Während sich Domen Prevc in Bischofshofen den goldenen Adler sicherte, waren die deutschen Skispringer einmal mehr Statisten. Felix Hoffmann und Philipp Raimund konnten in der Gesamtwertung mit den Plätzen sechs und acht Schadensbegrenzung betreiben, aber nicht die besorgniserregende Situation im deutschen Skispringen überdecken.
Skispringen in Deutschland: "Ein Totalschaden!"
„Totalschaden“: Kritik an DSV-Adlern
Der ehemalige Skispringer und Eurosport-Kommentator Gerd Siegmund griff in seinem mit Andreas Goldberger betriebenen Podcast Spitzensalat zu drastischen Worten und schloss lediglich Hoffmann und Raimund aus seiner Kritik aus.
„Alles andere, was in Deutschland passiert, ist ein Totalschaden. Das aufzuarbeiten bis zu den olympischen Spielen wird eine Herkules-Aufgabe. Da sind wir weiter weg, als letztes Jahr“, monierte Siegmund.
Siegmund warnt den DSV: „Ansonsten gehen die Lichter aus in Skisprung-Deutschland“
Abgesehen von Hoffmann und Raimund hat lediglich Pius Paschke Final-Durchgänge bei der Tournee erreicht, sich aber in keinem Springen unter den besten 20 platzieren können. Die einstigen Team-Leader Karl Geiger und Andreas Wellinger verpassten die Top-30 in allen vier Springen.
Wellinger konnte die Vorsaison mit WM-Silber und dem Sieg der Raw-Air-Gesamtwertung noch „retten“, jedoch sind dieses Mal wohl andere gefragt. „Raimund und Hoffmann muss man in Watte packen bis zu den Olympischen Spielen und hoffen, dass da überhaupt gar nichts passiert, ansonsten gehen die Lichter aus in Skisprung-Deutschland“, sprach der Team-Vizeweltmeister aus dem Jahr 1995 Klartext.
Sowohl Raimund als auch Hoffmann gehen jedoch angeschlagen aus der Tournee heraus. Raimund hat seit seinem Banden-Crash in Innsbruck mit Hüftproblemen zu kämpfen und laboriert an einer Erkältung, während Hoffmann von einer Kniereizung geplagt wird.
Beide werden beim Weltcup in Zakopane (im LIVETICKER) fehlen, wo lediglich Geiger, Wellinger und Paschke die deutschen Fahnen hochhalten sollen. Die beiden weiteren Startplätze bleiben unbesetzt, was insbesondere an der Krise im deutschen Skisprung-Nachwuchs liegt. Auch das Fehlen starker Talente schließt Siegmund in seiner „Totalschaden“-Aussage mit ein.
Siegmund kontert Hannawald-Kritik: „Das glaube ich einfach nicht“
Wenig anfangen kann er hingegen mit der jüngsten Kritik von Sven Hannawald an den deutschen Skisprungtalenten. „Dass diejenigen, die in die Nationalmannschaft kommen, selbstzufrieden sind und nicht mehr arbeiten und trainieren würden, davon bin ich nicht überzeugt“, stellte er klar. „Ich glaube nicht, dass wenn du 15 Jahre investiert hast, sagst: ‚Jetzt bin ich in der Nationalmannschaft, jetzt kann ich mich zurücklehnen‘. Das glaube ich einfach nicht", legte er nach.
ARD-Experte Sven Hannawald hatte nach der Tournee moniert, dass „eine gewisse Gemütlichkeit oder Zufriedenheit“ die deutschen Skisprung-Youngster ausbremse.
Siegmund warnt vor langer Durststrecke: „Müssen unten anfangen“
Siegmund sieht vielmehr das Gesamtsystem und nicht die einzelnen Springer als Grund für die Misere an.
„Wenn wir die nächsten zehn Jahre etwas bestellen wollen, dann müssen wir unten anfangen, investieren und alle Kräfte bündeln. Wir müssen eine gute Trainerkultur schaffen. Wir müssen unten sehen, dass wir neue Konzepte entwickeln und auch in die Großstädte gehen“, forderte er eine Revolution in der Nachwuchs-Förderung.
Es bestehe der Bedarf an Trainern und Stützpunkten. „Wie will ein Kind anfangen, wenn es keine Schanzen gibt?“, legte er den Finger in die Wunde.
Folgerichtig sieht er große Probleme auf das deutsche Skispringen zukommen. „Wenn wir großes Pech haben, müssen wir durch eine jahrelange Durststrecke gehen”, warnte er. Dies habe wenig damit zu tun, dass Cheftrainer Stefan Horngacher nach der Saison sein Amt niederlegt. Wer die Nachfolge antrete, sei Siegmund „völlig egal“, da die Probleme woanders liegen.