In der Handball-Bundesliga liegt die SG Flensburg-Handewitt sechs Punkte hinter den Füchsen Berlin, die nach neun Spieltagen verlustpunktfrei von der Tabellenspitze grüßen.
Flensburg-Legende: Wie der Fußball vom Handball profitieren kann
“Zu früh, die Saison abzuschenken“
Vor allem auswärts tut sich der dreimalige deutsche Meister schwer. Während die Norddeutschen in der eigenen Halle fünf Siege aus fünf HBL-Spielen auf dem Konto haben, stehen in der Fremde je zwei Pleiten und Unentschieden zu Buche. Zu einem Auswärtssieg reichte es bislang noch nicht. Ein Umstand, der auch Holger Glandorf bewusst ist. Allerdings will der SG-Geschäftsführer diese Statistik nicht überbewerten.
Vielmehr hofft der Weltmeister von 2007 auf eine Entwicklung, die in der Mannschaft stattfindet. Vor allem die zahlreichen Neuzugänge auf und neben dem Feld müssten sich aber noch an die Bundesliga gewöhnen, so Glandorf.
Im SPORT1-Interview spricht Glandorf auch über die neuen Wege in der Nachwuchsarbeit sowie die Chancen der Nationalmannschaft bei der Heim-EM 2024. Zudem glaubt er, dass auch der Fußball von der Handball-Europameisterschaft im eigenen Land profitieren kann.
SPORT1: Die SG Flensburg-Handewitt hat den schlechtesten Saisonstart des Jahrtausends hingelegt und auswärts noch nicht ein einziges Spiel gewonnen. Warum tut sich Ihre Mannschaft auswärts aktuell so schwer?
Holger Glandorf: Es betrifft natürlich die Entwicklung der Mannschaft. Das braucht seine Zeit, fünf neue Spieler und einen neuen Trainer zu integrieren. Sicherlich ist es zu Hause einfacher mit den Fans im Rücken, aber das jetzt in heim und auswärts zu trennen, wäre mir zu einfach. Es ist ein Weg in der Entwicklung der Mannschaft, den wir gehen müssen.
Neuzugänge müssen sich an HBL gewöhnen
SPORT1: Liegt es auch daran, dass sich die vielen neuen Spieler und der neue Trainer erst einmal an die HBL gewöhnen müssen?
Glandorf: Natürlich müssen sich einige der neuen Spieler und der neue Trainer auch in der Kürze der Zeit erst an die HBL gewöhnen. Wir müssen zu mehr Kontinuität in unseren Leistungen kommen. Zudem hoffe ich, dass wir einen guten Rhythmus bekommen, wenn wir jetzt jeden dritten Tag spielen. Das ist hilfreich, dadurch werden wir mehr Sicherheit in unserem Spiel bekommen.
SPORT1: Jim Gottfridsson ist nach seiner Verletzung schwer in die neue Saison gekommen und muss nun wieder pausieren. Wie ist Ihr Eindruck von ihm?
Glandorf: Glücklicherweise war seine Ausfallzeit gering und er ist schnell wieder zurück in der Mannschaft. Er hat in der Vorbereitung einen sehr fitten Eindruck gemacht. Für ihn als einen so strategischen und taktisch starken Spieler ist es aber natürlich auch eine Umstellung, wenn ein neuer Trainer kommt. Ich fand, dass er gut dabei war, aber dann kam jetzt die Verletzung dazwischen. Er ist ein so guter Spielmacher und so clever, dass er uns jetzt schnell wieder helfen wird.
„Zu früh, die Saison abzuschenken“
SPORT1: In den letzten fünf Jahren hatte die SG immer mindestens fünf Minuspunkte nach den ersten sieben Spielen. Ist das ein Zufall oder tut sich Flensburg generell schwer, in die Saison zukommen?
Glandorf: Man sieht allgemein, was gerade in der Liga los ist. Jeder kann jeden schlagen und wenn man dann noch nicht eingespielt ist, noch nicht seine Form erreicht und sein Gefüge gefunden hat, dann ist es natürlich auch schwer. Auch andere Mannschaften haben ihre Schwierigkeiten. Die Aufsteiger machen eine gute Figur. Es ist sehr, sehr viel Musik in der Liga und da ist noch ganz viel möglich. Das ist für alle Handball-Fans sehr interessant, wie eng und dicht die Liga ist.
SPORT1: Also ist die Meisterschaft noch nicht abgeschrieben?
Glandorf: Das wäre jetzt zu früh. Es gibt noch eine EM-Pause, da weiß man auch nie, wie die Spieler nach Hause kommen. Es gibt noch so viele Möglichkeiten und es wäre jetzt zu früh, die Saison abzuschenken.
SG-Familie? „Wieder Schritte nach vorne gemacht“
SPORT1: Wer ist für Sie bisher die Überraschung der Saison? Ist es Melsungen oder sind es die beiden Aufsteiger Balingen und Eisenach?
Glandorf: Man sagt ja eigentlich jedes Jahr von Melsungen, dass es diese Saison klappen könnte. Aber die beiden Aufsteiger sind für mich die Überraschung. Sie machen einen sehr guten Eindruck und sind eine Bereicherung für die Liga. Es macht Spaß, sie sich anzuschauen.
SPORT1: Sie haben in einem Interview davon gesprochen, dass in der letzten Saison das Attribut der SG-Familie gelitten habe. Wie würden Sie das aktuell bewerten?
Glandorf: Ich habe ein sehr gutes Gefühl, dass wir wieder Schritte nach vorne gemacht haben. Die Halle ist gut besucht und wir konnten unsere Dauerkartenverkäufe steigern. Die Spieler spüren die Unterstützung der Fans – besonders auch nach harten Niederlagen. Die neuen Spieler und der Trainer wurden super aufgenommen. Es macht Spaß, mit allen zusammen zu arbeiten.
SPORT1: Wie zufrieden sind Sie bisher mit der Arbeit des neuen Trainers Nicolej Krickau und von Sportdirektor Ljubomir Vranjes?
Glandorf: Ich bin sehr zufrieden. Natürlich mit Blick auf die bisherigen Ergebnisse ist es schwierig. Aber beide machen einen sehr guten Job. Ljubomir Vranjes versucht, dem Trainerteam komplett den Rücken freizuhalten und sich um alle Aufgaben drum herum zu kümmern. Für Nicolej Krickau ist es ein neuer Weg, den er eingeschlagen hat. Ich empfinde es als sehr positiv, wie er zuletzt mit den Rückschlägen umgegangen ist.
Neue Anstrengungen in der Nachwuchsarbeit
SPORT1: Der Klub hat kürzlich eine Kooperation zur Talentförderung bekannt gegeben. Was steckt dahinter?
Glandorf: Wir haben bekannt gegeben, dass wir eine Kooperation mit SønderjyskE aus Dänemark und dem VfL Lübeck-Schwartau eingegangen sind, um Talente zu fördern. Es passieren aktuell viele Dinge.
SPORT1: Dient die Kooperation dazu, dass eigene Talente erstmal woanders Spielpraxis und Erfahrung sammeln sollen, bevor sie dann im besten Fall bei Ihnen eine wichtige Rolle einnehmen?
Glandorf: Ja, genau, das ist natürlich der Punkt. Wir haben bereits eine Kooperation mit der Flensburg Akademie und dem DHK Flensborg, die die Spieler in den Jugendjahren und den ersten Schritten im Herrenbereich betreut. Jetzt können wir dazu noch mit einem Zweitligisten und einem dänischen Erstligisten, der hier in der Grenzregion liegt, den Talenten einen Zwischenschritt geben und ihnen einen Weg aufzeigen. Wir können sie weiterbegleiten und sie auch hier bei den Profis im Training einbinden. Der große Wunsch ist nach einer gewissen Zeit, dass wir eigene Talente in der Profimannschaft sehen. Das war in den letzten Jahren ausbaufähig.
SPORT1: Das letzte Talent war Jacob Heinl.
Glandorf: Es gibt aktuell einige Bundesligaspieler, die aus unserer Akademie hervorgegangen sind. Sie haben sich entschieden, wegzugehen. Denn wir hatten nicht die Möglichkeit, ihnen etwas anzubieten. Viele Spieler sind den Schritt über die 2. Liga gegangen. Jetzt können wir Talenten unseren Weg aufzeigen. Bisher war der Schritt immer zu groß.
Heim-EM 2024? „Es kann ein Flow entstehen“
SPORT1: Im Januar findet die Europameisterschaft in Deutschland statt. Was trauen Sie der Mannschaft zu?
Glandorf: Wir haben Potenzial in der Mannschaft. Ich habe 2007 selbst erlebt, was mit den Fans und Zuschauern im Rücken alles passieren kann. Auch damals waren wir kein Favorit. Es ist alles möglich. Es kann ein Flow entstehen, dass man weit kommen kann. Aber erst einmal muss die Basis stimmen. Sie muss hart erarbeitet werden. Aber ich sehe schon Potenzial im Kader und kann nur hoffen, dass alle fit und gesund bleiben.
SPORT1: Das Eröffnungsspiel in Düsseldorf soll zur Weltrekordpartie werden. Kann das Turnier den Handball noch einmal pushen?
Glandorf: Ja, natürlich. Grundsätzlich ist ein Heim-Turnier eine große Sache und das Eröffnungsspiel sehr attraktiv. Das Turnier sollte man für die Bundesliga und generell den Handball nutzen. Wir sollten gute Gastgeber sein und den Sport vernünftig repräsentieren.
Warum sollte der Fußball nicht vom Handball profitieren?
SPORT1: Auch die Fußballer bestreiten im Sommer 2024 ihr Heim-Turnier. Inwiefern können beide Sportarten voneinander profitieren?
Glandorf: 2007 haben wir vom Sommermärchen profitiert. Warum sollte es nächstes Jahr nicht so sein, dass die Fußballer von uns profitieren können. Das tut allen gut, wenn wir eine Euphorie entwickeln, wenn ein Turnier im eigenen Land stattfindet.
SPORT1: Die Basketballer haben im September den WM-Titel gewonnen. Wie kann man einen Hype länger aufrechterhalten, damit man nachhaltig aus dem Turnier Profit schlagen kann?
Glandorf: Es ist ein kleines bisschen einfacher, wenn man ein Turnier im eigenen Land hat. Aber ich glaube schon, dass auch die Basketballer viel mitnehmen können. Das wird die große Aufgabe werden, es nachhaltig zu gestalten und sich weiterzuentwickeln. Allgemein können wir aber in Deutschland mit den Zuschauerzahlen zufrieden sein, die Hallen sind voll. Regional hat der Handball schon einen großen Stellenwert.