Alles war angerichtet, die Spannung in der mit 6.300 Zuschauern gefüllten Roland-Arena von Lenzerheide greifbar. In Führung liegend erreichte Niklas Hartweg den Schießstand für den vierten und letzten Anschlag des Einzels. Der Schweizer, der vom heimischen Publikum so lautstark wie kein anderer unterstützt wurde, hatte bis dahin nur einen Fehler fabriziert. Angesichts der nicht einfachen Bedingungen ein sehr gutes Zwischenergebnis, das den Schluss zuließ: Wenn er noch einmal alle Scheiben abräumt, ist ihm die Medaille sicher.
Biathlon-WM: Der verdammte letzte Schuss - ein Drama von historischem Ausmaß
Der verdammte letzte Schuss
Dann ging es los. Die erste Kugel setzt Hartweg perfekt ins Ziel, beim Aufprall ertönt ein blechernes Geräusch. Erster Treffer. Zweiter Schuss: wieder ein Treffer. Auch die Versuche Nummer drei und vier prallen haargenau im anvisierten Bereich auf, im zügigen Tempo fliegen die Patronenhülsen aus dem Gewehr - und die Fans jubeln. Noch ein Schuss, ein letzter Abzug. Ein letztes Mal volle Konzentration. Und plötzlich: kein blecherner Einschlag mehr, keine Ekstase auf den Rängen. Der finale Schuss rauscht hoch rechts daneben.
Sofort schnappte sich Hartweg seine Skistöcke, stürmte auf die letzte Runde und versuchte, die durch den Fehler verlorene Zeit wieder aufzuholen. Doch wenig später stand endgültig fest: Er sollte sich vergeblich beeilen. Statt Edelmetall zu holen, landete der 24-Jährige auf Rang fünf. 16 Sekunden fehlten am Ende zu Bronze - allein der letzte Fehler kostete eine Minute. Ein Hätte-wäre-wenn-Szenario, wie es bitterer nicht sein könnte. Noch nie war die erste Schweizer Medaille bei einer Biathlon-WM so nahe wie am Mittwoch.
Hartweg: „Es ist frustrierend“
„Es ist immer frustrierend, wenn es so knapp nicht reicht“, gab der tragische Held hinterher zu. „Besonders der letzte Fehlschuss ärgert mich.“ Dass diese ominöse letzte Scheibe im Biathlon immer wieder die schwierigste ist, spürte Hartweg natürlich nicht als erster Athlet. Denn bekannt ist dieses Phänomen ungefähr, seit diese Sportart existiert. Besonders häufig kommt es eben im Einzel vor, weil es dort keine Strafrunde gibt, die im Schnitt rund 25 Sekunden frisst, sondern die betroffenen Läufer gleich eine Strafminute aufgebrummt bekommen. Am Schießstand entscheidet sich dadurch übermäßig viel.
Doppelt bitter ist es aus Schweizer Sicht allerdings diesmal, weil die Gastgebernation nicht zum ersten Mal so dicht vor dem ganz großen Coup stand. Im Sprint der Damen schrammte Lena Häcki-Groß um den Wimpernschlag von 1,4 Sekunden am Podest vorbei. Zwei Tage danach, im Verfolger, hatte sie erneut alle Chancen, sich das Edelmetall endlich zu sichern, zeigte aber beim letzten Schießen Nerven und leistete sich drei Fehler. Jetzt auch noch das Drama um Hartweg. Dreimal in aussichtsreicher Position gewesen, dreimal über weite Strecken des Rennens alles richtig gemacht - und am Ende doch mit leeren Händen dagestanden.
„Der fünfte Platz ist undankbar. Dennoch war es ein gutes Rennen, mit dem ich zufrieden bin“, versuchte sich Hartweg an den positiven Aspekten hochzuziehen, „aber ich war so nah an einem historischen Tag dran. Und wenn es der letzte Schuss ist, tut es umso mehr weh.“ Dabei sei er beim abschließenden Schießen sogar relativ entspannt gewesen, berichtete er: „Ich musste nichts verwalten, weil ich früh gestartet bin. Es war nicht so eine Drucksituation. Trotzdem blieb der letzte Schuss hängen. Beim Stehendschießen tue ich mich leider manchmal etwas schwer.“
Hartweg verletzte sich im Sommer schwer
Zwei Strafminuten waren am Ende eine zu viel für eine Medaille, aber mit der sechstbesten Laufzeit konnte Hartweg immerhin zeigen, dass er beide Teildisziplinen des Biathlons beherrscht. Und das, obwohl seine Saisonvorbereitung alles andere als einfach verlief. Anfang Juni stürzte er beim Training mit dem Mountainbike und verletzte sich an der rechten Schulter. Die Diagnose: mehrere Bänderrisse. In der Folge musste er sich einer Operation unterziehen.
Eine Medaille hätte seiner Rückkehr vorerst die Krone aufsetzt. So musste Hartweg tatenlos zusehen, wie der Franzose Eric Perrot vor Tommaso Giacomel aus Italien Weltmeister wurde und Perrots Landsmann Quentin Fillon Maillet sich trotz drei Fehlern noch Bronze gewann. Dieser verdammte letzte Schuss, werden sie in der Schweiz wohl sagen. Ohne ihn wäre Hartweg sehr wahrscheinlich souverän auf Rang drei eingelaufen - doch es blieb beim Konjunktiv.