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Wimbledon 2023: Sie schreibt in London ein bittersüßes Märchen

Ein bittersüßes Wimbledon-Märchen

Elina Svitolina erlebt in Wimbledon ihre vielleicht beste Zeit als Tennis-Profi - und doch belasten Krieg und Heimatsorgen die Ukrainerin nahezu pausenlos.
Am 3. Juli startet mit Wimbledon das älteste Tennis-Turnier der Welt. Auf dem heiligen Rasen von London wird traditionell in weiß gespielt.
Elina Svitolina erlebt in Wimbledon ihre vielleicht beste Zeit als Tennis-Profi - und doch belasten Krieg und Heimatsorgen die Ukrainerin nahezu pausenlos.

Oft sind es erst die ganz großen Themen, die Menschen ihr Leben plötzlich in einem ganz anderen Licht sehen lassen.

Geburt und Tod, Krankheit und Krieg: Wer einschneidende Erfahrungen macht, bekommt einen veränderten Blick auf die Welt. Und Tennis-Star Elina Svitolina hat zuletzt gleich mehrere dieser Erfahrungen in kurzer Zeit erlebt.

Die Bilder von Leid und Zerstörung aus der Heimat infolge des russischen Angriffskriegs sind allgegenwärtig in Svitolinas Kopf. „Mein Team und ich machen uns andauernd Gedanken, wem wir helfen, wo wir unterstützen können“, sagt die 28-Jährige - und räumt ein, wie belastend es doch sei, mental so gar keine Auszeit mehr zu haben.

Dabei möchte Svitolina den Moment ja eigentlich genießen: In Wimbledon schreibt sie schließlich ihr ganz besonderes Tennismärchen. Nicht nur, dass sie im Viertelfinale nun auch die viermalige Grand-Slam-Turniersiegerin Iga Swiatek aus dem Weg geräumt hat - noch wesentlich bemerkenswerter ist in diesem Zusammenhang, dass die Rechtshänderin erst vor neun Monaten Mutter geworden ist.

Mutter, Comeback - und nun Wimbledon-Halbfinale

Im April gab Svitolina, die mit dem französischen Profi Gael Monfils verheiratet ist, dann ihr Comeback auf der Tour nach einjähriger Baby-Pause, gewann in Straßburg ihren ersten WTA-Titel nach der Schwangerschaft - und steht nun unverhofft mit einer Wildcard im Halbfinale des Londoner Rasen-Klassikers.

„Eine Cinderella-Story“ nannte es denn auch Tennis-Ikone Mats Wilander. Und doch: Es fällt Svitolina - trotz des Erfolgs und Familienglücks - schwer, zu entschleunigen und sich zu zerstreuen.

„Jeden Moment, den ich nicht auf dem Court stehe, checke ich, wie es meiner Familie und meinen Freunden geht, wie die Situation in der Ukraine ist“, sagt sie. Es ist ein ständiger innerer Konflikt.

Ukraine-Krieg auch ein innerer Konflikt

Die Verbundenheit mit ihren Landsleuten in seit nunmehr mehr als 500 Tagen andauernden Krieg ist Belastung und Mission zugleich. „Ich weiß, wie wichtig das für die Leute ist“, so Svitolina, die nun um ihr erstes Grand-Slam-Finale kämpft.

Sie habe „viele Videos im Internet gesehen, wo Kinder auf ihren Handys meine Spiele sehen. Das lässt mein Herz wirklich schmelzen.“

Selber nun ein „Kind zu haben und der Krieg, das hat mich eine andere Person werden lassen“, ergänzt die Frau aus Odessa. „Ich sehe viele Dinge aus einer anderen Perspektive.“

Immerhin lerne sie in diesen Tagen „die schweren Momente nun etwas leichter zu nehmen“, wie sie Wilander verriet. „Der Krieg hat mich stärker gemacht“, sagt die 28-Jährige. „Mental sehe ich schwierige Situationen auf dem Platz nicht mehr als Desaster an“, es gebe „schlimmere Dinge im Leben.“

Auch Handschlag-Wirbel mit Azarenka

Der Politik entfliehen kann Svitolina in Wimbledon nicht: Ihr Match gegen die belarussische Konkurrentin Viktoria Azarenka war - wie schon diverse (bela)russisch-ukrainische Duelle vom Wirbel um die Verweigerung des sonst üblichen Handschlags überschattet.

Svitolina und Azarenka haben eigentlich ein gutes persönliches Verhältnis, aber Svitolina geht es erklärtermaßen um ein Prinzip - das Prinzip, keine symbolischen Gesten zu vollführen, die Normalität vortäuschen, wo keine ist: „Ich habe es schon mehrmals gesagt, dass ich, solange russische Truppen nicht die Ukraine verlassen und wir uns unsere Territorien zurückgeholt haben, keine Handshakes machen werde. Das ist ein klares Statement von mir.“

In diplomatischer Mission war Svitolina dann auch hinterher, als sie die Organisatoren der großen Turniere aufforderte, ihre Haltung zu dem Thema klarer zu kommunizieren, um weitere Irritationen bei Fans zu vermeiden. Sowohl bei den French Open als auch in Wimbledon kam es zu Buhrufen bei den Handshake-Verweigerungen - diesmal traf der Volkszorn Azarenka, obwohl die respektvoller mit Svitolina umging als ihre Landsfrau Aryna Sabalenka in Paris.

„Für meine Leute in der Ukraine“

Svitolina muss sich in London keine Sorgen um ihre Popularitätswerte machen, ihr emotionales Underdog-Märchen hat sie zum Publikumsliebling der örtlichen Fans gemacht.

Inzwischen drückt ihr auch der britische Musik-Superstar Harry Styles die Daumen, nachdem Svitolina beiläufig erwähnt hat, dass sie eigentlich noch geplant hätte, auf dessen Konzert in Wien zu gehen, wäre sie früher ausgeschieden.

Vor dem Nachholtermin, zu dem Styles Svitolina inzwischen eingeladen hat, steht heute das Halbfinale gegen die Tschechin Marketa Vondrousova (ab 14.30 Uhr im LIVETICKER bei SPORT1) an - und der Versuch, die bittersüße Cinderella-Story näher an ihr Happy End zu bringen.