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Monte Carlo - Mit Poker wurde Celina Lin zur Millionärin. Im SPORT1-Interview erzählt die Chinesin, wie sie Frauen im Reich der Mitte inspirierte und berichtet über ihre Ehe mit einem Poker-Profi.

2004 besuchte Celina Lin das berühmte Crown Casino von Melbourne in Australien, ein Freund überredete die Chinesin, Poker auszuprobieren. Lin fand sofort Gefallen am Spiel, machte weiter und sackte schon bald darauf regelmäßig Gewinne in Asiens Spielerparadies Macau ein.

Heute gilt die 36-Jährige als Chinas Poker-Königin, gewann schon über eine Million Dollar bei Live-Turnieren und spielt in Casinos rund um die Welt. Im SPORT1-Interview am Rande der European Poker Tour in Monte Carlo sprach Lin über Poker im Reich der Mitte, ihre Anfänge im Business und die Ehe mit Poker-Profi Randy Lew.

SPORT1: Celina Lin, wie sind Sie in China Poker-Profi geworden?

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Celina Lin: Ich war schon immer ehrgeizig. Ich habe Spiele immer geliebt. Poker war damit fast die natürliche Entwicklung. Ich wuchs mit Brettspielen, Kartenspielen und Computerspielen auf. Alles, was mit Wettbewerb zu tun hatte, war interessant für mich. Es war eigentlich Zufall, dass ich zu Poker kam. Ich kannte die Reihenfolge der Hände schon und als ich dann merkte, dass man alleine mit einem statistischen Ranking der Hände weit kommen konnte und es so etwas wie Poker-Profis gibt, schrie dieser Beruf förmlich nach mir. Ich hatte soviel Leidenschaft für das Spiel und es wurde ein Job für mich, den ich jeden Tag so sehr liebe! Wenn ich aufwachte, konnte ich es gar nicht erwarten, Poker zu spielen.

SPORT1: Was haben ihre Eltern gesagt als sie herausfanden, dass Sie beruflich Poker spielen wollen?

Lin: Das war ein wirklich schwieriger Prozess, denn ich habe einen sehr traditionellen chinesischen Hintergrund. Als ich anfing auf Reisen zu gehen, um Poker zu spielen, erzählte ich meinen Eltern nicht, dass ich das tun würde. Ich habe nur gesagt, dass ich sehr viel reise. Als sie herausfanden, dass ich Poker spiele, sagten sie: "Glaubst du wirklich, das ist der richtige Weg für dich? Besonders als Mädchen?"

SPORT1: Welche Bedenken hatten ihre Eltern?

Lin: Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt verstanden meine Eltern nicht den Unterschied zwischen Poker und anderen Casino-Spielen. Weil es im Casino gespielt wird, kann es leicht missverstanden werden. Dann habe ich ihnen aber erklärt, dass ich gegen andere Spieler spiele und nicht gegen das Casino. Ich erklärte ihnen alles und langsam begriffen sie, dass es wirklich einen Unterschied zu den anderen Spielen im Casino wie Baccara oder Black Jack gibt.

SPORT1: Wie hat sich ihre Einstellung zu Ihrem Lebensweg dann verändert?

Lin: Sie haben gemerkt, dass es sogar TV-Übertragungen und Poker-Magazine und so weiter gibt. Dann bekam ich Werbeverträge. Dann merkten sie, es ist ganz anders als sie dachten. Sie merkten, dass ich eine richtige Karriere hatte und dass ich nicht einfach nur zockte. Denn so ist Poker für keinen professionellen Spieler. Wir behandeln das wie einen Sport, ein Geschicklichkeitsspiel. Wir nehmen das sehr ernst. Wir achten auf unser Zeitmanagement, wir achten auf unsere Ernährung, unsere Finanzen. Das können viele Menschen missverstehen. Bis sie sich genauer mit dem Thema befassen.

SPORT1: Haben Sie durch Ihren Erfolg zur Entwicklung von Poker in China beigetragen?

Lin: Ich glaube schon. Ich sehe, dass die Zahl der Frauen bei den Turnieren wirklich hoch ist. In Asien ist die Frauenquote bei Turnieren bei rund zehn Prozent. Viele davon kommen zu mir und sagen: "Celina, wegen dir habe ich angefangen, mich für Poker zu interessieren." Für sie war das Spiel erstmal grundsätzlich einschüchternd. Du musst dich mit acht oder neun Menschen an einen Tisch setzen - und die meisten davon sind Männer. Wir haben alle einen traditionellen chinesischen Hintergrund. Darum ist diese Situation für Frauen eher unangenehm.

SPORT1: Sie haben also mehr Frauen in China an den Pokertisch gebracht?

Lin: Als die Frauen sahen, dass ich Erfolge feierte, dachten sie sich: "Vielleicht sollte ich es auch versuchen." Das hat ihre Einstellung dazu verändert, was für Karrieren für sie möglich sein können. Normalerweise ist das nämlich: Freundin, Ehefrau und Mutter. Es war wirklich schön für mich zu hören, dass diese Frauen zu mir kamen und mir sagten, ich hätte ihnen so viel Selbstvertrauen gegeben. Jetzt sind sie sehr unabhängig. Sie haben ihr eigenes Geld, um sich zum Beispiel eine Wohnung zu kaufen und sind nicht abhängig von einem Mann. Es war großartig für mich zu hören, dass ich die Einstellung dieser chinesischen Frauen geändert habe, denen vorher immer beigebracht wurde, in eine bestimmte Schublade zu passen.

SPORT1: Ist es für Frauen schwieriger in die Weltspitze zu kommen als für Männer?

Lin: Als Frau muss man sich bewusst sein, wie man am Tisch wahrgenommen wird. Wie du von den anderen Spielern eingeschätzt wirst. Manchmal denkt man sich: "Er attackiert mich nur, weil ich eine Frau bin." Aber gleichzeitig respektieren viele Männer deine Einsätze und glauben immer, dass man wirklich hat, was man vorgibt zu haben. Viele Frauen denken aber, dass sie von den männlichen Gegnern herausgepickt werden, weil sie eine Frau sind und sie werden deswegen sehr emotional. Ich sage dann: "Nimm es nicht persönlich! Es ist nur ein Spiel." Für mich war es aber auch eine lange Reise bis ich das selbst gelernt habe.

SPORT1: Wie kommen Sie mit den psychischen Belastungen des Berufs zurecht?

Lin: Ich habe wirklich Glück, dass mein Ehemann auch Poker-Profi ist. Ich habe erst vor Kurzem zu ihm gesagt: "Ich bin so froh, dass ich das mit jemandem zusammen machen kann."

SPORT1: Wie funktioniert eine Ehe unter Poker-Profis? 

Lin: Wir waren beide in den letzten zwei Monaten nicht sehr erfolgreich. Aber jemanden zu haben, der genau versteht, wie man sich fühlt – das ist schön! Auch dass jemand mal genauso deprimiert ist. Wenn es nur bei einem von uns läuft, können wir sagen: "Zumindest hat einer von beiden Erfolg." Wenn es bei uns beiden nicht läuft, können wir uns wenigstens in den Arm nehmen und ausheulen (lacht). Es ist einfach schön, jemanden auf dieser Reise bei sich zu haben. Die Stunden am Flughafen, die Stunden im Flugzeug. Es ist aber auch wundervoll, neue Städte zu erkunden.

SPORT1: Wie halten Sie sich fit für die nächsten großen Turniere?

Lin: Es ist wirklich wichtig, aktiv zu bleiben. Gesundes Essen, viel Schlaf, acht bis zehn Stunden pro Nacht. Man sollte auch Sport machen. Yoga finde ich gut, es reinigt den Körper und den Geist. Pilates mache ich auch. Außerdem achte ich darauf, mindestens 10.000 Schritte am Tag zu laufen. Nur so kann ich mein bestmögliches Poker spielen.

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