Lesedauer: 4 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Mit Ineos (früher Sky) gewinnt Chris Froome viermal die Tour de France. Nun schließt er sich einem neuen Team an. Ist die Zeit für den Dominator bald vorbei?

"Mein Traum ist es, mehr Touren als jeder andere zu gewinnen."

Drei Monate ist es her, dass Christopher Froome im Interview mit der französischen Sportzeitung L'Equipe das alles entscheidende Ziel für den Rest seiner Karriere formulierte. "Es wäre das perfekte Szenario, aber ich weiß, dass es noch viel Arbeit gibt, um es zu verwirklichen."

Viermal hat der Brite inzwischen die Tour de France gewonnen. Um der alleinige Rekordhalter zu werden, fehlen Froome noch zwei Gesamtsiege. Mit Eddy Merckx, Jacques Anquetil, Miguel Indurain und Bernard Hinault gibt es gleich vier Fahrer, die das prestigeträchtigste Rennen im Radsport fünfmal für sich entscheiden konnten.

Anzeige

Froome will noch zwei Tour-Siege

Für Froome rückt das Ziel vom nächsten Tour-de-France-Sieg jedoch immer weiter in die Ferne. Mit 35 Jahren kann er zwar durchaus noch Rennen für sich entscheiden, die Historie zeigt aber, mit dem Tour-Sieg klappt es ab Mitte 30 in der Regel nicht mehr.

Als ältester Fahrer sicherte sich 1922 der Belgier Firmin Lambot im Alter von 36 Jahren und vier Monaten die Frankreich-Rundfahrt. Nach dem zweiten Weltkrieg schaffte es überhaupt niemand mehr, mit mehr als 34 Jahren in Paris ganz oben zu stehen (zuletzt Cadel Evans).

DAZN gratis testen und Sport-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE 

Zu seinem fortschreitenden Alter kommt nun eine zweite große Veränderung: Nach zehn Jahren ist die Ära des Briten beim Team Ineos (vormals Sky) vorbei. "Der laufende Vertrag von Chris läuft im Dezember aus und wir haben die Entscheidung getroffen, den Vertrag nicht zu verlängern", teilte Teamchef Dave Brailsford am Donnerstag mit und sorgte für einen Paukenschlag im Radsport.

Bernal und Thomas vorne

Dennoch, so ganz überraschend kam die Ankündigung nicht. Bei Ineos ist der viermalige Tour-Sieger nicht mehr die Nummer eins. Vorjahressieger Egan Bernal und der Champion von 2018, Geraint Thomas, haben dem alternden Star inzwischen den Rang abgelaufen.

Chris Froome durfte viermal bei der Tour de France jubeln
Chris Froome durfte viermal bei der Tour de France jubeln © Imago

Für drei Alphatiere ist da kein Platz.

"Angesichts seiner Leistungen in diesem Sport ist Chris verständlicherweise daran interessiert, im nächsten Kapitel seiner Karriere die alleinige Teamleitung zu übernehmen - was wir ihm zum jetzigen Zeitpunkt nicht garantieren können", machte Brailsford die Problematik deutlich.

Bei seinem neuen Team Israel Start-Up Nation (ehemals Katusha-Alpecin), bei dem er es unter anderem mit Rick Zabel und Andre Greipel zu tun bekommt, wird ihm die Rolle als Kapitän hingegen garantiert. "Chris ist der beste Fahrer seiner Generation und wird unser Aufgebot bei der Tour de France und den großen Rundfahrten anführen. Wir hoffen, gemeinsam mit Chris Geschichte schreiben zu können", äußerte ISN-Co-Eigentümer Sylvan Adams große Ambitionen.

Viele Skandale bei Sky

Und auch Froome selbst äußerte sich dankbar. "Es war ein phänomenales Jahrzehnt mit dem Team, wir haben zusammen so viel erreicht und ich werde die Erinnerungen immer schätzen. Ich freue mich auf neue Herausforderungen in der nächsten Phase meiner Karriere."

Jetzt die Spielewelt von SPORT1 entdecken - hier entlang! 

Für den in Kenia geborenen Froome ist der Wechsel zu einem neuen Team nur folgerichtig. Nicht nur, weil mit Milliardär Sylvan Adams bei ISN viel Geld auf ihn wartet.

Vor allem kann er versuchen, das angekratzte Image seiner Sky-Zeit abzuschütteln. Zwar holte er sich neben den vier Tour-Siegen auch Triumphe beim Giro d'Italia und der Vuelta, an Skandalen mangelte es aber nicht.

Bei der Vuelta 2017 gab er eine positive Dopingprobe ab, im Nachhinein wurde er aber unter verdächtigen Umständen dennoch freigesprochen. Zudem machte er sich vor allem in den traditionellen Radsport-Ländern mit seiner wenig kompromissbereiten Art unbeliebt.

Meistgelesene Artikel

Froome erlitt viele Verletzungen

In Erinnerung bleiben dabei Szenen, als der Brite von Zuschauern angespuckt und mit Urin beschüttet wurde. Auch für Ineos ist es wohl ein Versuch, sich von den Sky-Zeiten ein wenig abzuwenden und nach vorne zu schauen.

Zuletzt machte Froome hauptsächlich mit Verletzungen auf sich aufmerksam. 2019 verunglückte er bei einer Streckenbesichtigung, als er von einer Windböe erfasst wurde und mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Hauswand prallte. Dabei erlitt er unter anderem Brüche des Oberschenkels, der Hüfte und mehrere Rippen. Nach einer OP wurde er sogar auf die Intensivstation verlegt. Für seine Nummer-1-Stellung bei Ineos waren diese Ereignisse sicher wenig hilfreich.

Inzwischen geht es "Froomey" wieder gut. Ob er allerdings sein Ziel von noch zwei Tour-Siegen erfüllen kann, bleibt mehr als nur fraglich. Vielleicht ist der einstige Dominator tatsächlich ein Auslaufmodell.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image