Markus Wasmeier saß am Mittwoch vor dem Fernseher - und wurde an ein 38 Jahre altes Trauma erinnert.
"Von denen, die ich für meine Freunde hielt, sind damals 80 Prozent weggefallen"
Dürr erinnert Wasmeier an sein Trauma
Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary war die deutsche Ski-Alpin-Legende der große Goldfavorit im Super-G. Dann aber blieb der damals 24-Jährige am ersten Tor hängen - so wie fast vier Jahrzehnte später nun Lena Dürr im Slalom.
Mehr als fast alle anderen kann der Doppel-Olympiasieger von 1994 in Lillehammer also nachvollziehen, was in Dürr vorgeht. Im SPORT1-Interview spricht der 62-Jährige darüber, wie einschneidend der Tiefschlag sein sportliches Leben verändert hat, was ihm an Dürrs Umgang mit ihrem Drama imponiert - und was er ihr und anderen Sportlern in ähnlicher Lage nun rät.
Olympia: Dürr? „Es ist eine schreckliche Situation“
SPORT1: Herr Wasmeier, haben Sie das Rennen von Lena Dürr heute vor dem Fernseher verfolgt? Und wenn ja, wurden da bei Ihnen Erinnerungen wach?
Wasmeier: Ja, das war ein richtiges Deja-vu – zumal die Lena danach im Interview offenbart hat, dass sie genau dasselbe gedacht hat wie ich damals: ‚Jetzt trete ich nochmal rauf und ich darf bestimmt nochmal fahren‘. Das war bei ihr genauso wie bei mir damals. Es ist auf alle Fälle eine schreckliche Situation. Man ist einfach ratlos und fragt sich: Was ist jetzt eigentlich passiert? Da gehen in ein paar Millisekunden so viele Gedanken durch den Kopf und du kannst es einfach nicht verstehen. Für mich war es eine der größten Lehrstunden, als ich das erleben musste. Bei Lena allerdings hat mir eine Sache imponiert.
SPORT1: Was genau?
Wasmeier: Es war wirklich toll, wie sie da unten ihre Frau gestanden ist. Dass sie direkt danach ein Interview gegeben hat, war echt toll. Ich weiß, wie schwierig das ist. Man würde sich am liebsten verkriechen oder irgendwo in den Wald raus, was ja auch schon ein paar gemacht haben. Aber sie ist dagestanden und hat ein gutes Interview gegeben. Sehr emotional und sehr positiv. Ich glaube, das ist der richtige Weg.
Wasmeier: „Das ist das Wichtigste bei dem Ganzen“
SPORT1: Dürr hat unter anderem gesagt, dass es jetzt erst einmal eine Weile dauern würde, bis das alles im Kopf ankomme. Aus Ihrer Erfahrung: Wie lange dauert so etwas denn?
Wasmeier: Das ist ganz unterschiedlich. Der Vorteil ist natürlich, dass jetzt die Familie wartet und alles jetzt ein bisschen schneller geht, als wenn man noch über den Teich fliegen müsste. Das erleichtert das Ganze. Dann hat sie jetzt drei Wochen keinen Wettkampf und auch das hilft. Da kommt man dann schon wieder runter und kann sich dann auch so weit wieder sammeln, dass auch die Freude weiterhin noch bleibt und dass es ja nur eine verlorene Medaille war. Das habe ich damals mit der Zeit auch gelernt: Dass du überall, wo du antrittst, nur gewinnen kannst. Verlieren tust du eigentlich nicht. Du gewinnst immer an Erfahrung, du versuchst es. Und das ist das Wichtigste bei dem Ganzen.
SPORT1: Natürlich will man bei Olympia aber auch Medaillen gewinnen – was mentalen Druck mit sich bringt …
Wasmeier: Klar, den Druck macht man sich natürlich auch selbst und das ganze Umfeld. Das ist schon nicht ohne. Es ist für mich sowieso beeindruckend. Zu meiner Zeit gab es ja noch kein Social Media – was heute auch dazukommt. Da steigert sich der Druck nochmal enorm. Ganz ehrlich: Ich glaube, das Handy solltest du als Olympia-Athlet drei Wochen möglichst gar nicht anmachen. Das ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, sich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Ich habe in meiner ganzen Karriere keine einzige Zeitung gelesen oder irgendeinen Bericht angeschaut, weil mich das einfach Energie gekostet hat, wenn ich es dann vielleicht ein bisschen anders interpretiert habe, als es dann geschrieben war oder wie es dargestellt worden ist. Für uns als Sportler ist so etwas Energieverschwendung.
SPORT1: Was raten Sie Lena Dürr in den nächsten Tagen und Wochen?
Wasmeier: Sie hat ja schon alles gesagt. Dem, was sie in dem Interview gesagt hat, kann man nicht viel hinzufügen. Ich glaube, sie ist jetzt raus aus der Nummer. Natürlich wird es immer wieder Anfragen geben, die gibt es bei mir seit über 40 Jahren. Das hört nicht auf und das ist einfach eingebrannt in den Schubladen deiner Erinnerungen. Mittlerweile schmunzle ich darüber und denke mir: Warum bin ich mit einem Ski nicht einfach weitergefahren? Wäre auch eine gute Nummer gewesen. Aber nein, das ist für einen Sportler das Allerschlimmste, dass du nur ein Tor weit kommst. Beim Slalom ist das Einfädeln ja noch normal. Bei mir war es ja ein bisschen abnormal im Super-G damals.
Olympia: „Schulterklopfer waren auf einmal nicht mehr da“
SPORT1: Wie ging es Ihnen unmittelbar nach den damaligen Ereignissen?
Wasmeier: Ehrlich gesagt: Mich hat es ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich hatte mir im Jahr vor Calgary die Wirbelsäule zweimal gebrochen – und mich Gott sei Dank gut davon erholt. Aber in so kurzer Zeit so extreme Erlebnisse zu haben: Das war schon heftig. Wegen der Verletzung habe ich ein paar Jahre gebraucht, bis ich wieder volles Risiko gehen konnte. Der Einfädler hatte körperlich keinen Schaden angerichtet natürlich – aber war in anderer Hinsicht eine wertvolle Erfahrung.
SPORT1: Inwiefern?
Wasmeier: Ich habe da meine Freunde kennengelernt – also: meine richtigen Freunde. Von denen, die ich für meine Freunde gehalten hatte, verlor ich damals 80 Prozent oder sogar noch mehr. Die Schulterklopfer waren auf einmal nicht mehr da. Da sortierst du schon nochmal aus. Heute ist in gewisser Weise alles nochmal intensiver durch diese Social-Media-Geschichte, da kriegst du ganz schön viel Häme. Ich hoffe für die Lena, dass sie sich da nicht nach unten ziehen lässt. Das ist jetzt schon ein Prozess, der sicherlich noch eine lange Zeit in ihrem Kopf rumhängt. Da muss man sie auch in Ruhe lassen dann.
SPORT1: Lena Dürr wird ihre Karriere nun wohl ohne die ersehnte Olympia-Einzelmedaille beenden. Hat auch das womöglich eine Rolle gespielt bei dem Druck, den sie sich selbst gemacht hat.
Wasmeier: Im Nachhinein ist das aus Sicht von Lena ein müßiges Gedankenspiel - jedem Athleten, der es noch vor sich hat, kann ich immer nur sagen: Du kannst nicht verlieren, du kannst nur gewinnen. Wenn du bei einem Ereignis wie Olympia an den Start gehst, dann bist du eigentlich schon ein Gewinner. Und dir wird ja nicht der Kopf abgetrennt, wenn nicht mehr draus wird, du hast nur eine Chance verpasst. Deswegen geht das Leben trotzdem weiter. Das im Blick zu behalten, hat mir immer geholfen.
„Was es da für Häme gab: Da macht man was mit“
SPORT1: Ihre Geschichte hat auch sportlich ein Happy End genommen mit dem Doppel-Gold 1994 in Lillehammer. Hat es Ihnen damals geholfen, eine Erfahrung wie die von Calgary schon hinter sich gehabt zu haben?
Wasmeier: Ja, absolut. Lillehammer war auch eine komplett andere Konstellation. Ich war im Weltcup damals zwischen Platz 4 und 8 gependelt, war kein Favorit, nur Außenseiter. Das hat es leichter gemacht, es gab weniger Druck. Wie gesagt: Ich habe nicht lesen wollen, was über mich geschrieben wurde, aber im Nachhinein habe ich schon ein paar Sachen mitbekommen, was über mich erzählt wurde. Von wegen: Der sollte doch aufhören, was will man mit dem noch usw. Was es da alles für Häme gab und auch Mitleid – was ja noch schlimmer ist -, da macht man schon was mit. Und auch in Lillehammer gab es ja ein Negativerlebnis mit der missratenen Abfahrt und ein entsprechendes Echo.
SPORT1: Wie haben Sie das abgeschüttelt?
Wasmeier: Irgendwie war ich zur richtigen Zeit einfach komplett zur Ruhe gekommen. Ich weiß gar nicht genau wie, aber es war so. Man kämpft sich da halt durch und darf nie seinen eigenen Weg verlieren. Du hast das, was du wirklich gut kannst, und wenn du das mit einer Konsequenz weiterführst, dann kommst du auch zum Ziel. Dann kannst du eigentlich alles erreichen – bloß nicht hängen lassen. Sich hängen lassen ist eine der schlechtesten Optionen. Aufstehen und weitermachen.