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München - Ausgerechnet Nick Kyrgios präsentiert sich in Coronazeiten als Stimme der Vernunft. Der Australier watscht Alexander Zverev ab - und legt sich mit Boris Becker an.

Milwaukee Bucks, Boston Celtics und Philadelphia 76ers: Mit den Trikots dieser drei NBA-Teams hat Nick Kyrgios in den vergangenen Tagen trainiert.

Bei der Auswahl seiner NBA-Jerseys verhält sich der australische Bad Boy und Celtics-Fan ähnlich sprunghaft wie auf dem Tenniscourt. Dort wechseln sich Genialität und unerklärliche Aussetzter permanent ab.

Von Schiedsrichter- und Zuschauerbeschimpfungen über zerstörte sowie geworfene Schläger und Stühle bis hin zu den vergessenen Tennisschuhe - Kyrgios ist für vieles gut.

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Weil aber auch der ATP bewusst ist, dass er großes Star-Potenzial besitzt, kam der  25-Jährige bisher mit der einen oder anderen milden Strafe davon. In der Hoffnung auf Besserung oder dass sich Kyrgios zumindest zu einer Art moderner John McEnroe wandelt, bei dem Erfolge und Ausraster Hand in Hand gehen.

Kyrgios hilft Bedürftigen in Corona-Krise

Immerhin bewies Kyrgios zuletzt, dass er nicht nur eine große Klappe hat. Anfang des Jahres leistete er aktiv Mithilfe bei den Buschfeuern in Australien, initiierte ein Benefizspiel für die Opfer sowie Helfer und versorgte im April während der Coronakrise Bedürftige mit Lebensmitteln.

Im Vergleich dazu geben viele andere Spieler in Pandemiezeiten ein deutlich schlechteres Bild ab - und Kyrgios ist der einzige richtig prominente ATP-Spieler, der sie dafür auch offen kritisiert.

Mehr noch: Ausgerechnet das sonstige Enfant terrible wird in diesen Tagen nach Meinung vieler zur Stimme der Vernunft.

Kyrgios, der Kritik an Spielerkollegen bereits vor Corona zu seinen liebsten Hobbys zählte und mit Vorliebe gegen Novak Djokovic und Rafael Nadal stichelte, watschte neben den Organisatoren der US Open zuletzt vor alle den Djoker ab. Dessen im Infektionschaos endende Adria Tour nannte er eine "idiotische Entscheidung".

Zoff zwischen Kyrigos und Becker

Dass Kyrgios ständig offen gegen seine Spielerkollegen austeilt, kommt allerdings nicht bei allen gut an. Erst am Dienstag kam es zu einem Scharmützel mit Boris Becker. Die deutsche Tennis-Ikone zeigte sich verärgert darüber, dass der Australier den auf einer Party feiernden Alexander Zverev öffentlich kritisiert hatte.

"Ich mag keine Ratten. Jeder, der andere Sportler beschimpft, ist kein Freund von mir! Wenn Du in den Spiegel schaust, glaubst Du dann, Du bist besser als wir?", schimpfte Becker auf Twitter. Diese Ansicht teilte auch DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff, der Kyrgios empfahl, vor seiner eigenen Türe zu kehren.

Kyrgios konterte den Becker-Tweet umgehend: "Um Himmels Willen, Boris. Es geht mir nicht um einen Wettkampf oder darum, jemanden den Haien zum Fraß vorzuwerfen. Wir haben eine globale Pandemie und wenn jemand so dämlich ist, das zu tun, was Alex getan hat, dann werde ich es benennen. So einfach."

Zverev pfeift auf Isloation

Was es bei Zverev allerdings noch schlimmer macht und die Schelte von Kyrgios verstehen lässt: Der Hamburger hatte nach Beendigung der Adria Tour und den positiven Tests von Grigor Dimitrov, Borna Coric und Djokovic die am aufrichtigsten klingende Entschuldigung geschrieben und versichert, sich in Isolation zu begeben.

Zudem hatte Kyrgios kein heimlich gefilmtes Video geleaked, das ansonsten niemand zu Gesicht bekommen hätte. Im Gegenteil: Der Modedesigner Philipp Plein hatte es in seiner Instagram-Story gepostet und Zverevs Blick in die Handy-Kamera verrät, dass er sich der Aufnahme bewusst war. 

Kurzum: Bei Zverev, der nach der Adria Tour im Schatten von Djokovic relativ glimpflich davonkam, hatte die Kritik offenbar keine Wirkung erzielt. Womöglich hilft Kyrgios' öffentliche Rüffel von daher sogar, Zverev nun aufzurütteln, ehe dieser endgültig zum neuen Buhmann der Tennis-Szene mutiert.

US Open setzen auf verantwortungsbewusste Profis

Denn: Zverev und seine Kollegen gefährden mit ihren Verhalten auch die restliche Saison inklusive der US Open. Das Konzept in New York basiert schließlich vor allem auf das Verantwortungsbewusstsein der Spieler.

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Hierzu wochenlang in einer Art Quarantäne mit Aktueren zuzubringen, die sich offensichtlich nicht an Vorgaben halten können, dürfte weder Turnier-Mitarbeitern noch Spielern ein beruhigendes Gefühl geben. Und jeder weitere Teilnahmeverzicht eines Profis bringt das Turnier als Ganzes in Gefahr.

Besonders den Spielerinnen der WTA, die seit einigen Wochen rund um den Globus Schaukämpfe bestreiten und sich dabei deutlich vernünftiger präsentieren, beäugen das Gebaren der ATP-Kollegen genau.

Petkovic komentiert Tweet süffisant

Das zeigt nicht zuletzt der süffisante Tweet von Andrea Petkovic unter Bildern von Eugenie Bouchard zu den Schaukämpfen in Charleston: "Soweit ich das beurteilen kann, haben sich Tennisspielerinnen in diesen schwierigen Krisenzeiten bewundernswert verhalten, habe ich Recht?"

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Von zahlreichen ATP-Spielern kann man das nicht behaupten. Das gilt übrigens auch weiterhin für Kyrgios, der seine Video-Botschaft an Zverev ausgerechnet dann aufnehmen musste, als er am Steuer seines Wagens saß.

Kampflos will er die Rolle des Bad Boys Zverev wohl doch nicht überlassen.

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