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München und Los Angeles - Marco Sturm sieht ein Problem im deutschen Eishockey. Er erklärt bei SPORT1 auch den Unterschied zwischen Fußball und Eishockey. Hier geht es zum Interview.

Im Mai steigt die Eishockey-Weltmeisterschaft der Herren (ab 10. Mai LIVE im TV auf SPORT1). Die deutsche Nationalmannschaft greift dabei mit einem neuen Bundestrainer an: Toni Söderholm.

Der Finne ist Nachfolger von Marco Sturm, der seit November 2018 bei den Los Angeles Kings als Assistenztrainer arbeitet.

Im zweiten Teil des SPORT1-Interviews im Rahmen der neuen Doku-Reihe "N.ICE - Goldis Eishockey-Welt" erklärt Sturm die Unterschiede zwischen DEL und NHL, über welche Probleme der Fußballer ein Eishockeyspieler nur jammern kann und was er über die deutsche Zukunft und seinen Nachfolger denkt (Hier geht es zum ersten Teil - NHL statt DEB: "Da war ich erst einmal geschockt").

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SPORT1: Herr Sturm, Sie sind bereits einige Jahre als Trainer aktiv. Was ist für Sie in der Trainerarbeit wichtig?

Marco Sturm: Es ist wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. Ich habe speziell bei Olympia die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, dass alle an das glauben, was der Trainer vorgibt. Sicherlich gibt es im spielerischen Bereich immer wieder was Neues, aber dieses Zusammenspiel zwischen Trainerteam und Mannschaft wird sich nie ändern. Das ist für mich immer das Wichtigste.

"N.ICE – Goldis Eishockey-Welt" - die Folge mit Marco Sturm am Montag, den 20. Mai, um 22.30 Uhr im TV auf SPORT1

SPORT1: Sie waren einige Jahre im internationalen Eishockey unterwegs und haben vor allem die DEL gesehen. Was sind die großen Unterschiede zwischen NHL und DEL?

Sturm: Die größten Unterschiede bestehen in der Schnelligkeit und im technischen Bereich. Und was sich in den letzten Jahren bei den jungen Spielern entwickelt hat, ist schon Wahnsinn. Im Trainerbereich ist es das Spielsystem. Die Spieler sind schneller, athletischer, jünger. Dadurch hat sich das ganze Eishockey in den letzten Jahren verändert.

"Wenn Fußballer jammern, lachen Eishockeyspieler"

SPORT1: Sie sind 1997 als Spieler in die NHL gekommen. 2012 haben Sie Ihre Spielerkarriere beendet. Jetzt sind Sie als Trainer zurück. Was hat sich in den 20 Jahren im Spiel verändert?

Sturm: Das Spiel ist einfach schneller geworden. Auch bei den Strafzeiten hat sich viel geändert. Man kann sich wirklich nichts mehr erlauben. Zudem hat sich das Off-Ice, wie man sich im Sommer auf die Saison vorbereitet, entwickelt. Die Trainer müssen anders mit den Spielern umgehen. Es gibt wirklich viele Bereiche, die sich verändert haben, aber dann wieder sind Sachen dabei, die haben sich gar nicht verändert.

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SPORT1: Als Bundestrainer ist der Zeitraum, in dem man auf eine Mannschaft einwirken kann, eher begrenzt auf Weltmeisterschaften und andere Großereignisse. Wie viel kann man dennoch bewegen?

Sturm: Man kann schon einiges bewegen. Aber ja, wir haben im Durchschnitt vier Lehrgänge im Jahr und das ist nicht viel. Da versucht man, alles irgendwie reinzupacken und dann musst du auch noch Erfolg haben. Im Fußball kann man sich das wahrscheinlich gar nicht vorstellen. (Die DEL-Playoffs LIVE im TV auf SPORT1)

SPORT1: A propos Fußball: Was kann das Eishockey vom Fußball lernen oder andersrum? Kann der Fußball etwas vom Eishockey lernen?

Sturm: Die Härte. Fußballer leisten auch einiges, aber es ist einfach bisschen anders. Es wird sich wahrscheinlich auch nie ändern. Wenn Fußballer jammern, wenn sie mal zwei Spiele in der Woche spielen müssen, da lachen Eishockeyspieler drüber. Wenn man unseren letzten Roadtrip mit sechs Spielen in elf Tagen anschaut, da jammert keiner. Da finde ich den Unterschied eigentlich immer ganz witzig.

Sturm: Söderholm eine "gute Entscheidung"

SPORT1: Wie sehen Sie die Nationalmannschaft für die nächsten Jahre aufgestellt?

Sturm: Die Zukunft wird interessant. Ich habe zwar verlängert (seinen Vertrag beim DEB vor dem Angebot der L.A. Kings, Anm. d. Red.), aber ich wusste auch, es wird eine schwierige Aufgabe. Ich hatte das Gefühl, dass ich wieder von Null anfangen muss. Es gibt sehr viele neue und jüngere Gesichter. Man muss, auch bedingt durch die Silbermedaille, wieder was Neues aufbauen. Das wird nicht leicht.

SPORT1: Kommt etwas nach oder muss sich Eishockeyd-Deutschland Sorgen machen?

Sturm: Es kommt noch was, es kommt immer was. Es gibt immer wieder vereinzelte gute Spieler in Deutschland. Momentan sind das Dominik Bock und Moritz Seider. Leider sind es nicht viele. Da sind uns andere Nationen, wie die Schweiz oder auch die großen Nationen, voraus und werden das wohl immer bleiben. Das ist das Schwierige für das deutsche Eishockey.

SPORT1: Toni Söderholm hat Ihre Stelle übernommen als Bundestrainer. Was finden Sie das?

Sturm: Das ist eine gute Entscheidung. Man muss auch sehen, wer als Trainer zur Verfügung steht. Man will deutschsprachig bleiben, also fällt schon ein Teil weg. Man will einen haben, der mit der jungen Mannschaft was aufbaut, da muss man erst einmal den Richtigen finden. Toni hat, wie ich damals, wenig Erfahrung. Trotzdem glaube ich, dass es der Richtige ist und hoffe, dass er gleich von Anfang an auch den gewissen Erfolg hat.

Sturm nennt Problem des deutschen Eishockeys

SPORT1: Wenn Sie sich etwas für das deutsche Eishockey wünschen könnten – was wäre das?

Sturm: Dass generell mehr deutsche Spieler in der DEL spielen. Das ist ein ewiges Thema - in meiner Zeit, vor meiner Zeit und auch jetzt nach meiner Zeit. Es sind einfach viel zu wenig deutsche Spieler. Solange sich das nicht ändert, werden wir immer wieder Probleme haben, international unter den Topnationen zu bleiben.

SPORT1: Sind die Spieler sind nicht gut genug oder woran liegt das?

Sturm: Wir haben Spieler, auch in der DEL 2, die locker irgendwo in der DEL spielen könnten. Aber sie bekommen oft nur wegen Verletzungen eine Chance. Alleine in München hat man es wieder gesehen. Erst durch die vielen Verletzungen sind junge Spieler ins Spiel gekommen, die alle mitspielen können. Und München ist nur ein Beispiel. Man kann durch die ganze Liga gehen, sie bekommen einfach nicht die Eiszeit.

© SPORT1

Mit der Doku-Reihe "N.ICE – Goldis Eishockey-Welt" hat SPORT1 zu den DEL-Playoffs ein neues Projekt gestartet, das seinesgleichen sucht. In der zehnteiligen Serie trifft SPORT1-Experte Rick Goldmann deutsche Eishockey-Größen wie NHL-Legionär Dominik Kahun, den aktuellen Bundestrainer Toni Söderholm und seinen Vorgänger Marco Sturm oder die Nationalspieler Moritz Müller und David Wolf mit der Kamera zu exklusiven Interviews und Hintergrund-Geschichten der besonderen Art. Die 30-minütigen Folgen der Doku-Serie werden im Verlauf der DEL-Playoffs sowie während der Eishockey-WM auf SPORT1 gezeigt, dazu sind im Rahmen der Playoff-Übertragungen immer wieder kurze Highlight-Clips zu sehen.

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