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München - Gardner Minshew erobert mit Klasse und kultigem Auftreten für die Jaguars die NFL im Sturm. Sein Aufstieg ist nicht zuletzt einer College-Legende zu verdanken.

Ryan Fitzpatrick hat seinen legitimen Nachfolger als Kult-Quarterback der NFL gefunden.

Während beim Routinier im Rentnerparadies Florida die "Fitzmagic" in dem brennenden Müllcontainer, der einst als Miami Dolphins bekannt war, zu "Fitztragic" verkommt, rockt Gardner Flint Minshew II die NFL.

Aber wer ist dieser Schnurrbart tragende, sich lediglich im Suspensorium stretchende Rookie, der den Jacksonville Jaguars ihren zweiten 0:3-Start innerhalb von drei Jahren erspart hat?

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"Mit mehr Zeit wird er sicher noch besser sein, aber er ist ein großartiger Spieler. Es gibt viele Spieler in der Liga, die nicht so gut auf die NFL vorbereitet sind wie er - einige werden das nie sein. Er wird produktiv sein, denn er ist schlau und lernt sehr schnell", lobt Minshews Mentor und College-Coach Mike Leach, der ihn an der Washington State für die NFL vorbereitete.

Ein Anruf verändert Minshews Leben

Dieses Duo hat sich offenbar gesucht und gefunden, denn Leach ist das Coaching-Äquivalent zu Minshew: Man wird in der gesamten Football-Welt keinen ähnlich genial-verrückten Menschen wie den "Piraten" finden.

Im März 2018 klingelte Minshews Telefon, er sah die Vorwahl und sagte zu seiner Mutter: "Das ist vielleicht Mike Leach." Minshew bewunderte dessen spektakuläres "Air Raid"-Konzept, eine auf Passfeuerwerk ausgelegte Spielweise mit vielen Receivern und schnellen Würfen.

Jenes von Leach und seinem Mentor Hal Mumme entwickelte System hat den High-School- und College-Football bereits tiefgreifend geprägt und fasst nun nicht zuletzt dank Leach-Schüler Kliff Kingsbury (Arizona Cardinals) auch in der NFL Fuß.

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"Air Raid" entert NFL - Todesfall eröffnet Minshew seine Chance

Kingsbury war einst Leachs Quarterback bei den Texas Tech Red Raiders, dort kultivierte Leach auch die Persönlichkeit des Piraten. Minshew war vom ersten Gespräch an begeistert, sagte sofort zu und gab unter anderem der NFL-Fabrik Alabama einen Korb.

Leach hatte nach dem Selbstmord seines Spielmachers Tyler Hilinski kurzfristig einen Quarterback gesucht, die Empfehlung kam von Mumme, der damals in Minshews Heimatstaat Mississippi arbeitete: "Nach der Tragödie rief Mike mich an. Ich sagte ihm, die haben hier diesen Jungen..."

Als Minshew dann im Herbst vergangenen Jahres im verschlafenen Pullman, im südöstlichen Washington an der Grenze zu Montana gelegen, aufschlug, hatte er bereits ungefähr 30 Trainingseinheiten mit Mumme bestritten, um das System zu lernen – jeweils ab fünf Uhr in der Früh wurde trainiert.

"Ungeschliffener Diamant"

Kuriose Geschichten zur neuen Schnurrbart-Ikone der Liga gibt es reichlich.

Minshew lieferte sich Ringeinlagen mit rieseigen Fischen, schlenderte beim Feiern einen ganzen Abend lang mit einer großen Whiskeyflasche im Hosenbund durch die Nacht und klebte seinem College-Coach während eines TV-Interviews einen Fake-Schnurrbart ins Gesicht.

Man sollte sich aber von seinen stylischen Outfits mit bis zum Bauchnabel offenen Hemden nicht täuschen lassen: Minshew ist ein extrem zielstrebiger und ehrgeiziger junger Mann.

An der High School stellte er reihenweise Rekorde auf, aber weil die Universität von Alabama in Birmingham ihr Football-Programm einstellte, stand er plötzlich ohne College-Angebote da. Nach einem kurzen Intermezzo bei Troy kam er zurück nach Mississippi und gewann kurzerhand die nationale Junior-College-Meisterschaft – mit 28 Touchdowns bei nur fünf Interceptions.

"Ich wusste sofort, er ist ein ungeschliffener Diamant. Er ist vielleicht körperlich nicht extrem robust, aber das ist Drew Brees auch nicht. Aber er versteht jede Offense", sagt Mumme.

Nummer 178 im Draft

East Carolina holte Minshew 2016 in die höchste College-Klasse - als vierten Quarterback. In Woche fünf bekam er bereits seinen ersten Einsatz. Am Ende der Saison 2017 deutete er mit drei Spielen in Folge über 350 Passyards seine Klasse an.

Minshew ist ein Kämpfer, der so lange alles gibt, bis er seine Chance erhält. Diese Qualität ist in der NFL Gold wert. Nur so arbeitete er sich als Nummer 178 im Draft innerhalb eines Sommers zum Backup des ehemaligen Super-Bowl-Gewinners Nick Foles hoch.

"Viele Leute dachten, ich bekäme niemals diese Chance. Da ich sie jetzt habe, mache ich das Beste daraus", sagte der 23-Jährige nach dem Sieg über die Tennessee Titans am 3. Spieltag.

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Beste Rookie-Passquote seit 1970

Bereits bei seinem Debüt nach der Verletzung von Foles im 1. Saisonspiel hatte er mit 13 vollständigen Pässen in Folge einen NFL-Rekord für ein Debüt aufgestellt. Seine Passquote von 88 Prozent war die höchste der Jags-Historie.

Nach drei Spielen steht seine Quote immer noch bei herausragenden 74 Prozent – die höchste eines Neulings zu diesem Zeitpunkt seit dem NFL-Zusammenschluss 1970. Seinen fünf Touchdowns steht nur eine Interception gegenüber.

Großvater wollte ihn Beowulf nennen

Zu verdanken ist dies auch dem einen Jahr für Washington State unter Leach. Quarterbacks aus diesem System hatten in der NFL nie viel Erfolg, aber Minshew, den sein Großvater eigentlich Beowulf nennen wollte, ist kein gewöhnlicher Quarterback.

Er hat die Fähigkeit, die Schwachstelle einer Defense schneller zu erkennen als andere. Seine vielen Wechsel in verschiedene Offensivsysteme über die Jahre half ihm, sich in Rekordzeit an die NFL anzupassen.

Washington State führte er so mit fast 4800 Passyards und 38 Touchdowns zur besten Bilanz ihrer Historie (elf Siege, zwei Niederlagen) und stellte diverse Rekorde auf.

Zudem hatte Leach selten einen Spielmacher mit seinem Wurfarm, der sicher von vielen Scouts etwas unterbewertet war.

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Außergewöhnliche Persönlichkeit

Seine schnelle Wurfbewegung ist optimal für die Jags-Offense unter John DeFlippo.

Außerdem sticht seine Persönlichkeit heraus. Daheim in Mississippi ist er ein Held, auch weil er sich immer Zeit für junge Fans und Quarterbacks nahm. An der Washington State trug er viel dazu bei, dass die Uni als Ganzes den Tod Hilinskis verarbeiten konnte.

In Jacksonville wird bereits zu jeder Angriffsserie sein Name skandiert. Fans mit falschen Schnurrbärten und seinem charakteristischen Stirnband flippen auf der Tribüne aus.

Natürlich muss Minshew noch zeigen, dass er kein One-Hit-Wonder ist. Aber jeder, der ihn kennt, würde nicht gegen ihn wetten.

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