Felix Neureuther hat seinem Ärger über das Olympia-Dilemma um Luis Vogt freien Lauf gelassen. Der deutsche Abfahrer hatte am Samstag beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel mit einem sensationellen achten Platz für Aufsehen gesorgt. Sportlich erfüllte Vogt damit die Kriterien für eine Teilnahme an den Winterspielen – und doch kommt er wohl nicht infrage. Die deutsche Nominierungsfrist war bereits am Dienstag abgelaufen.
Neureuther hält Brandrede wegen Olympia: "Das ist ein Skandal"
Neureuther hält Brandrede
„Das ist totaler Quatsch! Ich könnte mich extrem darüber aufregen“, polterte Neureuther am Sonntagmorgen in der ARD und wurde noch deutlicher: „Wir haben einen jungen Athleten, der die Olympia-Qualifikation schafft, aber nicht mitgenommen werden darf. Das ist ein Traum, den du als Kind hast. Du erfüllst das Kriterium – und wenn der dann nicht mitgenommen wird, gehe ich auf die Barrikaden. Das kann nicht sein.“
Hintergrund der Problematik: Die deutschen Männer verfügen für die Rennen in Bormio lediglich über fünf Startplätze – und diese sind bereits vergeben. Unter anderem an den angeschlagenen Alexander Schmid sowie an Anton Grammel, der die Norm nur teilweise erfüllt hat.
Einen der nominierten Athleten nachträglich zu streichen, kommt für den Deutschen Skiverband (DSV) nicht infrage. Stattdessen wird nun darüber nachgedacht, Vogt als Ersatzfahrer mit zu den Winterspielen zu nehmen.
Eine DOSB-Sprecherin bestätigte der dpa, dass der Deutsche Olympische Sportbund eine Ausnahmegenehmigung beim Internationalen Olympischen Komitee beantragt habe.
Neureuther: „Diese Quotenregelung ist totaler Quatsch“
Cheftrainer Christian Schwaiger äußerte sich vorsichtig optimistisch: „Jetzt schauen wir mal, was in den nächsten Tagen passiert.“ Unabhängig von Fristen und Regularien wäre ein zusätzlicher Athlet aus seiner Sicht sinnvoll: „Einen Reserve-Abfahrer würde ich gerne mithaben. Man weiß ja nicht, was passiert, wenn sich jemand nach dem ersten Training verletzt.“
Neureuther allerdings konnte das nicht besänftigen. Die geltende Quotenregelung bezeichnete er erneut als totalen Quatsch. „Dann werden Athleten aus Ländern mitgenommen, die nicht den Hauch einer Medaillenchance haben, und von den Besten der Welt müssen ein paar zu Hause bleiben“, sagte Neureuther. „Das ist ein völlig veraltetes System. Für den DSV ist das bitter – für einen Athleten wie Luis aber noch viel mehr. Bei Olympischen Spielen sollten die Besten der Welt starten. Wenn das nicht der Fall ist, ist das einfach schade.“
Ähnlich fassungslos bewertete Neureuther die Situation von Victor Muffat-Jeandet. Der Franzose liegt im Slalom-Weltcup auf Rang 13 – und wird in Italien fehlen, weil Frankreich nicht genügend Startplätze zur Verfügung stehen.
„Er hat seit einem Jahr immer gepunktet“, merkte Kommentator Bernd Schmelzer an. „Aber er wird nicht bei Olympia dabei sein. Das ist eine Geschichte, die man sich normalerweise nicht vorstellen kann. Er ist ein Top-15-Fahrer – aber die Franzosen haben einfach zu viele Leute.“
Ski Alpin: Auch der Fall Muffat-Jeandet entzürnt Neureuther
Auch darüber konnte Neureuther nur den Kopf schütteln. „Das ist doch so ein Quatsch. Diese Regelung regt mich wahnsinnig auf. Nicht nur aus deutscher Sicht mit Luis Vogt, sondern auch hier“, sagte der frühere Weltklasse-Athlet. „Er gehört zu den Olympischen Spielen. Das ist ein Skandal.“ Schmelzer pflichtete ihm bei: „Wirklich ein Skandal. Weil die Franzosen nicht genügend Plätze haben – das muss man sich mal vorstellen. Aber Brasilien hat drei Startplätze.“
Neureuther reagierte mit bitterer Ironie. „Jaja, klar. Ein Brasilianer hat natürlich eine Chance (Lucas Pinheiro Braathen; Anm. d. Red.), die anderen zwei auch eine riesengroße Chance, eine olympische Medaille zu gewinnen“, sagte er sarkastisch: „So ein Quatsch. Kennt sich eigentlich irgendjemand mit diesen Regeln aus und damit, wie sie umgesetzt werden?“
Eine Frage, die sich nicht nur Neureuther stellt – sondern wohl auch Athleten wie Vogt und Muffat-Jeandet.
Bemerkenswert: Vogt selbst blieb trotz seines starken Auftritts zurückhaltend. Ansprüche auf ein Olympiaticket erhob er nicht. „Alle, die nominiert sind, stehen da auch berechtigt“, sagte der Abfahrer. Er habe bereits vor Kitzbühel akzeptiert, „dass Olympia für mich kein Thema ist“. Und falls es doch noch klappt? Vogt lächelte: „Dann wäre es mega – aber das liegt nicht in meinen Händen.“