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Simon Schempp holte bei Olympia 2018 in Pyeongchang Silber im Massenstart
Simon Schempp holte bei Olympia 2018 in Pyeongchang Silber im Massenstart © Imago
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München - Simon Schempp erklärt bei SPORT1 die Hintergründe seines Rücktritts - und seine Sicht auf den Biathlon-Skandal und die deutschen WM-Chancen.

Er holte vier WM-Titel, 18 Siege im Weltcup, drei olympische Medaillen.

Simon Schempp war jahrelang einer der besten deutschen Biathleten - bei der WM in Pokljuka, die am kommenden Mittwoch beginnt, ist er nun nur noch Zuschauer, der mit Freundin Franziska Preuß und den anderen früheren Teamkollegen fiebert (Biathlon-WM ab 8. Februar: alle Rennen im LIVETICKER).

Ende Januar hat der 32-Jährige seine Karriere beendet, nachdem er seit einiger Zeit den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wurde. Im SPORT1-Interview erklärt Schempp nun, wie sein Rücktrittsgedanke gereift ist, spricht über seinen Respekt vor dem neuen Leben, die deutschen WM-Chancen, die Aufarbeitung des Vertuschungsskandals im Weltverband - und Freud und Leid mit Facebook und Co.

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SPORT1: Herr Schempp, Sie haben Ihre Karriere nach eigenen Angaben beendet, weil Sie "nicht mehr der Biathlet sein konnten, der ich lange war". In welchem Moment haben Sie das gemerkt?

Schempp: Schwierig, da einen Schlüsselmoment zu nennen. Der Rücktritt ist eine Entscheidung, die über Monate durch meinen Saisonverlauf gereift ist. Nach dem letzten Jahr hatte ich gedacht: Ich bin noch nicht am Ende, ich kriege das wieder hin, war positiv gestimmt. Aber ich habe dann gemerkt, dass sich das nötige Körpergefühl einfach nicht eingestellt hat, dass es nicht in die richtige Richtung ging. So hat sich der Gedanke dann Schritt für Schritt verfestigt. Ich war trotzdem dankbar, dass ich noch die Chance auf den Heim-Weltcup in Oberhof bekommen habe.

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SPORT1: Wo Sie sich mit einem 58. und einem 45. Platz nicht für weitere Nominierungen empfehlen konnten.

Schempp: Ich bin mit dem Gedanken hingefahren: Wenn es läuft, kann ich mich freuen. Und wenn nicht, dann habe ich noch mal eine Bestätigung für meine Entscheidung. Und genau die habe ich bekommen. Es gibt ja nichts Schlimmeres nach so einer Entscheidung als ewiges Grübeln, ob es wirklich die richtige war. Deswegen war es mir wichtig, mir viel Zeit zu geben und alles gut zu überlegen, bis es sich wirklich richtig angefühlt hat.

Simon Schempp quälte sich beim Weltcup in Oberhof vergeblich
Simon Schempp quälte sich beim Weltcup in Oberhof vergeblich © Imago

Simon Schempp: "Hätte anderes Gefühl zurückkommen müssen"

SPORT1: Was hätte passieren müssen, damit Ihre Entscheidung anders ausgefallen wäre?

Schempp: Es hätte ein anderes Gefühl zurückkommen müssen, ein Gefühl, Belastungen gut wegstecken zu können, ein Gefühl, so trainieren zu können, wie ich es zu meinen besten Zeiten konnte, und Fortschritte in die richtige Richtung zu erzielen. Ich wollte mich an einem gewissen Punkt sehen. Aber ich habe ihn nicht erreicht.

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SPORT1: Welche Momente Ihrer Karriere sind am meisten hängengeblieben?

Schempp: Ich würde drei hervorheben. Nummer 1: mein erster Weltcupsieg. Er ist einfach ein sehr großer Meilenstein. Es löst viele Emotionen aus, diesen lang angestrebten Erfolg zu erreichen. Nummer 2: die Goldmedaille mit der Staffel bei der WM 2015 in Kontiolahti, bei der ich Schlussläufer war. Mit der deutschen Fahne über der Schulter ins Ziel einzulaufen - das war ein Kindheitstraum, der wahr wurde. Und es war noch schöner, diesen Moment mit drei Kollegen teilen zu können. Nummer 3: der WM-Titel im Massenstart von Hochfilzen 2017. Diesen Einzeltitel auch noch zu erringen: Da ist schon eine riesige Last von mir abgefallen, nachdem ich lange nach nichts anderem mehr gefragt worden war.

SPORT1: Wie sieht das neue Leben von Simon Schempp, dem Biathlon-Rentner, aus?

Schempp: Es ist auf jeden Fall spannend. Man muss sich schon neu sortieren und schauen, wo die Reise hingeht. Und die Reise hat ja gerade erst angefangen. Es gibt aber einen Plan - und es war mir auch wichtig, den im Kopf zu haben, bevor ich mein Karriereende beschlossen habe.

SPORT1: Boris Becker hat mal sinngemäß gesagt, dass es hart ist, nie wieder im Leben etwas so gut zu können wie seinen Sport. Ist das ein Gedanke, der Ihnen auch Angst macht?

Schempp: Ja, ich habe schon Respekt vor diesem Gedanken, keine Frage. Ich war in meinem Bereich Experte, wusste, was ich tue und worauf es ankommt, und habe mich damit wohlgefühlt. Das ist jetzt vorbei und es beginnt etwas komplett Neues. Aber andererseits nehme ich durch den Sport ja auch was mit ins neue Leben: Ich weiß jetzt, wie sehr ich mich reinhängen kann, wie viel ich zu investieren bereit bin in etwas, was mir gefällt. Das beruhigt mich wiederum.

Simon Schempp und Franziska Preuß sind privat seit 2015 ein Paar
Simon Schempp und Franziska Preuß sind privat seit 2015 ein Paar © Imago

Hoffnung für die Biathlon-WM in Pokljuka

SPORT1: Was trauen Sie Ihren früheren Teamkollegen bei der WM in Pokljuka zu?

Schempp: Die Konkurrenz um die Medaillen ist sicherlich groß, keine Frage. Aber ich denke, dass wir auch was erwarten und erfolgreich sein können. In den Staffeln sind die deutschen Teams immer Medaillenkandidaten, wenn alle ihre Leistung bringen. Aber auch in den Einzelwettbewerben ist etwas möglich. Ich bin bei Franzi (Franziska Preuß, Anm. d. Red.) sehr optimistisch, auch bei Denise Herrmann. Ihr kommt der eher einfache Schießstand in Pokljuka entgegen. Arnd Peiffer ist ein Kandidat, der immer weit nach vorn kommen kann. Erik (Lesser, Anm. d. Red.) hat sich gerade bei den Saisonhöhepunkten schon oft sehr stark präsentiert. Benedikt Doll hat zuletzt auch aufsteigende Tendenzen gezeigt und kann auch von den guten Bedingungen am Schießstand profitieren.

SPORT1: Die deutschen Top-Biathleten Arnd Peiffer, Benedikt Doll und Erik Lesser sind allesamt über 30, die jüngsten im Weltcupteam sind Philipp Horn und Lucas Fratzscher mit 26. Warum klafft dahinter so eine Lücke?

Schempp: Man sieht jetzt die Auswirkungen von Dingen, die vor einigen Jahren offensichtlich nicht rundgelaufen sind in der Nachwuchsarbeit. Es ist zu lange kein junges Talent mehr richtig reingekommen in das Weltcupteam. Einer, der mit 20, 21 schon in der Lage war, gute Ergebnisse zu erzielen. Es muss das Ziel guter Nachwuchsarbeit sein, die Jungen so früh so weit zu bringen, dass sie unter dem knallharten Leistungsdruck im Weltcup bestehen können. Aus meiner Sicht ist es ein paar Jahre später meistens schon zu spät, um konstante Top-Leistungen zu erreichen. Vor dem Hintergrund ist man da manchmal zu verschwenderisch mit der Ressource Zeit umgegangen, hat das eine oder andere Jahr ins Land ziehen lassen, in dem man stattdessen besser auf das Ziel hingearbeitet hätte.

"Es ist einfach, im Netz Frust abzulassen"

SPORT1: Horn stand kürzlich im Fokus, als er Opfer harter Kritik in den sozialen Medien wurde - was wiederum Erik Lesser in Rage gebracht hat. Ist da für Sie etwas aus dem Ruder gelaufen?

Schempp: Ich sage es mal so: Konstruktive Kritik war das im Netz sicherlich nicht. Nicht falsch verstehen: Mit Kritik muss man als Sportler leben, mehr noch: Die Auseinandersetzung damit gehört dazu, wenn man sich weiterentwickeln will. Es gehört auch inzwischen zu den Anforderungen des Profisports, damit klarzukommen, was in den sozialen Medien passiert. Wir profitieren ja auch davon, dass das, was wir tun, die Leute bewegt, und das ist ein Ausdruck davon. Aber es hat eben Schattenseiten. Es ist einfach, im Netz Frust abzulassen, in der Anonymität noch mehr - wobei ein Fußballer da viel mehr aushalten muss. Schade ist es aber hier wie dort, wenn Dinge geschrieben werden, die man der Person nicht ins Gesicht sagen würde. Das ist für mich eine goldene Regel des Umgangs, an die ich mich immer halten würde.

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SPORT1: Ein Thema, das in dieser Woche unter anderem ihren bisherigen Teamkollegen Arnd Peiffer beschäftigt hat, war der Bericht über die vergangenen Dopingvertuschungs-Machenschaften im Weltverband IBU. Wie sehr erschüttern solche Enthüllungen Ihr Selbstverständnis als Sportler?

Schempp: Die Vorgänge waren ein Riesen-Skandal, keine Frage, und es ist schlimm, dass so etwas im Sport passiert. Dass die IBU mit ihrer neuen Führung die Geschehnisse jetzt von sich aus detailliert aufarbeitet und vor der eigenen Haustür kehrt, macht auf mich aber einen sehr positiven Eindruck. Das kann im Kampf um Glaubwürdigkeit nur guttun. Es gibt einem auch als Sportler ein besseres Gefühl, wenn man sieht, dass der Wille da ist, im Sinne des sauberen Sports Aufklärungsarbeit zu leisten und reinen Tisch zu machen - auch auf die Gefahr hin, dadurch erstmal Negativschlagzeilen zu schreiben. Dabei ist ein Ende mit Schrecken definitiv besser als ein Schrecken ohne Ende.

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