entwicklung unseres gesamten Klubs.

Handball-EM: "Vom VfL Deutschland möchte nicht sprechen"

SPORT1: Als die Fußballer des VfB Stuttgart vor etwas mehr als einem Jahr den größten Block der Nationalmannschaft bildeten, war von „VfB Deutschland“ die Rede. Werden die Handballer also als „VfL Deutschland“ in die EM starten?

Schindler: Ich glaube, das würde viele andere eher weniger freuen, und bei vier von 18 Spielern ist das auch nicht der Fall. Wir haben eine sehr gute Mischung aus vielen verschiedenen Klubs, denn jeder Verein in Deutschland hat das Ziel, Nationalspieler auszubilden. Das schafft Identifikation – bei den Fans und bei den Unternehmen. Umso schöner ist es, dass uns das gleich viermal gelungen ist. Vom „VfL Deutschland“ möchte ich dennoch nicht sprechen.

SPORT1: Julian Köster ist der erfahrenste DHB-Spieler des Gummersbacher Quartetts. Welche Bedeutung wird er bei dem Turnier haben?

Schindler: Julian ist nicht nur bei uns Kapitän und Führungsspieler, sondern auch in der Nationalmannschaft – neben Andreas Wolff und Johannes Golla – einer der wichtigsten Spieler und Leader. Einer, der körperlich stark ist und in entscheidenden Momenten Verantwortung übernimmt. Deshalb wird er, wie schon in den vergangenen Jahren, eine sehr wichtige Rolle bekleiden und eine große Stütze für die deutsche Nationalmannschaft sein. Im Angriff wie in der Abwehr.

SPORT1: Im Gegensatz zu Köster sind Schluroff, Häseler und Kiesler weniger erfahren und zählen neben Matthes Langhoff von den Füchsen Berlin zu den vier EM-Debütanten. Wie wichtig können sie schon werden?

Schindler: Ich bin davon überzeugt, dass sie sehr wichtig werden können. Miro zum Beispiel, weil er sowohl im linken als auch im rechten Rückraum spielen kann – eine Position, bei der viele Experten noch Fragen haben. Eine zusätzliche Option ist da sicherlich hilfreich, und Miro hat seine Vielseitigkeit bereits bei uns und in der Nationalmannschaft gezeigt. Tom Kiesler kann in der Abwehr ein X-Faktor sein, Mathis auf Außen ebenso. Jeder der Jungs steht zu Recht im Kader und kann das Zünglein an der Waage werden.

"Da hat Alfred enorm viel Qualität und die Qual der Wahl"

SPORT1: Häseler hat sich unter den Rechtsaußen gegen Timo Kastening und Patrick Groetzki durchgesetzt. Was zeichnet ihn aus?

Schindler: In allererster Linie seine Physis – wobei ich nicht seinen Körperbau meine. Mathis hat eine unglaubliche Sprungkraft, die in der Handballwelt sehr selten ist, und kann bis zur Hallendecke fliegen. Er macht sich seit Monaten sehr gut bei uns, umso mehr freut es mich für ihn, dass er vom Bundestrainer belohnt wurde. An den Aufgaben wird er garantiert wachsen. Denn das, was ihm noch fehlt, ist die Erfahrung. Die kann er jetzt sammeln und zu einer sehr interessanten Ergänzung zu Lukas Zerbe werden.

SPORT1: Schluroff, der im März sein DHB-Debüt feierte, ist im Rückraum am flexibelsten einsetzbar. Ist er die deutsche Geheimwaffe?

Schindler: Er hätte jedenfalls alle Möglichkeiten dazu. Das Potenzial, über das Miro verfügt, ist unglaublich. Man hat es schon in der letzten Saison gesehen. In dieser Saison klappt es bei ihm noch nicht hundertprozentig. Vielleicht hilft es ihm deshalb, im Januar erst einmal im Kreise der Nationalmannschaft zu sein. Aber dass er ein absoluter Unterschiedsspieler im linken und rechten Rückraum sein kann, hat er bewiesen – wie andere auch. Es gibt viele Rechtshänder, die ein Spiel entscheiden können. Da hat Alfred enorm viel Qualität und die Qual der Wahl.

SPORT1: Kiesler hat als klassischer Abwehr-Spezialist den Sprung ins Aufgebot geschafft. Nach seinem DHB-Debüt Ende Oktober bezeichnete ihn Andreas Wolff als „absolutes Monster“.

Schindler: Wenn Andi das sagt, dann wird da wohl etwas dran sein (lacht). Auch im Innenblock ist das Team sehr gut aufgestellt. Julian Köster, Johannes Golla, Matthes Langhoff und eben Tom – das ist ein verdammt hohes Niveau. Jeder dieser Spieler hat den Anspruch, auf der Platte zu stehen, da ist Tom keine Ausnahme. Sein Vorteil ist seine Flexibilität: Er kann auf allen Innenblock-Positionen eingesetzt werden, sowohl in der defensiven als auch in der offensiven Abwehr.

Handball-EM: Schindler traut Deutschland alles zu

SPORT1: In den letzten Jahren waren die Einbindung der größten deutschen Talente in die Bundesliga-Klubs und die Frage, wie sie mehr Spielzeit erhalten können, große Themen. Auch aus Sicht des Bundestrainers lief dabei vieles schief. Ist Gummersbach in dieser Hinsicht ein Positivbeispiel?

Schindler: Mit Sicherheit. Wenn man vier deutsche Nationalspieler entwickelt, hat das zweifellos einen Vorbildcharakter. Andererseits darf man nie vergessen, wo wir herkommen. Wir haben in der 2. Liga aus der Not eine Tugend gemacht und viele Spieler aus dem eigenen Nachwuchs eingesetzt. Mathis und Tom kommen aus unserer Handball-Akademie. Und wir haben junge Talente früh dazugeholt, die dann ihre Spielzeit bekommen haben. Sie durften bei uns Fehler machen. Je höher man jedoch in der Tabelle klettert, desto schwieriger wird das, weil Fehler teuer werden. Deswegen: Ja, das hat Vorbildcharakter. Mittlerweile ist das allerdings auch bei uns anders. Wir sind nicht mehr in der 2. Liga, sondern im oberen Drittel der Bundesliga.

SPORT1: Was trauen Sie der deutschen Nationalmannschaft bei diesem Turnier generell zu?

Schindler: Grundsätzlich alles. Ich glaube, selten hatte eine deutsche Nationalmannschaft so viel Qualität im Kader wie aktuell. Egal, ob Rückraumspieler, Kreisläufer, Außenspieler oder Torhüter – an Klasse mangelt es nicht. Natürlich spielt Dänemark in einer anderen Liga und wird unfassbar schwer zu knacken sein. Ansonsten sehe ich aber keine andere Nation klar vor Deutschland. Alles ist möglich.

SPORT1: Auch auf internationaler Ebene ist der VfL stark vertreten. Die beiden Isländer Ellidi Vidarsson und Teitur Einarsson sind dabei, ebenso die beiden Slowenen Tilen Kodrin und Kristjan Horzen sowie der kroatische Torhüter Dominik Kuzmanović. Was denken Sie: Kehrt einer der Gummersbacher mit einer Medaille zurück?

Schindler: Ich hoffe es sehr. Sie spielen alle in großen Handball-Nationen, die Ambitionen haben, Medaillen zu gewinnen. Von daher drücken wir neben unseren deutschen Nationalspielern auch den anderen Jungs die Daumen, damit sie am Ende mit einer Medaille und viel Selbstvertrauen nach Gummersbach zurückkehren - und dann in der Rückrunde wieder voller Energie für uns auf der Platte stehen.