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Michael Rösch (l.) hatte nach der WM Kontakt zu Erik Lesser (r.)
Michael Rösch (l.) hatte nach der WM Kontakt zu Erik Lesser (r.) © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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München - Biathlon-Olympiasieger Michael Rösch ordnet bei SPORT1 die deutsche WM-Bilanz ein - und Erik Lessers bitteres Desaster in der Staffel. Hier das Interview.

Die Biathlon-WM in Pokljuka ist beendet – und die deutschen Skijäger sind unter den selbst gesteckten Erwartungen geblieben.

Die Silbermedaillen für Arnd Peiffer im Einzel und die Frauen-Staffel um Franziska Preuß waren die einzigen Podestplatzierungen. In anderen Disziplinen gab es viele Enttäuschungen, vor allem Erik Lesser wurde zum tragischen Helden.

Wie kam es zu Lessers dramatischem Einbruch in der Staffel? Welche Lehren muss der DSV aus der mauen Bilanz ziehen?

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Michael Rösch, Olympiasieger mit der Staffel 2006 in Turin und heute als Biathlon-Experte für Sky tätig, hat dazu klare Meinungen. Im SPORT1-Interview zieht der 37-Jährige Bilanz und ordnet ein, wie gut die Aussichten auf eine bessere Zukunft sind.

SPORT1: Herr Rösch, die Biathlon-WM in Pokljuka endete mit nur zwei Medaillen für Deutschland. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Michael Rösch: Sie fällt natürlich ab im Vergleich zu großen Jahren wie 2017 mit sieben Goldmedaillen durch Laura Dahlmeier, Simon Schempp, Benedikt Doll und die Staffeln – aber auch zu den vier bis fünf Medaillen, die der DSV sich selbst zum Ziel gesetzt hat. Ich denke, alle sind selbstkritisch genug zuzugeben, dass zwei Medaillen zu wenig sind.

SPORT1: Was fiel in den einzelnen Disziplinen auf?

Rösch: Die Leistung der Frauen war alles in allem an sich ansprechend, bei den Männern liefen Sprint und Verfolgung natürlich desaströs, haben sie ja auch selbst so eingeordnet. Im Einzel hat Arnd Peiffer es dann rausgerissen, was er selber so gar nicht erwartet hatte. Trotzdem: Es muss schon eine größere Nachbesprechung geben, woran es gelegen hat, dass nicht mehr drin war.

SPORT1: Erik Lesser ist spätestens mit seinem Einbruch in der Staffel am Samstag zur tragischen Figur der WM geworden.

Rösch: Ja, leider. Aber ich hatte hinterher schon wieder Kontakt mit ihm. Es geht ihm gut.

Lesser hatte "Betonfüße und Betonarme"

SPORT1: Wie kann so ein dramatischer Leistungsabfall wie bei Lesser an diesem Tag passieren?

Rösch: Meine Vermutung war, dass er "sauer" war – also dass er mit Laktat voll war, eine riesige Sauerstoffschuld hatte. So war es auch, wobei er sich auch nicht erklären kann, wie genau es zu diesem Problem gekommen ist.

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SPORT1: Lesser war also machtlos gegen den eigenen Körper?

Rösch: Ja, genau. Ich habe das auch schon erlebt, man muss sich das so vorstellen: Du hast zwei Betonfüße, zwei Betonbeine und zwei Betonarme. Du kannst nichts mehr machen. Und dann kommt ja irgendwann noch die Komponente Kopf hinzu, du merkst, dass dich Läufer aus Nationen wie Rumänien überholen, die dich sonst nie überholen. Wenn du das erlebst, werden 2,5 Kilometer zur Endlosschleife.

SPORT1: Wie nachhaltig beschäftigt einen so ein bitteres Erlebnis bei einem so wichtigen Ereignis, gerade auch noch in der Staffel? Ist Erik Lesser ein Typ, der das wegstecken kann?

Rösch: Ich denke, das ist nach einem Tag abgehakt. Er hat schon jetzt seinen Humor wieder und mir bei WhatsApp mit einem lockeren Spruch geantwortet. In den Telefonaten mit ihm in letzter Zeit habe ich auch keinerlei Andeutung gehört, dass er ans Karriere-Ende denkt. Ich bin sicher, er kommt zurück – und stärker denn je.

Rösch "liegt Biathlon-Nachwuchs am Herzen"

SPORT1: Der beste deutsche männliche Biathlet im Weltcup, der nicht mindestens 30 Jahre alt ist, ist Roman Rees, der im März 28 Jahre alt wird. Was ist die Erklärung für die große Nachwuchs-Lücke dahinter? (Biathlon-Weltcup: Kalender der Saison 2020/21)

Rösch: Es gibt viele Gründe. Trotz aller Erfolge war Deutschland nie die Nation, in der tausende Nachwuchssportler in den Biathlon gedrängt waren, die einen riesigen Talentpool hatte, in den man mit vollen Händen greifen konnte. Wir haben an sich zwar Nachwuchs mit Potenzial, aber vielleicht ist in der Vergangenheit ein bisschen was bei der Förderung versäumt worden, dass Talente nicht rechtzeitig in den Weltcup gebracht worden sind, um dort zu wachsen. In Frankreich, Italien, Norwegen hat das geklappt. Bei uns habe ich schon etwas Angst, was ist, wenn auch Arnd, Erik und Benni mal weg sind – und Denise und Hinzi bei den Frauen. Da klafft eine Lücke, in die andere erstmal reinwachsen müssen. Aktuell sieht man zwar im Jugendbereich, dass gute Arbeit geleistet wird, dass dort Podestplätze errungen werden. Aber solche jungen Talente sollten eben auch ihre Chance bekommen, im Weltcup Erfahrung zu sammeln. Es wird eine schwierige Zeit geben, bis die neue Generation heranreift.

SPORT1: Haben Sie das Gefühl, dass der Verband das Problem schon erkannt und die Lehren gezogen hat?

Rösch: Bernd Eisenbichler ist als Sportlicher Leiter ja erst seit zwei Jahren im Amt und ich habe einen guten Eindruck von dem, was er tut. Man braucht im Nachwuchs eine einheitliche Struktur und einen guten Plan, den man dann durchziehen muss – und ich glaube, den hat Eisenbichler. Allerdings ist auch Glück dabei. Nicht in jeder Generation gibt es ein Jahrhunderttalent wie Magdalena Neuner oder Laura Dahlmeier. Und dass die beiden so früh aufgehört haben: Das hat man als Verband auch nicht in der Hand. Was aber eben wichtig ist: Wenn man mal wieder ein solches Talent hat, dann muss man es pflegen und fördern und an die Weltspitze so heranführen, dass es sein Potenzial entfaltet.

SPORT1: Sie selbst waren nach Ihrer Karriere unter anderem schon als Trainer am Bundesstützpunkt in Altenberg tätig, wie sieht Ihre persönliche Lebensplanung aktuell aus?

Rösch: Ich habe mich zuletzt selbstständig gemacht im Bereich Event-Promotion – etwas beschissenes Timing für eine Zeit, in der es keine Events gibt (lacht). Im Moment liegt das Trainer-Thema da trotzdem aus persönlichen Gründen auf Eis. Was die Zukunft bringt, muss man sehen. Prinzipiell liegt mir grad der Biathlon-Nachwuchs am Herzen und der Trainer-Job hat mir auch riesigen Spaß gemacht.

Rösch: Biathlon kann "Scheiß-Sportart" sein

SPORT1: Wie sehr ist die Nachwuchsarbeit im Biathlon gerade von Corona beeinträchtigt? (Biathlon: Weltcup-Stände)

Rösch: Sehr, es ist ganz schlimm. Bei uns im Verein dürfen nur die Kadersportler trainieren, dann ist das Schulsystem mit den Internaten natürlich beeinträchtigt. Da brennt's lichterloh, es entstehen riesige Lücken – und es wird eine Mammutaufgabe, das organisatorisch aufzuholen.

SPORT1: Ein finaler Aufreger am letzten WM-Tag war das Verhalten von Verfolgungs-Weltmeister Emilien Jacquelin im Massenstart-Rennen, der nach fünf Fehlschüssen überredet werden musste, das Rennen überhaupt noch zu beenden. Wie haben Sie das gesehen? (Alle Biathlon-Rennen im LIVETICKER)

Rösch: Ich hätte mich geärgert, wenn er das Rennen tatsächlich nicht beendet hätte. Dass er es dann doch gemacht hat, war unter den Umständen schon aller Ehren wert. Seine Patzer am Schießstand: Das hatte daran gelegen, dass er falsch "gerastet", das Gewehr falsch eingestellt hatte. Bitter, aber das ist Biathlon, das kann in solchen Momenten eine Scheiß-Sportart sein, in der du in zehn Sekunden wegwirfst, was du in einer Stunde aufgebaut hast. Passiert den Geilsten, wie Erik Lesser gern sagt.

SPORT1: Erst im vergangenen Monat hat Jacquelin in Oberhof ebenjenen Lesser verärgert, er hat einen gewissen Ruf als "Bad Boy".

Rösch: Aber genau weil er so ist, wie er ist, ist er Weltmeister. Jacquelin ist eine Persönlichkeit, die Körperspannung und Siegeswillen ausstrahlt. Seine Körpersprache sagt dir: Ich bin der Chef! Das kommt natürlich nicht bei jedem gut an, je nach persönlicher Wahrnehmung. Aber man muss ihm lassen, dass er echt starker Sportler ist. Die taktischen Spielchen, die er mit seinen Gegnern spielt – da merkt man auch seinen Hintergrund als Radsportler. Er ist ein cleveres Kerlchen.

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