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Therese Johaug war mit vier Goldmedaillen die erfolgreichste Athletin der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf
Therese Johaug war mit vier Goldmedaillen die erfolgreichste Athletin der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf © Imago
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München - Therese Johaug dominiert ihren Sport kaputt. Mit ihrem Gewicht und einer Dopingsperre bietet sie Angriffsfläche. Doch die Norwegerin ist auch ein Naturwunder.

Therese Johaug ist ein Phänomen – in jeder Hinsicht.

Einige werfen ihr vor, den Langlauf-Sport mit ihrer Dominanz zu zerstören, manche sehen in ihr nur eine überführte Dopingsünderin, während wieder andere sie für ein nie zuvor da gewesenes Ausdauerwunder halten.

Manches ist bestätigt, anderes wird vermutet - wahrscheinlich stimmt aber alles. Und Diskussionen um Johaug gibt es nicht nur in der von Bundestrainer Peter Schlickenrieder aufgeworfenen BMI-Debatte. (Weltcupstände im Skilanglauf)

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TV-Sender will Johaug-Rennen nicht zeigen

Fakt ist, dass die Norwegerin ihren Sport fast schon zu Tode siegt. So sagte Jelena Välbe, die Präsidentin des russischen Langlauf-Verbands, in der Saison 2019, dass ein großer russischer Sender nur noch die Herren zeigt, da dort nicht immer der gleiche mit einem riesigen Vorsprung gewinnt. (Skilanglauf-Weltcup: Kalender und Ergebnisse)

Johaugs Ergebnisliste in dieser Saison bei Distanzrennen im Weltcup und bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf liest sich so: 1., 1., 1., 1., 1., 1., 1., 1., 1., 1., 2., 3., 1., 1., 1., 1. - nur bei den Weltcups in Falun konnte Johaug zweimal knapp geschlagen werden, weil Norwegens Team an diesen Tagen kein gutes Ski-Material hatte.

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Oftmals führt sie die weltbesten Langläuferinnen geradezu vor. Über zehn Kilometer Freistil hatte sie in Oberstdorf knapp eine Minute Vorsprung auf Rang 2, über 30 Kilometer klassisch stellte sie mit 2:34 Minuten einen neuen Rekord auf. Nach 25 Kilometer führte sie sogar mit knapp drei Minuten, ehe sie netterweise Fahrt rausnahm.

Johaug geht nie die Energie aus

Spannung kommt selten auf, zumal die 32-Jährige die Rennen bereits oft nach wenigen hundert Metern entscheidet. "Duracell-Haserl" nannte sie die Österreicherin Teresa Stadlober zuletzt – und zu keiner passt der Spitzname so gut wie zu Johaug.

Die nur 1,62 Meter große Sportlerin hat über 10, 15 oder 30 Kilometer stets das gesamte Rennen über volle Energie zur Verfügung - zumindest wirkt es so. Während der Rest des Feldes sich seine Körner einteilen muss, trommelt Johaug von Meter eins bis zum Ziel im Vollgastempo durch.

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Die deutsche Langläuferin Sofie Krehl beschrieb es bei der WM treffend: "Ich kenne sie nur aus dem Fernseher, auf der Strecke sehe ich sie ja nicht." Die 25-Jährige muss sich deshalb nicht grämen, denn fast alle Langläuferinnen sehen Johaug in Rennen meist nur bis wenige hundert Meter nach dem Start.

Krehls Teamkollegin Laura Gimmler sagte auf Johaugs Stärke angesprochen: "Johaug wiegt gefühlt nur 30 Kilo, sie läuft in ihrer eigenen Liga."

Schlickenrieder löst BMI-Diskussion aus

In die gleiche Kerbe hatte auf der Suche nach den Gründen für Johaugs Erfolg zuvor ihr Bundestrainer Peter Schlickenrieder gestoßen. "Ich habe keine Erklärung. Das Einzige, was ich definitiv einführen würde, wäre so ein BMI", sagte der 51-Jährige und sorgte damit für Wirbel in der Langlauf-Szene.

Ex-Bundestrainer Jochen Behle widersprach im SPORT1-Interview sofort: "Der von ihm vorgeschlagene BMI bringt natürlich im Langlauf-Bereich gar nichts." Relevant wäre in einer Ausdauersportart wie dem Langlauf demnach höchstens der Körperfettanteil. (Langlauf-Debakel! Erfolgscoach kritisiert Wohlfühloase)

Jochen Behle zog von 2002 bis 2012 selbst die Fäden im deutschen Langlauf
Jochen Behle zog von 2002 bis 2012 selbst die Fäden im deutschen Langlauf © Imago

Noch heftiger fielen die Reaktionen in Norwegen aus. Schlickenrieders Vorstoß sei "unprofessionell und respektlos von einem Mann in seiner Position", sagte Norwegens Nationaltrainer Ole Morten Iversen dem Dagbladet. Auch Johaug wehrte sich und verwies auf die strengen Gesundheitstests in Norwegen.

Nicht nur Johaug wiegt wenig

Johaug soll übrigens bei einer Größe von 1,62 Meter nur 46 Kilogramm wiegen. Würde man Schlickenrieders Rat befolgen und den BMI jeder Athletin ausrechnen, käme man unter Berücksichtigung des Alters bei Johaug auf 17,5. Damit würde sie nur 100 Gramm über der Grenze zum kritischen Untergewicht liegen.

Aber: Auch wenn ihr Gewicht zweifelsohne bedenklich ist - ihre Dominanz erklärt es nicht. Zum einen ist der Body-Mass-Index nur ein kleiner Faktor bei Ausdauersportlern, denn Schnellkraft und Ausdauer in Verbindung mit Technik spielen ebenfalls wichtige Rollen, ohne die wenig Gewicht alleine nichts nützt.

Zum anderen ist Johaug im Langlaufsport mit ihrem Gewicht keine Ausnahme und schon seit Beginn ihrer Karriere als Fliegengewicht bekannt. Andere Athletinnen wie ihre Landsfrau Ingvild Flugstad Östberg oder die Schwedin Frida Karlsson nahmen hingegen plötzlich ab und wurden von ihrem Verband daraufhin gesperrt.

Ingvild Flugstad Oestberg, Therese Johaug und Frida Karlsson (v.l.n.r.)
Ingvild Flugstad Oestberg, Therese Johaug und Frida Karlsson (v.l.n.r.) © Imago

Dopingsperre - wegen Lippencreme?

Doch wenn es nicht an ihrem Gewicht liegt, worauf gründet Johaugs Dominanz dann? Viele werden schnell auf ihre Dopingsperre hinweisen. Im September 2016 war Johaug positiv auf das anabole Steroid Clostebol getestet worden. Ursache soll eine Lippencreme für die Behandlung eines Sonnenbrands gewesen sein.

Norwegens damaliger Mannschaftsarzt Fredrik S. Bendiksen hatte sie in einer örtlichen Apotheke gekauft und danach die volle Verantwortung für alles übernommen. Ihm sei nicht klar, gewesen, dass die Creme Clostebol enthalte – trotz eines Doping-Warnhinweises auf der Packung.

"Pure Absicht von Johaug", "der Arzt ist alleine schuld" oder "nur ein Missgeschick". Die Meinungen bei Fans und Experten gingen in alle Richtungen - die Wahrheit kennt wohl nur Johaug selbst. Fakt ist: Von Oktober 2016 bis April 2018 war die Norwegerin gesperrt. Dass ihre großen Erfolge bei einigen ein ungutes Gefühl auslösen, bleibt auf alle Fälle als Makel für den Rest ihrer Karriere.

Johaug mit stetiger Entwicklung

Aber egal, ob man an ihre Unschuld glaubt oder doch Absicht unterstellt. Dass sie im vergangenen Jahrzehnt nur Doping vom Rest trennte, erscheint bei genauerem Blick zumindest unlogisch.

"Es ist eine nachvollziehbare Entwicklung über 15 Jahre. Es sind viele Prozesse, die sie Jahr für Jahr entwickelt hat", sagt auch Schlickenrieder, der nicht dafür bekannt ist, Johaug schützen zu wollen. Ihre Entwicklung ist tatsächlich sehr stringent, ohne besondere Leistungsexplosionen oder Schwächephasen.

Peter Schlickenrieder ist seit April 2018 Bundestrainer der deutschen Skilangläufer
Peter Schlickenrieder ist seit April 2018 Bundestrainer der deutschen Skilangläufer © Imago

Vergleicht man Johaugs Formkurve mit Sündern wie Lance Armstrong, dem König der Doper, erscheinen die Leistungen nicht vergleichbar. Der Ex-Radfahrer legte regelmäßig Pausen ein, um sich für die Höhepunkte "aufzuladen", was auch auf viele andere Dopingsünder in Ausdauersportarten zutrifft.

Johaug hingegen dominiert nicht nur im Winter jedes einzelne Rennen, sondern ist auch im restlichen Jahr unschlagbar. Unabhängig von der Jahreszeit gewinnt sie mehr oder weniger jeden Ausdauerwettkampf, an dem sie teilnimmt.

Johaug pulverisiert Leichtathletik-Bestzeit

So nahm sie Anfang August 2019 aus Spaß an den norwegischen Meisterschaften in der Leichtathletik teil. Johaug gewann spielerisch leicht die 10.000 Meter in 32:20,86 Minuten und überrundete dabei alle Teilnehmerinnen mindestens einmal.

Im Jahr darauf versuchte sich die Langlauf-Dominatorin erneut bei den Impossible Games in Oslo und unterbot ihre Zeit um 40 Sekunden. Das bedeutete Landesrekord und war am Jahresende die zweitschnellste Zeit einer Europäerin 2020. Monatelang bissen sich sogar die starken Afrikanerinnen daran die Zähne aus.

"Nur wenige auf der Welt haben die Lungen- und Herzkapazität, die Johaug besitzt", sagte Kajsa Bergqvist, die den Hallen-Hochsprung-Weltrekord hält, im schwedischen Fernsehen (SVT) über Johaug - und womöglich ist dies die plausibelste Erklärung für deren Ausnahmestellung.

Was Johaugs Laufleistung noch verblüffender machte: Sie hatte weder einen Tempomacher, noch trug sie bei ihrem Lauf auf der Bahn Spikes. Hinzu kommt eine miserable Lauftechnik, die ihr verschiedene Experten bescheinigten.

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Wechsel zum Marathon denkbar

Danach wurde sogar die Frage laut, ob Johaug sich bei all ihren dominanten Siegen im Langlauf nicht langweilt und in die Leichtathletik wechselt. Doch der norwegische Instagram-Star (411.000 Follower) will erst nach der Schnee-Karriere Marathonrennen bestreiten.

Wie lange die 32-Jährige ihre Langlauf-Laufbahn noch fortsetzt, ist offen. Nachdem sie die Winterspiele 2018 wegen ihrer Sperre verpasst hatte, genießen die Spiele in Peking 2022 oberste Priorität.

Mindestens einen Winter lang werden sich ihre Konkurrentinnen im Langlauf daher noch darauf einstellen müssen, dass in 99 Prozent aller Distanzrennen maximal Platz zwei möglich ist.

Denn diesem Duracell-Hasen geht - aus welchen Gründen auch immer - wirklich nie die Energie aus.

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