Michael Clarke saß vor den TV-Kameras, wischte sich mehrfach mit den Händen durch das Gesicht und hatte den wohl schwersten Moment seines Lebens vor sich.
Eine tödliche Tragödie

Im St. Vincent’s-Hospital-Krankenhaus von Sydney verlas der Kapitän der australischen Cricket-Mannschaft vor exakt zehn Jahren eine traurige Nachricht. Es war die Nachricht der Familie von Phillip Hughes.
Hughes, einer der besten Schlagmänner Australiens, war, zwei Tage nachdem ihn ein Ball beim Sheffield-Shield-Matches zwischen South Australia und New South Wales am Kopf getroffen hatte, tragisch verstorben.
Fassungslosigkeit herrschte damals in der Cricket-Familie, ganz Australien war in Trauer.
TV-Ansprache der Regierung
Australiens Ministerpräsident Tony Abbott wandte sich in einer TV-Ansprache an die Nation: „Millionen Australier stehen angesichts des Todes von Phillip Hughes unter Schock. Unsere Gedanken und Gebete sind bei der Familie, seinen Freunden und Bekannten.“
Im Land herrschte gedämpfte Stimmung angesichts der Tragweite der Nachricht – vergleichbar mit dem Schock nach dem Tod von Fußball-Nationaltorwart Robert Enke oder der Nachricht des tragischen Ski-Unfalls von Formel-1-Legende Michael Schumacher in Deutschland.
Wahrscheinlich jeder Australier weiß, wo er war und was er gemacht hat, als die Todesnachricht von Hughes die Runde machte.

„Seine Liebe geteilt“
Clarke, nicht nur ein Mannschaftskamerad von Hughes, sondern auch ein Freund, las den Tränen nahe eine Mitteilung von dessen Hinterbliebenen vor.
„Wir sind am Boden zerstört, weil wir unseren geliebten Sohn und Bruder verloren haben. Die letzten Tage waren sehr schwer für uns. Wir sind dankbar für die Unterstützung von Spielern, Freunden und der Öffentlichkeit. Cricket war Phillips Leben – und wir haben seine Liebe geteilt“, verkündete Clarke die Worte Hughes‘ Familie.
Die Liebe endete, als ein scheinbar harmlos geworfener Ball den 25-Jährigen am Hinterkopf traf.
Hughes hatte einen Bouncer-Wurf – ein Wurf, bei dem der Ball vorher auf den Boden prallt – falsch eingeschätzt, sich weggedreht und den Ball zwischen Helm und Hinterkopf bekommen. Er verlor die Kontrolle über seinen Körper und kippte nach vorn auf das Feld.
„Der Ball traf ihn im Nackenbereich, und zwar so unglücklich, dass die Wirbelarterie zusammengedrückt wurde. Eine der Adern, die zum Gehirn führen. Durch den Aufprall bekam die Arterie einen Riss. Die Folge war eine massive Blutung im Gehirn“, erklärte Peter Brukner, der Teamarzt der australischen Cricket-Nationalmannschaft, die Umstände.
„So eine Verletzung kommt unglaublich selten vor. In der Fachliteratur sind uns nur rund 100 derartiger Fälle bekannt“, so Brukner, der verkündete, dass das „ein völlig verrückter Unfall“ war.
Tony Grabs, Hughes behandelnder Arzt in Sydney, ordnete die Verletzung als fatal ein: „Die Kopfverletzung, die er erlitten hatte, war katastrophal.“ Grabs ergänzte damals: „Wir mussten sehr schnell einen Eingriff vornehmen, um den Druck auf das Gehirn zu mindern.“
Bei der folgenden Operation wurden Schädelknochen entfernt, damit das anschwellende Gehirn Platz hat, um sich auszudehnen und das Blut abfließen kann. Im Anschluss wurde Hughes ins künstliche Koma versetzt. Zwei Tage nach dem Unglück verstarb er dann.
Das Vermächtnis von Phillip Hughes
Am 3. Dezember 2014 wurde Hughes beerdigt. Am Trauergottesdienst nahmen über 1000 Menschen teil, darunter auch der Premierminister Abbott.
Und in der Nähe von Hughes Heimatstadt Macksville wurde eine Brücke über den Nambucca River nach der toten Cricket-Legende benannt. Bei der Einweihung sprach Verkehrsministerin Melinda Pavey: „Phillip Hughes war für junge Menschen aus der Gemeinde Macksville und dem Rest des Landes ein Vorbild für sein Engagement und seine Entschlossenheit zum Erfolg. Dies ist eine würdige Hommage an einen guten jungen Einheimischen, der zu früh genommen wurde.“
Nach dem Tod Hughes’ entbrannte eine Diskussion über den Schutz der Spieler, speziell im Bereich der Helme.
Neuseelands Verbandspräsident Lindsay Crocker sagte: „Wenn dieser schreckliche Unfall überhaupt einen Sinn haben kann, dann den, dass wir über die Sicherheit der Spieler diskutieren.“
Mit Erfolg: Im Mai 2015 kündigte Cricket Australia an, dass eine unabhängige Überprüfung des Todes von Hughes’ durchgeführt wird.
Als Folge von Hughes’ Tod wurden Verbesserungen an Cricket-Helmen gefordert, was zu neuen Designs führte, bei denen zusätzliche Schutzvorrichtungen an der Rückseite des Helms angebracht sind.
Doch die Untersuchung kam auch zu dem Schluss, dass alle Neuerungen an den Helmen im Nachgang den Tod von Hughes nicht verhindert hätten.