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2015 French Open - Day Ten Der Center Court der French Open ist nach dem französischen Tennis-Funktionär Philippe Chatrier benannt
2015 French Open - Day Ten Der Center Court der French Open ist nach dem französischen Tennis-Funktionär Philippe Chatrier benannt © Getty Images
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Philippe Chatrier legt als Funktionär den Grundstein für das moderne Tennis. Die French Open ehren seine Lebensleistung, indem sie den Center Court nach ihm benennen.

Meistens sind Stadien nach berühmten Sportlern benannt, die dort ihre Spuren hinterlassen haben oder in einer anderen Art und Weise mit diesem Ort verbunden sind. Der Center Court der French Open bildet da eine Ausnahme.

Zwar war sein Namensgeber Philippe Chatrier als Sportler aktiv und wurde 1948 bis 1950 als Reservespieler des französischen Davis Cup-Teams berufen. 1969 war er sogar dessen Kapitän. Aber das allein rechtfertigt nicht die Ehre, die ihm mit der Widmung des wichtigsten Tennisplatzes in Frankreich zuteil wird.

Chatrier - der Funktionär und Visionär

Er hatte sich diese Ehre mit seiner Arbeit als Funktionär und Visionär verdient. Er erweckte das französische Tennis aus seinem Dornröschenschlaf und brachte den weißen Sport auch international wieder auf die öffentliche Bühne. Vor allem die Wiederaufnahme von Tennis in das Programm der Olympischen Spiele und die Stärkung des französischen Tennisstandortes sind seine wichtigsten Errungenschaften.

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Bereits während seiner aktiven Zeit baute Chatrier, der als sehr geselliger Typ bekannt war und fließend Englisch sprach, ein weitreichendes Netzwerk an Freunden und Vertrauten in der gesamten Tenniswelt auf. Dies sollte ihm in seiner Funktionärszeit zu Gute kommen.

Mit strategischem Geschick zum Erfolg

Aber der Mann aus Créteil vor den Toren Paris' konnte nicht nur gut mit Menschen umgehen, er hatte auch strategisches Verständnis. 1953 gründete er mit Tennis de France seine eigene Zeitschrift und nutzte diese fortan, um Missstände im aktuellen Tennis anzuprangern. Dazu benutzte er das Magazin als Sprachrohr seiner eigenen Visionen.

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Vor allem die Unterscheidung in Amateure und Profis war Chatrier ein besonderer Dorn im Auge. In den USA hielt der Promoter Jack Kramer das Profi-Tennis in den 1950ern am Leben. Mit ihm stand der Franzose immer stärker im Austausch und verzweifelte zunehmend an den Zuständen. So berichtete Kramer von der absurden Situation, dass die besten Amateurspieler in den USA unter der Hand Zahlungen erhielten, damit sie ihren Amateurstatus nicht verlieren.

Veränderung nur von innen

Chatrier wollte jedoch, dass der weiße Sport floriert und auf der ganzen Welt gestärkt wird. Dies ging aber nur mit hochkarätigen Wettkämpfen, an denen regelmäßig die besten Spieler der Welt teilnahmen. Dafür musste die Unterscheidung zwischen Amateuren und Profis endlich abgeschafft wird. Doch er scheiterte mit seinen Vorstößen in schöner Regelmäßigkeit an der Sturheit der Amateurverbände, die Angst hatten, ihre Privilegien und Prestige zu verlieren.

Mit der Zeit kam er zu der Erkenntnis, dass er das System nur von innen reformieren konnte. Ein Vorhaben, an dem der Ehrenpräsident der Französischen Tennis-Föderation, Jean Borotra, ebenfall schon mehrfach gescheitert war. Das Mitglied der legendären "Vier Musketiere" der 1920/30er Jahre hatte vor dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Grand Slams für Frankreich gewonnen. Aber selbst diese Legende des französischen Tennis war nicht in der Lage, sich gegen die mächtigen Regionalpräsidenten durchzusetzen und ein "offenes" Tennis zu etablieren.

Lobbyarbeit bei den Funktionären

Hier kam wieder das strategische Talent Chatriers zum Tragen. Als Borotra das Ende seiner Präsidentschaft ankündigte, überredete er seinen Freund Bernard, zu kandidieren. "Du wirst leicht gewinnen und kannst dann den Sitz für mich warmhalten. Dies wird mir die Zeit geben, herumzureisen und die Regionalpräsidenten umzustimmen", überzeugte er Bernard von seinem Plan und fungierte während dessen Amtszeit als Vize-Präsident.

Der Plan ging auf. Nach fünf Jahren räumte Bernard wie geplant seinen Platz und machte den Weg frei für seinen Freund. Der gewann die Wahl 1973 mit Leichtigkeit und hatte in den Jahren zuvor die Regionalpräsidenten einem nach dem anderen auf seine Seite gezogen. "Als ich meine Elefanten in der Schlange hatte, gab es weniger Probleme", erinnerte er sich rückblickend an diese Zeit.

Open Era bei den French Open

Doch schon während seiner Vize-Präsidentschaft war Chatrier in Bezug auf Amateure und Profis aktiv. 1968 wurde die Open Era im Tennis ausgerufen und Chatrier nahm diese Chance sofort wahr. Er machte sich dafür stark, dass sich die French Open direkt für Profis öffneten. So wurde der erste Grand Slam-Sieger der Open Era in Paris gekürt. Der Australier Ken Rosewall konnte sich bei den French Open die Krone aufsetzen.

Aber die Übernahme der Präsidentschaft war der endgültige Startschuss für seine Modernisierungsmaßnahmen. Er wollte den weißen Sport auf der ganzen Welt voranbringen und gleichzeitig auch den heimischen Tennisstandort stärken.

Dafür kämpfte er an zwei Fronten. Einerseits setzte er alles daran, dass Tennis wieder in das Olympische Programm aufgenommen wird. Andererseits sollten die French Open im internationalen Tennis gestärkt werden.

Tennis wird wieder Olympisch

Um für die Wiederteilnahme an den Olympischen Spielen zu kämpfen, ließ sich Chatrier zum Präsident der International Tennis Federation (ITF) wählen. Seinem Einsatz und seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass 1988 das Ziel erreicht wurde. Bei den Olympischen Spielen in Seoul wurde auch im Tennis nach 64 Jahren endlich wieder um Edelmetall gespielt. Seitdem ist Tennis fester Bestandteil der Olympischen Sommerspiele und alle vier Jahre ein Highlight im Tenniskalender.

Ausbau von Roland Garros

Sein anderes Projekt war die Stärkung des heimischen Tennis'. Dafür war der Ausbau der French Open und des Stade Roland Garros unabdingbar. Er kaufte mehrere Rugbyplätze in direkter Nachbarschaft auf und ließ dort den heutigen Court Suzanne Lenglen erbauen, der 1994 eröffnet wurde. Dazu zentralisierte er das Training für die besten französischen Spieler und ließ Hallenplätze bauen, um ein ganzjähriges Training zu ermöglichen.

In seiner Amtszeit hat sich die Fläche des Komplexes verdoppelt und die Anzahl der Plätze ist von acht auf 23 gestiegen.

Roland Garros ehrt Chatrier

1993 schied Chatrier aus seinem Amt als Präsident der Französischen Tennis-Föderation aus. Bereits 1992 wurde er für seine Verdienste um den internationalen Tennissport in die International Tennis Hall of Fame aufgenommen.

Philippe Chatrier verstarb am 23. Juni 2000 in Dinard. Frankreich würdigte den Vater des modernen französischen Tennis', indem es den Center Court von Roland Garros nach ihm benannte - der Court Philippe Chatrier.

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