Lesedauer: 6 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Lionel Messi soll einen Abgang vom FC Barcelona planen. Realer Wille oder Druckmittel? Sicher ist: Für die Katalanen wäre ein Verlust äußerst schmerzlich.

Tabula Rasa beim FC Barcelona.

Nach der enttäuschenden Saison – der ersten seit sechs Jahren ohne Titel, die in der desaströsen 2:8-Niederlage im Viertelfinale der Champions League gegen den FC Bayern München gipfelte - soll bei den Katalanen kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

Trainer Quique Setién ist weg, Sportdirektor Éric Abidal auch. Künftig soll Ronald Koeman den Umbruch bei den Katalanen einleiten. Wie lange der ehemalige Bondscoach dazu die Chance erhält, ist allerdings unklar. Victor Font kündigte an, im Fall seiner Wahl zum Präsidenten im März 2021 den Trainer entlassen und Vereinslegende Xavi als Nachfolger installieren zu wollen.

Anzeige

DAZN gratis testen und internationale Fußball-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Über allem schwebt bei den Katalanen jedoch die Frage nach der Zukunft von Lionel Messi. Der Argentinier zeigte sich nach der Katastrophen-Saison äußerst verärgert, es machten verstärkt Wechselgerüchte die Runde.

Meistgelesene Artikel

Treffen von Messi und Koeman

Der katalanische Radiosender RAC 1 berichtete am Donnerstag bereits von einem ersten Treffen von Messi mit Koeman. Dabei soll Messi zu verstehen gegeben haben, dass er sich eher einen Wechsel als einen Verbleib in Barcelona vorstellen könne. Der 33-Jährige habe zudem seinen Unmut über die aktuelle Situation kundgetan. Laut Esporte Interativo soll er sogar bereits um Freigabe gebeten haben. Die Kontaktaufnahme interessierter Top-Vereine wie Inter Mailand und Paris Saint-Germain folgte angeblich prompt.

Wechselgerüchte gab es in der Vergangenheit schon häufiger, auch wenn Barcelona-Präsident Josep Bartomeu erklärte, der Argentinier wolle seine Karriere in Barcelona beenden. Doch Messi will auch um internationale Titel mitspielen, das scheint mit der aktuellen Mannschaft der Katalanen undenkbar zu sein.

Doch wie realistisch ist ein Messi-Wechsel?

Sein Vertrag bei den Katalanen läuft noch bis 2021, per Klausel hätte er auch in diesem Sommer ablösefrei gehen können. Diese ließ er jedoch verstreichen. Die Ausstiegsklausel Messis liegt bei 700 Millionen Euro. Möglicherweise würde Barcelona einem Verein ablösetechnisch entgegenkommen. (Marktwert laut transfermarkt.de: 112 Millionen Euro)

Dennoch erscheint ein Messi-Abgang in diesem Sommer auch aus einem anderen Grund unwahrscheinlich – Messis astronomisches Gehalt.

Messi kassiert dreistelliges Millionengehalt

Wie Football Leaks 2018 aufdeckte, verdient der 33-Jährige in Barcelona jährlich die unfassbare Summe von über 100 Millionen Euro brutto – und das ohne Prämien. Darunter fallen neben Grundgehalt auch die Bildrechte und ein Vertrag mit Messis Stiftung in Barcelona.

Ein Verein müsste also ein Wechselpaket in schwindelerregender Höhe schnüren, um einen Transfer des viermaligen CL-Siegers in diesem Sommer zu stemmen. In Zeiten der Coronakrise ist das äußerst fraglich. Lediglich Scheich-Klubs wie Paris Saint-Germain oder die Citizens könnten möglicherweise in der Lage sein, diese Summen in dieser Transferperiode zu realisieren, eventuell auch Inter, das Wechselgerüchte um den Argentinier zuletzt öffentlich schürte.

Im kommenden Jahr sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Dann ist Messi – Stand jetzt – zum Nulltarif zu haben. Vorausgesetzt der Markt wird von der Coronakrise in der kommenden Saison nicht noch weiter nach unten gedrückt, könnten im Sommer 2021 durchaus einige Topklubs in der Lage sein, den mehrmaligen Weltfußballer zu verpflichten, sofern sie das horrende Gehalt des Argentiniers aufbringen können.

Wechselwunsch als Druckmittel?

Letztendlich stehen und fallen alle Spekulationen mit der entscheidenden Frage: Will Messi wirklich weg? Oder nutzt er den angeblichen Wechselwillen als Druckmittel gegen die Katalanen?

Der 33-Jährige ist sich vollkommen bewusst, dass er den spanischen Vizemeister nahezu in der Hand hat. Der Wert Messis geht für Barcelona weit über das sportliche hinaus. Ohne ihn verlieren die Katalanen quasi ihre Identität. Auch die Fans würden bei einem Wechsel ihres Superstars auf die Barrikaden gehen.

Zum einen könnte Messi sich den kolportierten Wechselwunsch in Sachen Vertragsverhandlung zu Nutze machen. Was für den mehrmaligen Weltfußballer aber noch wichtiger sein dürfte, ist die zukünftige Ausrichtung der Mannschaft – und des Vereins.

Was wird aus Bartomeu?

Präsident Bartomeu gilt für viele als mitschuldig an der Misere, unter seiner Führung ging es mit dem spanischen Vizemeister immer weiter bergab. Anfang des Jahres machte zudem die als "Barca-Gate" bezeichnete Social-Media-Affäre negative Schlagzeilen. Eine vom Verein beauftragte Firma hatte in den sozialen Netzwerken aktuelle und ehemalige Spieler – darunter auch Messi - sowie andere Personen aus dem Umfeld des Klubs diffamiert. Bartomeu bestritt allerdings, Auftraggeber gewesen zu sein.

Ob Bartomeu bei der kommenden Präsidentschaftswahl noch einmal kandidiert, ist unklar. Die Wahl der Katalanen sollte ursprünglich im Sommer 2021 stattfinden, wurde allerdings auf März vorgezogen. Möglicherweise damit Messi rechtzeitig Bescheid weiß, wie es um die Zukunft seines Herzensvereins bestellt ist.

Neben der Umstrukturierung auf Vereinsebene muss Trainer Koeman den sportlichen Umbruch vorantreiben. Außer einer Hand voll Spieler steht der gesamte Barca-Kader zum Verkauf, Koeman soll eine jüngere, hungrigere Truppe zusammenstellen.

Doch viel Geld hat er nicht zur Verfügung, im Gegenteil: Barcelona muss sogar Geld einsparen, da die von der spanischen La Liga auferlegte Gehaltsobergrenze aufgrund der gesunkenen Einnahmen zur neuen Saison niedriger ausfallen wird. Von einem Abgang Messis will der Niederländer nichts wissen: "Messi ist der beste Spieler der Welt. Er kann Spiele gewinnen, du willst ihn natürlich in deinem Team haben."

Die Verantwortlichen der Katalanen sind in den kommenden Monaten sicher nicht zu beneiden. Einerseits müssen sie den längst überfälligen Umbruch einer überalterten Mannschaft durchführen, gleichzeitig jedoch ihren Superstar bei Laune halten.

Denn eines steht fest: Ein Abgang Messis, möglicherweise sogar zum Nulltarif, wäre für den Traditionsklub aus Katalonien ein schmerzvoller Verlust – in vielerlei Hinsicht.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image