Int. Fußball>

Thomas Reis enthüllt Details nach Türkei-Aus: "Das entspricht nicht der Wahrheit"

Reis enthüllt Details nach Türkei-Aus

Das Kapitel von Trainer Thomas Reis bei Samsunspor endet überraschend. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 52-Jährige erstmals offen über sein Aus, unterschiedliche Zielvorstellungen und warum sportlicher Erfolg nicht entscheidend war.
Thomas Reis spricht im exklusiven SPORT1-Interview über die Hintergründe seiner Entlassung beim türkischen Erstligist Samsunspor.
Das Kapitel von Trainer Thomas Reis bei Samsunspor endet überraschend. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 52-Jährige erstmals offen über sein Aus, unterschiedliche Zielvorstellungen und warum sportlicher Erfolg nicht entscheidend war.

Mitten in der Nacht endete das Erfolgsprojekt abrupt. Trotz historisch guter Platzierung und internationaler Perspektive trennte sich der türkische Erstligist Samsunspor vor zwei Wochen überraschend von seinem deutschen Trainer Thomas Reis.

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 52-Jährige nun erstmals über sein nächtliches Aus in der Türkei – und erklärt, warum sportlicher Erfolg am Ende nicht gereicht hat.

SPORT1: Herr Reis, wie geht es Ihnen nach dieser – vorsichtig formuliert – ungewöhnlichen Beurlaubung?

Thomas Reis: Mir geht es gut. Ich habe das sehr gut verarbeitet, weil es Teil des Geschäfts ist. Es war nicht meine erste Freistellung in meiner aktiven Trainerkarriere. Von daher ist für mich alles okay. Ich glaube, ich bin auch erhobenen Hauptes gegangen.

SPORT1: Sportlich waren Sie erfolgreich, die Fans haben Sie angenommen. Trotzdem kam die Entlassung in der Nacht von Freitag auf Samstag. War das ein Schock?

Der Hauptgrund für Reis-Aus in der Türkei

Reis: Völlig überraschend war es nicht. Der Zeitpunkt vielleicht schon. Ich hatte dem Verein Ende Januar offiziell mitgeteilt, dass ich im Sommer gerne etwas anderes machen würde und meinen Vertrag nicht verlängere. Der Klub war informiert. Wir hatten darüber gesprochen, wann der beste Zeitpunkt wäre, das zu kommunizieren, weil im Februar viele Spiele anstanden – Liga, Conference League, türkischer Pokal. Eigentlich war geplant, das Ende Februar öffentlich zu machen. Dazu kam es dann nicht mehr, weil der Verein mit der Gewissheit, dass sie im Sommer sowieso einen neuen Trainer benötigen, den Wechsel vorgezogen hat.

SPORT1: Es heißt, Sie und der Klub konnten sich nicht auf gemeinsame sportliche Ziele einigen. War das der Hauptgrund?

Reis: Ja. Die finanziellen Gespräche waren in Ordnung, da gab es kein Problem. Mir ging es um die sportlichen Ziele. Ziele sind wichtig, aber sie müssen realistisch sein. Dauerhaft unter den Top vier oder fünf zu landen oder ständig europäisch zu spielen, ist ein sehr hohes Ziel, wenn der Etat nicht mit den Top Teams konkurrieren kann. Man darf solche Träume haben, aber mir war es wichtig, dass man nicht vergisst, woher wir kommen und wie sehr wir in der letzten Saison überperformt haben. Da gingen die Erwartungen zu weit auseinander. Das ist aber okay, wenn man unterschiedliche Auffassungen hat und ändert nichts daran, dass wir über eineinhalb Jahre sehr erfolgreich zusammengearbeitet haben.

Reis: „Ehrlichkeit ist nicht immer bequem“

SPORT1: Sie haben wegen des Etats gebremst. War Ehrlichkeit am Ende ein Nachteil?

Reis: Ich versuche immer, ehrlich zu sein – gegenüber Vereinsverantwortlichen, Präsidenten und Managern. In der Türkei sind die Strukturen anders als in Deutschland, aber meine Art ist dieselbe. Ich habe frühzeitig kommuniziert, wie ich meine Zukunft sehe, damit der Verein Planungssicherheit hat. Ehrlichkeit ist nicht immer bequem, aber ich bin damit immer gut gefahren und stehe auch heute dazu.

SPORT1: Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Reis: Ungerecht würde ich es nicht nennen. In der Türkei ist die Haltbarkeit von Trainern generell sehr kurz, und ich war mit knapp 20 Monaten schon sehr über dem Durchschnitt. Während meiner Amtszeit haben nur Galatasaray durch die Meistertitel sowie Göztepe in der Liga nicht den Trainer ausgetauscht. Persönlich finde ich die Entlassung schade, weil wir auf einem guten Weg waren. Wir standen vor den Playoff-Spielen in der Conference League immer noch auf einem sehr ordentlichen siebten Platz in der Liga und im türkischen Pokal waren wir ebenfalls erfolgreich unterwegs. Kurz vor den internationalen Playoffs freigestellt zu werden, ist enttäuschend. Aber die Entscheidung liegt beim Verein und die akzeptiere ich. Menschlich war das schwieriger als sportlich, weil mir die Mannschaft, viele Mitarbeiter und unsere Fans ans Herz gewachsen sind.

„Ich kann mir sportlich nichts vorwerfen“

SPORT1: Warum wollten Sie im Sommer ohnehin gehen?

Reis: Die Türkei ist etwas sehr Spezielles. Ich bin extrem dankbar für diese Erfahrung. Ich wollte unbedingt im Ausland arbeiten und hätte nie gedacht, dass es die Türkei wird. Sportlich war es erfolgreich, aber bei der Kaderzusammenstellung und der Mitbestimmung gab es Grenzen. Als ich kam, war das Ziel Klassenerhalt, auch weil wir eine Transfersperre hatten. Im ersten Jahr haben wir mehrere Stufen übersprungen und uns dann international qualifiziert – zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Daraus dauerhaft Platz drei oder vier abzuleiten, ist aus meiner Sicht nicht realistisch. Wenn andere das als Maßstab sehen, wird es schwierig.

SPORT1: Was müssen Sie sich selbst vorwerfen?

Reis: Die Freistellung hatte aus meiner Sicht wenig mit dem Sportlichen zu tun. Natürlich hatten wir eine schwierige Phase, einige Verletzungen und mehrere Wettbewerbe gleichzeitig. Trotzdem standen wir in den Playoffs der Conference League und im Pokal weit vorne. Ich kann mir sportlich nichts vorwerfen. Ich habe frühzeitig gesagt, was ich denke.

Reis-Klarstellung: „Das entspricht nicht der Wahrheit“

SPORT1: Es wurde berichtet, Sie hätten nach den gescheiterten Verhandlungen nicht mehr richtig weiterarbeiten wollen.

Reis: Das entspricht nicht der Wahrheit. Ich habe im Januar klar gesagt, dass ich bis zum Sommer bleiben und alles investieren werde. Ich wollte die internationalen Wettbewerbe genießen und die Mannschaft bestmöglich vertreten. Ich hatte keinen Kontakt zu anderen Vereinen. Mein Ziel war ein sauberer, erfolgreicher Abschluss im Sommer.

SPORT1: Die Fans haben die Entscheidung nicht verstanden. Welche Erklärung schuldet der Verein ihnen?

Reis: Der Verein hat die Entscheidung getroffen und muss sie auch vertreten. Natürlich ist es schön zu sehen, wie viel Unterstützung ich von den Fans bekommen habe. Mir ist es daher wichtig klarzustellen, dass ich im Januar nicht weg wollte und sehr gerne noch bis Saisonende weiter geblieben wäre.

SPORT1: Der Klub hat schnell mit Thorsten Fink einen weiteren deutschen Trainer verpflichtet. Sehen Sie darin Kontinuität?

Reis: Ja. Vor mir hat Markus Gisdol bei Samsunspor gearbeitet, ebenfalls ein deutscher Trainer. Der Verein hat damit gute Erfahrungen gemacht. Offenbar glaubt man, dass deutsche Trainer gut nach Samsun passen. Dass es schnell ging, gehört zum Geschäft. Jeder Verein denkt im Hintergrund über Alternativen nach.

„Darauf bin ich stolz“

SPORT1: Wie blicken Sie insgesamt auf Ihre Zeit in der Türkei zurück?

Reis: Im Nachhinein kann ich sagen: Ich habe alles richtig gemacht. Ich mag spezielle Aufgaben. Bochum, Schalke, Samsun – das waren alles Herausforderungen. Ich habe mit 15 Nationalitäten gearbeitet, in einer fremden Kultur, mit Sprachbarrieren und anderen Abläufen. Internationale Spiele stehen jetzt in meinem Lebenslauf. Darauf bin ich stolz.

SPORT1: Hat Sie diese Zeit als Trainer reifer gemacht?

Reis: Definitiv. So viele Nationen zusammenzuführen, Disziplin reinzubringen, ohne sich selbst zu verbiegen – das hat mich wachsen lassen. Die Kommunikation lief auf Englisch oder mit Dolmetscher, das war anspruchsvoll, aber genau das bringt einen weiter. In der zweiten Saison hatte ich dann auch angefangen, Türkischunterricht zu nehmen.

SPORT1: Gab es nach der Entlassung noch Kontakt zum Präsidenten?

Reis: Er hat mir geschrieben, nachdem ich seinen Anruf verpasst hatte. Damit war das Thema erledigt. Ich bin da aber nicht nachtragend. Der Präsident hatte definitiv auch einen großen Anteil an unserem Einzug ins internationale Geschäft.

Reis bei Gladbach und Wolfsburg gehandelt

SPORT1: Sind Sie bereit für eine neue Aufgabe?

Reis: Ja. Ich bin jetzt zurück in Deutschland, und der deutsche Profifußball ist immer interessant. Ich hatte hier großartige Erfahrungen. Ich nutze jetzt die Zeit, um viel zu analysieren. Ich bin aber auch für einen neuen Job in der noch laufenden Saison offen. Ich muss nicht unbedingt bis Sommer warten.

SPORT1: In Gladbach und Wolfsburg wird Ihr Name gehandelt.

Reis: Das sind Gerüchte, wie sie immer wieder aufkommen, daher nehme ich auch keinen Bezug auf konkrete Vereinsnamen.

SPORT1: Mit welchem Gefühl gehen Sie aus dieser Zeit bei Samsunspor?

Reis: Ich gehe ohne Groll, aber mit dem Gefühl, meinen Job gemacht zu haben und meine Trainerkarriere um ein weiteres, spannendes und erfolgreiches Kapitel erweitert zu haben.