Nur rund anderthalb Autostunden trennen das Stadion des FC Barcelona von dem des FC Girona. Der Weg für Marc-André ter Stegen bis zu dem Ort, der ihm im nächsten halben Jahr neues Glück verschaffen soll, ist also nicht allzu weit entfernt.
Warum ter Stegens Lage äußerst knifflig bleibt
Was ter Stegen in Girona erwartet
Dennoch fiel dem 33-Jährigen sein Abschied von Barca schwer. „So viele Erinnerungen und Emotionen gehen mir gerade durch den Kopf. Fast zwölf Jahre lang war dieser Verein und insbesondere diese Umkleidekabine mein Zuhause. Ein Ort, an dem ich als Spieler und als Mensch gewachsen bin und an dem ich unvergessliche Momente erlebt habe“, schrieb der 33-Jährige bei Instagram.
Doch ter Stegen blieb keine Wahl, wenn er bis zum Sommer noch auf den WM-Zug des DFB-Teams aufspringen will. „Es ist wichtig, dass er spielt“, betonte Bundestrainer Julian Nagelsmann. Eine Forderung, der im Doppelpass auf SPORT1 auch DFB-Sportdirektor Rudi Völler zustimmte.
Keine Perspektive in Barcelona: Flick sortiert ter Stegen aus
In Barcelona schien die Gelegenheit ausgeschlossen, sich über Spielminuten zu beweisen. So setzte Trainer Hansi Flick zuletzt auch im Achtelfinale der Copa del Rey auf Stammkeeper Joan Garcia.
Mitte Dezember hatte ter Stegen überraschend sein Comeback nach langer Verletzungspause gefeiert, spielte jedoch in den Planungen von Flick keine Rolle mehr. „Es ist nur ein Spiel“, verdeutlichte der ehemalige Nationaltrainer damals.
Eine schwere Knieverletzung und eine Rückenoperation hatten ter Stegen vor der Saison - trotz 423 Spielen für die Katalanen - auf das Abstellgleis befördert.
Flick gab dem Torhüter aber noch einige aufmunternde Worte mit auf dem Weg und meinte vor dem Champions-League-Spiel gegen Slavia Prag: „Er ist ein fantastischer Torwart. Es ist die richtige Entscheidung und ich wünsche ihm alles Gute. Er ist ein fantastischer Mensch und ein großartiger Torwart.“ Auch bezüglich einer WM-Nominierung drücke er ihm die Daumen.
Torwart-Ikone Oliver Kahn machte mit Blick auf die WM direkt einmal Druck. „Jetzt muss er zeigen, dass er auf Topniveau ist, denn nur wenn er auf absolutem Topniveau ist, kann er uns auch bei der WM helfen“, sagte der einstige „Titan“ bei Sky.
„Ein Transfer, der noch vor ein paar Jahren undenkbar war“
In Girona will ter Stegen nun erst einmal wieder zu alter Stärke finden und vor allem regelmäßig zum Einsatz kommen. Bis zum Saisonende wird ter Stegen an den Ligakonkurrenten verliehen.
Die spanischen Medien hielten sich nach dem Transfer nicht zurück mit klaren Meinungen.
„Die Zeit für den Abschied ist gekommen. Ein Abschied, der vielleicht zu sehr verschoben wurde, der aber unter den gegebenen Umständen für den Hauptprotagonisten dieser Geschichte letztlich nicht schlecht ausgegangen ist“, schrieb Marca.
Die Sport vermeldete zudem: „Die Verpflichtung von Marc-André ter Stegen ist keine gewöhnliche Neuverpflichtung. Es handelt sich um einen Transfer, der noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre. Doch der Fußball – wie das Leben selbst – ist voller Wendungen.“
Aus sportlicher Sicht war sich die Zeitung jedoch sicher, dass der Deutsche „ideal zur Spielidee des FC Girona“ passe und analysierte: „Sicherheit auf der Linie, Führungsqualitäten und ein starkes Spiel mit dem Fuß, das den sauberen Spielaufbau von hinten unterstützt – eines der Markenzeichen der Mannschaft. Auf dem Papier deutet alles darauf hin, dass ter Stegen als unumstrittener Stammkeeper eingeplant ist.“
Doch kann sich ter Stegen tatsächlich durchsetzen oder bleibt er nur auf dem Papier der prädestinierte Stammkeeper? Girona-Trainer Míchel stehe laut Sport vor einem großen Problem.
„Girona spielt ausschließlich in der Liga. Weder Pokal noch Europapokal bieten Möglichkeiten zur Rotation. Auf der Torhüterposition kann es nur eine klare Nummer eins geben“, schrieb die Zeitung.
Gelingt ter Stegen, woran Kroatiens WM-Held scheiterte?
Ein Blick auf die Saison des Klubs zeigt zudem - am bisherigen Stammtorhüter Paulo Gazzaniga führt so leicht kein Weg vorbei. Der 34-Jährige flog am ersten Spieltag mit einer Roten Karte vom Feld und war anschließend stark in die Kritik geraten. Doch Míchel baute nach einem Spiel Sperre bis heute in jedem weiteren Ligaspiel auf Gazzaniga.
„Míchel hat ihm zu keinem Zeitpunkt das Vertrauen entzogen, selbst nicht in den schwierigsten Phasen der Saison“, stellte Sport fest. Daran konnte auch die Leihe von Kroatiens WM-Held Dominik Livakovic nichts ändern.
Der Nationaltorhüter soll im Dezember sogar einen Einsatz verweigert haben, weil er auf einen weiteren Wechsel hofft. Denn nach FIFA-Regeln darf ein Spieler in einer Saison bei drei Vereinen registriert sein, aber nur für zwei spielen - und Livakovic braucht mehr Spielzeit für die WM.
Ter Stegen geht selbstbewusst in den Torhüter-Kampf
Bei seiner offiziellen Vorstellung in Girona äußerte sich ter Stegen zur umkämpften Position zwischen den Pfosten und sagte selbstbewusst: „Ich weiß, dass es für sie eine schwierige Situation ist. Ich habe größten Respekt vor dem, was Gazzaniga in den letzten Jahren geleistet hat, aber ich habe meine persönlichen Ziele, die ich erreichen möchte.“
Das nächste Spiel des Klubs steht derweil am Montag (21 Uhr) gegen den FC Getafe an. Ter Stegen hofft bis dahin auf eine schnelle Beförderung zur Nummer eins.
„Ich werde mich so vorbereiten, als würde ich am Montag spielen. Das ist natürlich mein Ziel“, versicherte er bei seiner Vorstellung: „Letztendlich ist es eine Entscheidung, die der Trainer treffen muss. Ich fühle mich gut und bereit. Ich versuche, mich so schnell wie möglich zu integrieren. Und wenn der Trainer es für angebracht hält, dann werde ich zu 100 Prozent bereit sein.“
Bereits kurz nach seiner Ankunft hatte Girona ein Video veröffentlicht, in dem Míchel seine Freude über die Verpflichtung ausdrückte. „Ich freue mich sehr. Die Mannschaft ist gut drauf, wir sind konkurrenzfähig. Ich bin glücklich, dass du hier bist“, sagte der Trainer zu ter Stegen, der daraufhin entgegnete, etwas nervös zu sein.
Das Vertrauen des Trainers in den 44-maligen Nationalspieler scheint jedoch enorm. „Du bist ein Führungsspieler und wirst uns viel geben. Ich bin sehr glücklich“, zeigte sich der Trainer überzeugt.
Bis zum Ende der Saison wird ter Stegen nun, egal ob auf dem Feld oder in der Kabine, versuchen müssen, die Mannschaft weiter zu stabilisieren. In den vergangenen Wochen kämpfte sich Girona allmählich aus dem Abstiegssumpf und kletterte in La Liga auf Rang elf.
Barca-Vertrag bis 2028: Wie geht es im Sommer weiter?
Schon im Sommer muss sich ter Stegen aber wohl erneut Fragen um seine Zukunft stellen. In Barcelona steht der Torhüter noch bis 2028 unter Vertrag.
„Wir hoffen, dass es nur ein ‚Auf Wiedersehen‘ ist“, meinte Barca-Präsident Joan Laporta kürzlich und fügte an: „Marc-André weiß, dass Barcelona sein Zuhause ist, dass dies eine Leihe bis zum Saisonende ist und dass wir danach weitersehen werden – ich hoffe, dass er dann zur WM fährt.“
Ein Verbleib in Barcelona scheint aufgrund der Zukunftsperspektive von Joan Garcia aber unwahrscheinlich. So schrieb auch die as: „Ter Stegen wird beim FC Barcelona nicht als Ersatzkeeper gesehen. Seine Karriere zeigt, dass er die Rolle als Bankspieler nur schwer akzeptiert hat und dass eine Reservistenrolle nach seiner Verletzung negative Auswirkungen auf das Innenleben der Mannschaft hätte haben können.“
Die Leihe zu Girona und eine mögliche WM-Teilnahme würden bei den Bossen demnach viel eher „als Schaufenster für einen künftigen Transfer“ angesehen werden.
Mit Blick auf die finanziellen Rahmenbedingungen, bei denen Girona nur einen geringen Anteil des üppigen Gehalts übernehmen soll, stellte die as zudem die Sinnhaftigkeit des Transfers infrage.
Sollte sich Garcia in der Saison verletzen, stünde Wojciech Szczesny als Ersatzmann bereit. In seinen bisher neun Saisoneinsätzen kassierte der Pole allerdings schon 17 Gegentore.