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Mischa Zverev (r.) spielt desöfteren mit seinem Bruder Alexander Doppel
Mischa Zverev (r.) spielt desöfteren mit seinem Bruder Alexander Doppel © Getty Images
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München - Mischa Zverev verfolgt die US-Open-Spiele seines Bruders vor dem TV. Im SPORT1-Interview verrät er, über was sich beide unterhalten und was er Alexander zutraut.

Alexander Zverev hat deutsche Tennis-Geschichte geschrieben! Der 23-Jährige steht nach seinem Viersatzsieg gegen den Kroaten Borna Coric als erster Deutscher nach Boris Becker im Jahr 1995 im Halbfinale der US Open. 

Nach der Disqualifikation von Topfavorit Novak Djokovic und der Abwesenheit von Rafael Nadal sowie Roger Federer ist die Chance der deutschen Nummer eins auf den ersten Grand-Slam-Sieg seiner Karriere so groß wie nie zuvor. 

Eine der wichtigsten Bezugspersonen im Leben des Alexander "Sascha" Zverev ist dessen um zehn Jahre älterer Bruder Mischa. Dieser ist seit gut 15 Jahren als Profi auf der Tennis-Tour unterwegs (Spielplan und Ergebnisse der US Open 2020). 

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In der Vergangenheit unterstützte Mischa seinen Bruder bei den Grand-Slam-Turnieren meist aus nächster Nähe. Dies ist ihm in diesem Jahr wegen der härteren Auflagen aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie nicht möglich. 

So zittert er bei Saschas Spielen nervös und angespannt vor dem Fernsehgerät mit. Zudem telefonieren die beiden Brüder täglich miteinander. In New York gehört auch Mischas Trainer Mikhail Ledovskih zu Saschas Betreuerstab. 

Vor dem Halbfinalspiel seines Bruders gegen Pablo Carreno Busta (ab 22 Uhr im LIVETICKER) sprach Mischa Zverev im SPORT1-Interview unter anderem über die bisherigen Leistungen von Alexander Zverev und verriet, was für seinen Bruder im weiteren Turnierverlauf noch möglich ist. 

SPORT1: Herr Zverev, Ihr Bruder kostet Sie gerade wahrscheinlich viele Nerven. Wie gut haben Sie nach seinem Viertelfinalsieg gegen Borna Coric geschlafen?

Mischa Zverev: Hervorragend! Es war am Ende ein schöner Abend für mich. Satz zwei und drei waren schon sehr nervenaufreibend. Er hat es ja noch einmal umgedreht. Im vierten Satz habe ich gemerkt, dass Coric vom Körper oder Kopf her etwas müde wurde und Sascha den Sack zumachen kann. Das hat er dann auch getan. Ich war stolz. Das hat mir sehr gut gefallen.

Zverev: Sascha ist reifer geworden

SPORT1: Sascha wirkt in den Tagen von New York sehr locker, aber gleichzeitig gereift. Wie ist Ihr Eindruck?

Zverev: Ich weiß nicht, wie locker man während eines Grand-Slam-Turniers sein kann.  Da merkt man die Anspannung, egal in welcher Runde man spielt oder wie glatt man gewinnt. Das ist ein großes Ereignis. Wenn er es locker rüberkommen lässt, ist es umso schöner. Hut ab! Ich weiß, dass es schon etwas Großes für ihn ist. Er war schließlich noch nie bei den US Open im Halbfinale. Das ist schon eine große Leistung von ihm. Man weiß, dass Novak Djokovic nicht mehr dabei ist. Roger und Rafa sind auch nicht da. Es wird einen neuen Grand-Slam-Sieger geben. Man merkt, dass die Chance auf den Turniersieg wächst - es wächst aber auch der Druck. Sascha sagt immer, dass er nicht sein bestes Tennis spielt und er nicht mag, wie er zum Beispiel die Rückhand trifft. Was ich gut finde ist, dass er immer wieder eine Lösung findet. Er hatte komplizierte und schwierige Gegner. Obwohl er nicht sein bestes Tennis gespielt hat, hat er immer in drei oder vier Sätzen gewonnen. Früher hat man immer gesagt: 'Sascha spielt immer gerne lange Fünf-Satz-Matches'. Er ist in dem Sinne reifer geworden, er hat das Ziel vor Augen und weiß auch, wie er dort hinkommt. Das hat er bisher gut gemacht, das ist ein schönes Zeichen und gibt mir viel Hoffnung für dieses Grand-Slam-Turnier und auch die nächsten.

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SPORT1: 2020 war bisher nicht das leichteste Jahr für Ihren Bruder. Er stand in den Negativschlagzeilen. Sein Verhalten während der Corona-Krise und die angebliche Trennung von seiner Freundin. Kann er das momentan alles ausblenden?

Zverev: Diese Frage müsste man eigentlich Sascha stellen. Wenn man sich die Ergebnisse auf dem Platz ansieht, scheint er es gut zu packen. In den Vorjahren hat er sehr, sehr gut direkt vor dem Grand Slams gespielt mit Siegen in Rom und Montreal und dann bei den Grand Slams nicht so gut. Das ist in diesem Jahr komplett umgekehrt. Ich habe kürzlich eine Statistik auf Instagram gesehen. Sascha hat demzufolge auf der ATP-Tour in diesem Jahr nur ein Spiel gewonnen, bei den Grand Slams aber zehn. Fakt ist, dass wenn er die Woche vor dem Grand Slam nicht so gut spielt, dann bemüht er sich noch mehr, hat mehr Ehrgeiz, verbringt eine oder zwei Extrastunden auf dem Trainingsplatz, analysiert das Spiel der Gegner und will dann umso mehr. Das war schon in Australien so und jetzt eben wieder. Das ist auch ein Zeichen, dass er reifer und noch disziplinierter ist.

SPORT1: Sascha hat in David Ferrer einen neuen Trainer. Zu ihm hat er, obwohl Ferrer nicht vor Ort in New York ist, sehr regelmäßig Kontakt. Sehen Sie in Saschas Spiel schon eine Handschrift von Ferrer? Dieser war als Spieler nervenstark und hatte sich auch immer im Griff.

Zverev: Schwer zu sagen. Sie haben einige Wochen zusammen verbracht, aber keine gemeinsamen Turnierwochen. Sascha ist jetzt mit meinem Trainer in Amerika. Deswegen kann man schlecht sagen, welche Handschrift erkennbar ist. Fakt ist, dass es momentan so funktioniert. Das soll er so lassen. Ich hoffe, dass es noch zweimal funktioniert.

Späße über das Leben in der Bubble

SPORT1: Wie empfindet Sascha den Tagesablauf unter den schweren Bedingungen in der Bubble in New York?

Zverev: Wir machen immer Späße darüber, wie voll das Stadion ist, ob er schon in Manhattan oder wo er gut essen war. Ich glaube einen Riesenunterschied gibt es nicht unbedingt. Wenn man bei einem Grand Slam gut spielt, ist man sowieso nur auf das Hotelzimmer und die Anlage fixiert. Sightseeing macht man eh nicht während des Turniers. Was ich gehört habe, hat die USTA im Hotel und auf der Anlage Spielräume eingerichtet. Sascha hat zwar ein kleineres Team als sonst bei den US Open um sich. Zusammen sind sie dennoch sechs Leute. So ganz einsam ist er nicht. Vielleicht ist die momentane Situation nicht so schlecht, da man sich nur auf das Wesentliche fokussiert.

SPORT1: Ist es also ein Vorteil, dass er in dieser großen Stadt nicht so abgelenkt ist?

Zverev: Man verliert definitiv weniger Energie, wenn man am Abend nicht im Verkehr sitzt oder überlegt, wo man jetzt noch eine Reservierung in einem Restaurant bekommt. Egal welche Umstände, es wird immer einen Sieger geben. Der wird dann sagen, dass es für ihn perfekt war. Woran es nun wirklich lag, wird man nie erfahren.

SPORT1: Bedauern Sie, den Siegeszug Ihres Bruders nur aus der Ferne verfolgen zu können?

Zverev: Bedauern auf keinen Fall. Ich freue mich für Sascha. Wir haben im Vorfeld gemeinsam überlegt, wer mit ihm nach New York fliegen soll. Ich habe gesagt, dass ich glücklich bin, wenn mein Trainer mitgeht. Ich glaube an meinen Trainer und ich glaube an Sascha. Ich weiß, dass mein Trainer ihm helfen kann. Deswegen bin ich superstolz auf beide und die ganze Mannschaft. Ich genieße von außen. Ich finde es angenehm, nur Zuschauer zu sein. Es ist bei einem Turnier schon sehr stressig. Man spürt den Druck auch als Trainer oder Teil des Teams. 

Der stärkste im Kopf wird gewinnen

SPORT1: Was ist im weiteren Turnierverlauf für Sascha noch drin?

Zverev: Wenn nur noch vier Spieler im Turnier sind, ist für alle viel drin. Ich denke, dass Dominic Thiem die meiste Erfahrung hat. Er stand schon in drei Grand-Slam-Finals. Medvedev war vergangenes Jahr im Finale. Die kennen die Situation also schon. Sascha hat aber schon einige Masters-Turniere gewonnen und alle Spieler geschlagen. Das wird ein enges Ding. Der kopfstärkste wird gewinnen.

SPORT1: Wie wird der große Coup gelingen? Worin muss sich Sascha noch steigern?

Zverev: Sascha ist ein unglaublich guter Spieler. Er kann sich aber in vielen Bereichen noch steigern. Dazu gehören die Volleys und der Rückhand-Slice. Den hat er schon verbessert, er ist aber noch immer nicht 'sensationell'. Viele sagen, dass die Vorhand etwas schwächelt. Seiner Meinung nach trifft er die Rückhand nicht mehr so wie früher. Wenn man sich das alles anhört, könnte man denken: Der spielt gerade nicht besonders gut. Das Ergebnis zeigt, dass er trotzdem ganz erfolgreich sein kann. Er steht im Halbfinale der US Open. Er hat gut gespielt, weil er die richtigen Lösungen gefunden hat. Tennis ist mehr, als nur einen guten Schlag haben. Er war im Kopf sehr stark, physisch stark und hat taktisch immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Wenn er jetzt noch die Rückhand besser fühlt oder den zweiten Aufschlag, ist er fast unschlagbar. Er hat enormes Potenzial.

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