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Ayyoub El Osrouti: "Mein Körper hat am Ende einfach aufgehört"

„Mein Körper hat am Ende aufgehört“

Ayyoub El Osrouti läuft beim Last Soul Ultra unglaubliche 623 Kilometer – über mehr als drei Tage und ohne Schlaf. Im SPORT1-Interview spricht der Ultraläufer über die Grenzen der körperlichen und mentalen Belastung, das packende Duell an der Spitze und die Momente, die er wohl nie vergessen wird.
Ayyoub El Osrouti, genannt "Ello", gehörte beim Backyard-Ultralauf Last Soul Ultra zu den letzten zwei. Im SPORT1-Interview spricht der Düsseldorfer über seine Vorbereitung, Motivation, besondere Momente und den Umgang mit Druck.
Alina Heidenreich
Ayyoub El Osrouti läuft beim Last Soul Ultra unglaubliche 623 Kilometer – über mehr als drei Tage und ohne Schlaf. Im SPORT1-Interview spricht der Ultraläufer über die Grenzen der körperlichen und mentalen Belastung, das packende Duell an der Spitze und die Momente, die er wohl nie vergessen wird.

6,7 Kilometer in einer Stunde. Klingt im ersten Moment machbar. Wenn daraus allerdings 93 Runden werden – 6,7 Kilometer pro Stunde, mehr als drei Tage lang und ohne Schlaf –, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.

Einer, der sich dieser Herausforderung kürzlich gestellt hat, ist Ayyoub El Osrouti. Der deutsche Ultraläufer nahm am Last Soul Ultra teil. Das Rennformat ist dabei ebenso simpel wie brutal: Jede Stunde müssen die Athletinnen und Athleten 6,7 Kilometer zurücklegen. Wer die Runde nicht innerhalb der 60 Minuten beendet, scheidet aus.

Das Ganze geht so lange, bis nur noch eine „Seele“ übrig ist. Beim diesjährigen Rennen lieferten sich der US-Amerikaner Mark Dowdle und El Osrouti ein packendes Duell. Erst nach 93 Runden und 623 Kilometern musste El Osrouti aufgeben und stieg damit als Vorletzter aus.

Im Gespräch mit SPORT1 berichtet er von seinem Rennen, spricht über die Motivation hinter der extremen Herausforderung, die körperliche und mentale Belastung und die Momente, die ihm besonders in Erinnerung bleiben werden.

„Ich will raus aus meiner Komfortzone“

SPORT1: Nach 623 Kilometern war das Rennen für Sie vorbei. Was überwiegt: der Stolz oder die Enttäuschung, nicht gewonnen zu haben?

Ayyoub El Osrouti: Ich würde sagen, weder noch, weil ich nach einer Devise lebe: Ich bin niemals zufrieden, aber ich bin immer dankbar. Dankbar für jede Situation, dankbar dafür, dass ich laufen kann, und dankbar für das Privileg, bei so einem Race dabei zu sein und meine Kilometer machen zu dürfen. Es gibt genug Menschen da draußen, die nicht gehen können, die im Rollstuhl sitzen und einfach keinen Sport machen können. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das machen kann, und das Ganze möchte ich dann auch nutzen.

SPORT1: Ist es auch Teil Ihres Mindsets, für Menschen zu laufen, die es selbst nicht können?

El Osrouti: Das kann man so sagen. Es geht aber auch um einen anderen Gedanken. Ich will raus aus meiner Komfortzone. Ich mache das am Ende des Tages nur für mich, weil ich meine eigenen Grenzen austesten möchte. Ich sehe immer wieder, dass der Mensch zu so viel mehr imstande ist. Ich will herausfinden: Wo ist mein Limit? Kann ich noch darüber hinausgehen? Kann ich noch einen weiteren Schritt machen? Und das ist der Hintergedanke bei so einem Ultra-Rennen.  

SPORT1: Dieses Mal haben Sie 93 Runden geschafft. Ist es perspektivisch ein Ziel, irgendwann die 100 Runden zu knacken?  

El Osrouti: Ich setze mir da absolut kein Ziel, weder 100 Runden noch 200 Runden. Mir geht es, vor allem bei so einem Format, immer um Runde für Runde. Man muss jede Runde wieder am Start sein, egal was ist. Wenn man eine Runde struggelt, muss man versuchen, die Runde trotzdem zu beenden. Danach ist alles wieder offen. Deswegen versuche ich, jede Runde wieder am Start zu sein. Aus folgendem Grund: Wenn man anfängt, seinen Kopf zu limitieren, indem man sagt: „Ich muss 100 Runden laufen“ oder „Ich muss 50 Kilometer machen“, dann fängt das Ganze schon bei 40 Kilometern an und man denkt sich: „Ich habe keine Lust mehr“ oder „Ich kann nicht mehr“. Deswegen ist es sehr schlecht, sich im Vorhinein zu limitieren.

Körper gegen Geist

SPORT1: Was war für Sie schwieriger: die körperliche oder die mentale Belastung?

El Osrouti: Definitiv der körperliche Aspekt: Mein Körper hat am Ende des Tages einfach aufgehört. Mental war ich da. Mental bin ich stark genug, weil ich über die ganzen Jahre viel mit dem Kopf gearbeitet habe. Ich habe versucht, meinen Kopf immer weiter zu stärken. Klar muss man trainieren und eine gewisse Grundbasis haben, aber gleichzeitig muss man auch versuchen, seinen Kopf zu trainieren. Ich versuche, viele Bücher über Persönlichkeitsentwicklung und Mindset zu lesen. Außerdem habe ich mir viele Podcasts dazu angehört.

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SPORT1: Wie haben Sie es in der Situation mental geschafft, weiterzulaufen, als Sie schon gemerkt haben, der Körper wird immer schwächer?

El Osrouti: Ich hatte im Kopf permanent diesen „Loop-by-Loop“-Gedanken. Ich denke, nach einer gewissen Zeit ist das einfach normal. Man lässt seinen Körper nur noch arbeiten und denkt gar nicht mehr so viel darüber nach. Die ersten 80 Loops bin ich auch ohne Handy und ohne Kopfhörer gelaufen, weil ich einfach mit der Natur und meinen eigenen Gedanken verbunden sein wollte. Ich wollte über alles nachdenken können, meine Schritte hören, die Natur hören, aber auch die anderen Athleten und die Hintergrundgeräusche wahrnehmen.

SPORT1: Ein sehr markantes Bild war in der letzten Runde, als Sie sich für mehrere Minuten auf die Wiese gelegt haben. Was ging Ihnen in der Situation durch den Kopf?

El Osrouti: Die Gesamtsituation. Die ganze Runde war ein bisschen schwierig, weil ich alles versucht habe. Ich wollte laufen und habe alles Mögliche versucht. Währenddessen habe ich immer wieder auf meine Uhr geschaut, um zu sehen, ob ich es zeitlich noch schaffe. Meine Arme haben sich bewegt, meine Beine dann irgendwann nicht mehr. Mental war ich noch da. Mein Kopf hat mir gesagt: „Du musst weitermachen.“ Mein Körper hat aber nein gesagt. Man kann sich das cartoonmäßig vorstellen: Man bewegt die Arme sehr schnell, kommt aber keinen Zentimeter nach vorne. Als ich dann am Moosfeld vorbeigekommen bin, war klar, dass ich das zeitlich nicht mehr schaffen würde. Ich hätte theoretisch ein bis zwei Kilometer sprinten müssen. Und dann hätte es auch sein können, dass ich meinen Körper wirklich kaputt mache. Dann dachte ich mir: „Das Moosfeld sieht sehr gemütlich aus. Geh da hin, leg dich hin und das war es dann.“

623 Kilometer in 93 Stunden

SPORT1: Gibt es einen Moment, der Ihnen besonders intensiv im Gedächtnis geblieben ist?

El Osrouti: Ich habe da drei Situationen. Die erste Situation hat angefangen, als ich mir an die Achillessehne gepackt habe, weil ich ein bisschen Schmerzen hatte. Ich konnte nicht richtig auftreten und war kurz davor, zurückzugehen. Ich habe aber gedacht: Das kann es nicht gewesen sein. Die gleiche Situation hatte ich auch letztes Jahr, nur auf der anderen Seite. Für mich war klar, dass ich eine Lösung finden muss. Dann habe ich Wasser draufgekippt, das Ganze noch mit meinem GPS-Tracker stabilisiert und bin weitergelaufen. Eine andere Situation war im Prinzip so ähnlich. Ich lag auf einer Wiese und habe das ganze Rennen schon als beendet gesehen. Ich lag da wahrscheinlich mindestens zehn bis 15 Minuten. Zu dem Zeitpunkt hätte ich schon ganz woanders sein müssen, um die Runde noch zu beenden. Aber ich war einfach nur extrem müde. Ich bin dann aufgestanden und losgelaufen. Danach habe ich keinen Stopp mehr gemacht und hatte am Ende trotzdem noch acht Minuten Puffer, um einfach noch einmal runterzukommen. Aber ich muss ehrlich sagen: Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Loop noch schaffe. Mein Trainer hätte das auch nicht erwartet. Und die letzte Situation ist die 87. Runde, in der mir Mark Dowdle permanent hinterhergelaufen ist. Eine verrückte Situation. Unbeschreiblich. Ich hätte niemals erwartet, dass so etwas bei einem Rennen passiert, dass dir ein anderer Athlet hinterherläuft. Du bleibst stehen, er bleibt stehen. Du läufst, er läuft. Und das Ganze ging über mehrere Kilometer. Bis ich mich dann dazu entschlossen habe, mich irgendwo hinzulegen und zu warten, bis er weg ist. Das waren drei Situationen, die mir auf jeden Fall im Kopf bleiben werden.

SPORT1: Hat die Situation mit Mark zusätzlichen Druck erzeugt und Sie in so einer extremen Ausnahmesituation beeinträchtigt?

El Osrouti: Nein, aber ich glaube, ich habe falsch reagiert. Ich hätte vielleicht einfach eine langsame Runde machen müssen. Ich hatte nicht erwartet, dass der Typ mir hinterherlaufen wird. Er war einen oder anderthalb Meter direkt hinter mir und hat laut geatmet. Aber seine Mindgames, seine Spielchen, die er gespielt hat, hatten im Prinzip gar keinen Effekt, weil ich meine Runde beendet habe.  Mental konnte das nichts mit mir machen. Kopftechnisch war ich gut aufgestellt. Auch sein Geschrei im Wald und diese ganzen Sachen, die er gemacht hat, haben mich absolut nicht interessiert.

SPORT1: Wenn Sie mit dem Wissen, das Sie heute haben, noch einmal an den Start gehen könnten, gäbe es etwas, was Sie verändern würden?

El Osrouti: Man zieht ja Learnings daraus, die man beim nächsten Mal anwenden wird. Zum Beispiel sollte man nicht so schnelle Runden machen, weil man vor allem nach einer gewissen Loopanzahl seinen Körper zerstört. Man sollte sich wirklich darauf konzentrieren, Ruhe zu bewahren und einfach seine Runden zu machen. Aber es ist ein Backyard, der ist immer unberechenbar. Es kann alles Mögliche passieren. Es kann sein, dass man die erste Runde läuft und dann wegknickt. Es kann auch sein, dass man vorher einen Verpflegungsplan gemacht hat, der 1a ist, man das Ganze beim nächsten Event anwendet und es trotzdem einfach nicht läuft. Man bekommt Bauchbeschwerden. Deswegen ist es immer situationsabhängig.

„Ich liebe es, Kilometer zu machen“

SPORT1: Das Rennen liegt bereits einige Tage zurück. Wie sah Ihre Erholung seitdem aus? Und wann kann man auch wieder ins Training starten?

El Osrouti: Im Prinzip machen wir die ersten zehn bis 14 Tage nichts. Also wirklich gar keinen Sport. Ich versuche vielleicht nur, ein paar Schritte zu machen. Danach folgen etwas entspanntere Einheiten, in denen man beispielsweise schwimmen geht. Aber auch da wirklich nur 30 bis maximal 45 Minuten. Nichts, was die Gelenke oder auch die Lunge beansprucht. Jetzt heißt es, alles wieder auf Vordermann zu bringen: den Körper aufbauen, das Nervensystem aufbauen, Ärzte aufsuchen, alles einmal abchecken und die Blutwerte analysieren.

SPORT1: Wie simulieren Sie eine solche körperliche und mentale Belastung im Training?

El Osrouti: Letztes Jahr habe ich vor meinem Rennen zwei Simulationen gemacht: eine 24-Stunden-Simulation und eine 15-Stunden-Simulation. Vor dem Rennen muss ich die Kilometer in der Woche machen. Das heißt, du musst lange auf den Beinen sein. Ich hatte durchschnittlich zwischen 160 und 200 Kilometer die Woche. Der Peak lag bei 200-Kilometer-Wochen, knapp zwei Wochen vor dem Rennen. Das heißt, man muss einfach lange auf den Beinen sein. Man muss die Kilometer machen, damit der Körper sich daran gewöhnt. Zusätzlich muss man den Körper aber auch mit Krafttraining aufbauen. Denn wenn du lange laufen möchtest, brauchst du stabile Beine. Ohne Krafttraining läuft da gar nichts.

SPORT1: Wenn Sie nochmal an das Rennen zurückdenken: Wenn Sie es in einem Wort beschreiben müssten, was würde Ihnen spontan einfallen?

El Osrouti: Lebenserfahrung.

SPORT1: War es eine Erfahrung, die Sie schnell wiederholen würden?

El Osrouti: Ich liebe den Sport, ich liebe es, Kilometer zu machen. Ich liebe Herausforderungen. Ich liebe es, einfach über meine Grenzen hinauszugehen, meine Grenzen zu verschieben. Und einfach die Liebe zum Sport, dieses Miteinander statt Gegeneinander. Bei einem Backyard sind wir alle aus demselben Grund da: Kilometer sammeln, Grenzen vielleicht verschieben und einfach eine gute und schöne Zeit zu haben.