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München - Erik Lesser erlebt eine Katastrophen-WM in Pokljuka. Weder vor den TV-Kameras noch in den sozialen Medien meldet er sich anschließend zu Wort.

Als Erik Lesser wieder zu Kräften gekommen war, wollte er nur noch weg.

Minutenlang hatte er völlig ausgepumpt im Zielraum gelegen. Die Enttäuschung schien ihn zusätzlich zu lähmen. Nur mit Hilfe der Betreuer kam er wieder auf die Beine - und verschwand wortlos aus Pokljuka, kein Kommentar vor den TV-Kameras, auch nicht in den sozialen Medien. Der frühere Medaillengarant der deutschen Biathleten erlebte in Slowenien eine niederschmetternde Katastrophen-WM, die für den DSV am Sonntag mit einem zwölften Platz von Arnd Peiffer im Massenstart zu Ende ging.

Bei seinem persönlichen Tiefpunkt am Samstag zog Lesser als Startläufer auch seine Staffelkollegen in den Schlamassel. Die Medaillenchancen waren nach seinem unerklärlichen Einbruch dahin. Fast 52 Sekunden verlor der Thüringer auf der Schlussrunde, Läufer aus Bulgarien, Japan oder der Republik Moldau flogen an Lesser vorbei.

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Wie geht es Lesser nach der niederschmetternden Erfahrung?

"Es geht ihm gut", berichtet Ex-Biathlet Michael Rösch bei SPORT1. Der Staffel-Olympiasieger von 2006 und heutige TV-Experte bei Sky ist mit Lesser in Kontakt getreten und hat den Eindruck, dass er auf gutem Weg ist, die Enttäuschung zu verarbeiten: "Er hat schon jetzt seinen Humor wieder und mir bei WhatsApp mit einem lockeren Spruch geantwortet."

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Lesser "hat schwer leiden müssen"

Ein gutes Zeichen beim Blick auf die Heftigkeit seines WM-Erlebnisses.

"Er hat schwer leiden müssen, war schwer enttäuscht. Der Körper hat zugemacht. Das war für ihn am allerschlimmsten", erklärte Sportdirektor Bernd Eisenbichler im ZDF.

Die Gründe dafür? Das sei "immer schwer einzuschätzen". Lesser habe "in der Vorbereitung mit Magen-Darm zu kämpfen gehabt".

"Eine wirkliche Erklärung habe ich nicht", sagte DSV-Arzt Jan Wüstenfeld ratlos.

Lesser schweigt auch in den sozialen Medien

Trost bekam Lesser von seinen Teamkollegen. Er habe schon "beim Einlaufen nicht gut ausgesehen. Er ist explodiert. Es ist natürlich bitter, dass es am Höhepunkt passiert. Das tut mir wahnsinnig leid für ihn", sagte Zimmerkollege Arnd Peiffer.

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"Das sitzt bei ihm sicher tief", sagte der ehemalige Biathlet Sven Fischer in seiner Funktion als ZDF-Experte: "Er ist ja nicht absichtlich schlecht gelaufen."

Lesser "schämt sich wirklich"

Bevor ihm der bittere WM-Abschluss die Sprache verschlug, war Lesser hart mit seinem schon vorher enttäuschenden Abschneiden ins Gericht gegangen.

Zum WM-Auftakt habe er in der Mixed Staffel "den drei anderen den Tag versaut", Platz sieben sei ein "Griff ins Klo" gewesen. Nach dem Debakel im Sprint als 66. habe er sich gefragt, "warum ich Teil der WM-Mannschaft bin". Der dreimalige Olympiamedaillengewinner sagte deutlich: "Ich schäme mich wirklich."

Auch die Denkpause nach dem verpassten Verfolger brachte dem früheren Verfolgungs-Weltmeister nicht den erhofften Umschwung. Im Gegenteil. In der Single-Mixed-Staffel habe er "den Haufen ins Klo gemacht, und die Franzi hat dann runtergespült". Statt der angepeilten Medaille mit Franziska Preuß wurde es wieder der enttäuschende siebte Platz (Biathlon: Weltcup-Stände).

Denkt Lesser wieder an Rücktritt?

Zum Abschluss das Fiasko in der Staffel. Er wisse ja, dass er es "eigentlich drauf habe", hatte Lesser nach den ersten Rennen gesagt. Das hatte er auch beim Saisonstart in Kontiolahti mit Platz drei im Einzel gezeigt. In Pokljuka passte jedoch nichts zusammen.

In der Vergangenheit bewies Lesser häufig, dass er nach Rückschlägen stärker zurückkommt. Auch im vergangenen Winter erlebte er eine Saison zum Vergessen, nur um bei der WM in Antholz mit zwei Staffel-Medaillen nach Hause zu fahren. Und nun? (Biathlon-Weltcup: Kalender der Saison 2020/21)

An den Rücktritt, den sein langjähriger Weggefährte Simon Schempp vollzogen hat, hatte Lesser gedacht, vor der Saison war er "nah dran am Karriereende", wie er dem SID verriet. Der Glaube an seine Comeback-Qualitäten ließ ihn weitermachen. Ob dieser Glaube ihn auch zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking und zur Heim-WM 2023 in Oberhof trägt, bleibt abzuwarten (Simon Schempp im SPORT1-Interview: Darum habe ich Schluss gemacht).

Eisenbichler sieht aber "keine Anhaltspunkte" für einen Rücktritt, ebenso wenig wie Rösch, der sicher ist: Lesser wird diese WM wegstecken und mit neuer Stärke zurückkommen.

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Mit Sport-Informations-Dienst

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