Als Martin Schmitt bei den Olympischen Spielen 2002 nach seinem Sprung im Utah Olympic Park gelandet ist, wusste noch niemand, dass gerade Skisprung-Geschichte geschrieben worden war. 0,1 Punkte, umgerechnet etwa 5 Zentimeter, trennten das deutsche Quartett von Finnland. Nervenkitzel bis zur letzten Sekunde. Am Ende hieß es: Gold für Deutschland. Knapper hätte es nicht sein können.
5,55 Zentimeter für die Ewigkeit
5,55 Zentimeter für die Ewigkeit
Es war der 18. Februar in Salt Lake City und der dramatische Höhepunkt einer deutschen Olympia-Mission, die zuvor zwischen Euphorie und Enttäuschung schwankte.
Olympia-Druck standhalten
Allen voran Sven Hannawald. Der Mann, der als erster Skispringer die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben gewann, war als einer der großen Goldfavoriten angereist. Von der Normalschanze schrammte er jedoch knapp am Olympiasieg vorbei.
Nur 1,5 Punkte fehlten ihm, um an Simon Ammann vorbeizuziehen. Auf der Großschanze folgte der nächste Rückschlag: Nach seinem ersten Sprung noch auf Goldkurs gelegen, stürzte Hannawald im zweiten Durchgang. Mit 0,7 Punkten Rückstand auf Bronze blieb ihm nur Rang vier.
Ammann hingegen schrieb sein eigenes Märchen. Der Schweizer gewann sowohl von der Normal- als auch von der Großschanze und reihte sich damit in einen exklusiven Kreis ein: Neben Matti Nykänen (1988, Calgary) und Kamil Stoch (2014, Sotschi) ist er der einzige Springer, dem dies gelang. Acht Jahre später wiederholte Ammann den Doppel-Triumph sogar in Vancouver.
Das Duell um Gold
Doch am Wettkampftag des Teamspringens heute vor 24 Jahren bot sich für den Deutschen Skiverband die Chance zur Wiedergutmachung und zur Fortsetzung einer stolzen Olympia-Bilanz: Gold 1994 in Lillehammer, Silber 1998 in Nagano. Nun sollte wieder Gold her.
Auf der 90-Meter-Schanze lieferten sich Sven Hannawald (123 / 120,5), Martin Schmitt (131,5 / 123,5), Michael Uhrmann (128 / 125) und Stephan Hocke (118,5 / 119,5) einen Thriller mit Finnland. Hocke war mit 18 Jahren der jüngste deutsche Olympiastarter in Salt Lake City und hielt dem Druck stand. „Ich habe mich nur auf mich konzentriert und nicht an den anderen orientiert. Sonst wäre der Druck zu groß gewesen“, erklärte Hocke sein Erfolgsrezept.
Die finale Entscheidung über Gold fiel im direkten Duell zwischen dem Finnen Janne Ahonen und Martin Schmitt. Der viermalige Weltmeister aus Deutschland hatte zuvor seine Bestleistung nicht abrufen können. Noch am Tag vor dem Springen wechselte er die Ski. Eine Entscheidung, die sich in Form von Gold auszahlte. „Ohne die neuen Ski hätte es nicht gereicht“, stellte Schmitt überglücklich fest.
Der Schwarzwälder wirkte wie ausgewechselt und landete zwei saubere Sprünge auf 131,5 und 123,5 Meter. „Ich bin nicht richtig auf die Höhe gekommen und habe schon gemerkt, dass es knapp wird“, beschrieb Schmitt seine Gefühle während seines zweiten Fluges. „Aber am Ende war es doch noch ein gutes Polster“, scherzte der damals 24-Jährige. Trotz Abzügen in den Haltungsnoten reichten die 123,5 Meter, um Finnland hauchdünn hinter sich zu lassen.
Mental am Ende
Bundestrainer Reinhard Heß war mit den Nerven am Ende: „Ob ich so was noch mal durchstehe, weiß ich nicht. Ich hatte eigentlich schon geglaubt, dass Finnland gewonnen hat. Es ging ja nur um einen Meter.“ Dabei ging es nicht einmal um einen Meter, sondern um lediglich FÜNF ZENTIMETER. Der 23-jährige Uhrmann sprang an dritter Position und konnte mit seinen Sprüngen einen weiteren Grundstein für den Teamerfolg legen.
„Ich habe gewusst, dass ich weit springen muss. Zum Glück konnte ich meine gute Form im Wettkampf rüberbringen“, meinte Uhrmann, der zu Recht stolz auf seine Leistung in der dritten Gruppe war. Nach der Verkündung der Ergebnisse betonte der heutige Polizeioberkommissar ungläubig: „So etwas habe ich noch nie erlebt. Jetzt brauche ich erst einmal einen Stuhl und dann ein gescheites Weißbier.“
„Ich kann mich noch gar nicht freuen“
Dem Bundestrainer fiel es schwer, den Erfolg zu realisieren. „Ich kann mich noch gar nicht richtig freuen, ich denke, das kommt erst im Laufe des Tages zum Ausbruch“, meinte der sichtlich mitgenommene Heß. Zuvor hatte es erst einmal in der Olympia-Geschichte die knappste aller möglichen Entscheidungen im Skispringen gegeben. 1972 in Sapporo lag der Pole Wojciech Fortuna ebenfalls nur um ein Zehntel vor dem Schweizer Walter Steiner.
Heß setzte sein Sprung-Ass Hannawald bewusst an die erste Position, um von Beginn an Druck aufzubauen. Doch dieser kämpfte sichtbar und konnte mit 123 und 120,5 Metern keinen entscheidenden Vorsprung erzielen. „Ich wusste, dass ich nicht das Maximale bringen kann. Ich bin eben keine Maschine“, meinte Hannawald später. Am Ende zählte nur das Resultat: „Ich bin so froh, dass ich meine Sprünge einigermaßen hinbekommen habe und so der Mannschaft helfen konnte - der Rest ist scheißegal.“
Das deutsche Quartett ging gehandicapt in den Wettkampf, sodass auch das „Team hinter dem Team“ großen Anteil am Triumph hatte. Teamarzt Ernst Jakob brachte Hannawald und Schmitt mit Lymphdrainagen, Elektrotherapie und Ultraschall-Behandlungen rechtzeitig in Form. Eine Verhärtung im Schienbeinmuskel bei Hannawald und die entzündete Patellasehne von Schmitt wurden kurzfristig behandelt.
Historisches Kapitel im olympischen Skispringen
Das historische Ergebnis schweißte die Athleten zusammen. „Wir sind sehr gut befreundet. Der Kontakt ist nach seinem (Hannawalds) früheren Karriereende nie abgerissen“, berichtete Martin Schmitt über die Verbundenheit zu Sven Hannawald.
Sowohl Hannawald als auch Schmitt sind auch mehr als zwei Jahrzehnte später den Olympischen Spielen verbunden. Als Experten für ARD und Eurosport berichten beide von den Wettbewerben in Val di Fiemme.