Ein großer Einschnitt bei den deutschen Skispringern rückt näher: Der noch amtierende Bundestrainer Stefan Horngacher legt sein Amt nach sieben Jahren nieder und wird Ende März beim Saisonfinale in Planica die deutschen Skispringer um Philipp Raimund, Felix Hoffmann und Andreas Wellinger zum letzten Mal vom Startbalken schicken.
"Aus irgendwelchen Gründen wurde er ausgebootet"
So sieht Hannawald die T-Frage
ARD-Skisprung-Experte Sven Hannawald zieht im SPORT1-Interview eine Bilanz der Ära Horngacher, nennt seinen Favoriten auf die Nachfolge und erklärt, wieso ein prominenter Weggefährte ein logischer Kandidat für die Zukunft ist.
Zahlreiche Erfolge mit DSV-Bundestrainer Horngacher
SPORT1: Herr Hannawald, Stefan Horngacher gibt zum Ende der Saison seinen Posten als deutscher Skisprung-Bundestrainer auf. Wie sehen Sie seine Bilanz der vergangenen sieben Jahre?
Sven Hannawald: Für ihn war es ein besonderer und teilweise auch schwieriger Weg. Wenn sich das Material und die Regularien ständig verändern, ist es für einen Trainer schwierig, eine klare Philosophie zu etablieren. Unabhängig davon war seine Arbeit sehr gut. Mit Karl Geiger stellte er 2020 auch den Skiflug-Weltmeister, insgesamt gab es zahlreiche starke Ergebnisse, mit dem krönenden Abschluss des Olympiasiegs von Philipp Raimund. Darüber hinaus hat er das Skispringen im deutschen Team strukturell weiterentwickelt, etwa beim Einsatz des Windkanals oder bei der Trainingsmethodik. Viele dieser Entwicklungen hat Stefan Horngacher angestoßen, und sie werden auch künftig Bestand haben. Solche Ansätze gab es zuvor in dieser Form nicht.
SPORT1: Wie hoch ist Horngachers Anteil am jüngsten Aufschwung von Felix Hoffmann und Olympiasieger Philipp Raimund?
Hannawald: Natürlich spielt seine Arbeit dabei eine wichtige Rolle. Gleichzeitig würde Horngacher aber auch selbst sagen, dass solche Erfolge nie allein auf eine Person zurückzuführen sind. Unter Horngacher ist das deutsche Team in vielen Bereichen neue Wege gegangen. Besonders beim Krafttraining wurden neue Methoden eingeführt. Schon in seiner Zeit beim polnischen Team war er in diesem Bereich ein Vorreiter und hat viele dieser Ansätze nach Deutschland mitgebracht. Natürlich bedeutet ein moderneres und effizienteres Krafttraining allein noch keinen sportlichen Erfolg. Und ab dem Moment des Loslassens vom Balken liegt vieles in der Verantwortung des Athleten selbst. Darauf hat der Trainer keinen direkten Einfluss mehr.
SPORT1: Noch steht nicht fest, wer Horngacher als deutscher Bundestrainer beerbt. Wen sehen Sie in der Favoritenrolle?
Hannawald: Das ist eine schwierige Frage. Ein Name, der mir einfällt, ist Alexander Stöckl. Er hat in Norwegen über viele Jahre hinweg hervorragende Arbeit geleistet. Aus irgendwelchen Gründen wurde er dann von den Springern ausgebootet. Aber zu den norwegischen Springern brauche ich eh nichts mehr zu sagen nach dem Material-Skandal der vergangenen Saison. Grundsätzlich habe ich allerdings eine etwas andere Sicht auf die Rolle des Bundestrainers. Wenn man dort den besten Fachtrainer einsetzt, wird dessen Potenzial teilweise verschenkt. Ein Bundestrainer kümmert sich nicht nur um das Training, sondern auch um viele organisatorische und administrative Aufgaben. Er muss Termine koordinieren, Gespräche führen und das gesamte System managen. Dadurch bleibt weniger Zeit für die eigentliche Trainingsarbeit.
Als Bundestrainer „permanent unterwegs“
SPORT1: Sie haben bereits Martin Schmitt als möglichen Nachfolger ins Gespräch gebracht. Welche besonderen Eigenschaften bringt Ihr früherer Teamkollege für das Traineramt mit?
Hannawald: Martin war schon zu unserer aktiven Zeit sehr strukturiert. Er hat immer viele Fragen gestellt und wollte genau verstehen, warum bestimmte Trainingsmethoden angewendet werden. Ihn haben die Hintergründe interessiert: Warum trainieren wir etwas auf diese Weise und welche Effekte hat das? Deshalb kann ich mir grundsätzlich gut vorstellen, dass Martin irgendwann einmal ein geeigneter Trainer für das deutsche Team sein könnte. Im Moment ist es dafür allerdings noch etwas früh. Er hat Familie und andere Verpflichtungen, und als Bundestrainer wäre man praktisch permanent unterwegs. Gleichzeitig wächst er derzeit Schritt für Schritt in eine Trainerrolle hinein, und dafür braucht es Zeit.
SPORT1: Was sollte der Nachfolger von Horngacher als Erstes angehen? Wo sehen Sie die größten ungenutzten Potenziale bei den DSV-Skispringern?
Hannawald: Mir fällt immer wieder auf, dass in entscheidenden Momenten häufig das letzte Maß an Risikobereitschaft fehlt. Wenn große Wettkämpfe anstehen, ist die Grundform der deutschen Springer meist sehr gut. Häufig sind sie im Vorfeld auf Augenhöhe mit der Konkurrenz oder sogar stärker. Sobald jedoch das eigentliche Highlight beginnt, habe ich manchmal den Eindruck, dass die deutsche Mannschaft eher auf Sicherheit setzt, während andere Teams noch einmal ein höheres Risiko eingehen. Gerade bei Großereignissen kann dieser Unterschied entscheidend sein. Das könnte auch ein Grund sein, warum es bei der Vierschanzentournee bislang nicht zum Gesamtsieg gereicht hat. Wer bei einem solchen Event vor allem vermeiden möchte, Fehler zu machen, wird selten gewinnen. Man muss ein gesundes Risiko eingehen: Nicht blind, aber mit der Bereitschaft, alles zu investieren. Die Konkurrenz geht diesen Weg oft konsequenter. Bei Highlights reicht es nicht, einfach nur das bisherige Niveau zu halten.
SPORT1: Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass es mittelfristig wieder zu einem deutschen Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee kommt?
Hannawald: Rein statistisch müsste es irgendwann wieder passieren. Wenn man die Verteilung der Tourneesiege zwischen den Nationen betrachtet, liegt Deutschland inzwischen relativ weit zurück. Andere Länder haben in den vergangenen Jahren deutlich häufiger gewonnen. Österreich hat beispielsweise einmal sieben Siege in Folge gefeiert, auch Norwegen, Polen und Japan waren sehr erfolgreich – etwa mit Kamil Stoch oder Ryoyu Kobayashi. Deutschland wäre also eigentlich wieder an der Reihe. Vielleicht ergibt sich aber im kommenden Jahr eine besondere Gelegenheit: Die Vierschanzentournee feiert ihren 75. Geburtstag, und erstmals werden auch die Frauen Teil des Programms sein. Es wäre ein schönes Zeichen, wenn gerade in diesem Jahr wieder ein deutscher Gesamtsieg gelingen würde. Hoffen darf man jedenfalls.