Großkreutz dankt Scholl für Hilfe in schwerer Zeit
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Dortmund und München - Weltmeister Kevin Großkreutz blickt im SPORT1-Interview zurück auf sein Jahr 2017 und spricht über schlimme Momente. Er dankt Mehmet Scholl und Sebastian Kehl.

Für Kevin Großkreutz war es ein überaus schwieriges Jahr.

Im März wurde der Weltmeister von 2014 beim VfB Stuttgart suspendiert. Nur drei Monate später erhielt er bei Darmstadt 98 eine neue Chance.

Doch sportlich bleibt es schwierig. Mit den Lilien kämpft Großkreutz gegen den Abstieg aus der 2. Liga.

Natürlich ist sein früherer Klub Borussia Dortmund immer noch in seinem Herzen.

So lud er SPORT1 in sein Restaurant "Mit Schmackes" in die Dortmunder Innenstadt ein, mit ihm das Pokal-Achtelfinale zwischen dem FC Bayern und seinem BVB zu schauen.

Im SPORT1-Interview blickt der 29-Jährige zurück auf sein persönliches Jahr 2017 und spricht auch über den BVB.

SPORT1: Herr Großkreutz, was fällt Ihnen sofort ein beim Rückblick auf das Jahr 2017?

Kevin Großkreutz: Natürlich der unschöne Abschied beim VfB, den ich zu verantworten hatte. Der war sehr emotional, weil ich mich im Verein sehr wohl gefühlt habe. Ebenso emotional war für mich der Moment, als mich Torsten Frings nach Darmstadt holte. Nach dem Aus in Stuttgart war das nicht selbstverständlich. Torsten hat immer zu mir gehalten, genauso wie viele Menschen aus dem Fußballgeschäft - egal ob von Borussia Dortmund oder vom FC Bayern. Das war sensationell.

SPORT1: Eine der emotionalsten Pressekonferenzen 2017 war sicher Ihre beim VfB. Wie oft denken Sie noch an diesen Moment zurück?

Großkreutz: Nicht mehr so oft, aber er ist immer bei mir. Es war mir damals einfach wichtig mich an die Fans zu wenden und mich für diesen Fehler zu entschuldigen. Seitdem schaue ich aber nur noch nach vorne.

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SPORT1: Wer hat damals konkret Hilfe angeboten?

Großkreutz: Mehmet Scholl und Christian Nerlinger, um nur zwei Personen zu nennen, riefen mich an und sprachen mir damals in der schweren Zeit Mut zu. Das tat unheimlich gut. Ich kann heute nur ein ganz großes Dankeschön aussprechen. Die Reaktionen von Fans, Spielern, Ex-Spielern oder Verantwortlichen der Klubs waren einfach nur grandios.

SPORT1: Was hat Ihnen Scholl damals gesagt?

Großkreutz: Mehmet sagte zu mir, dass ich ein Kämpfer bin und auf jeden Fall weiter Fußball spielen soll. Ich solle bloß nicht aufgeben, riet er mir. Er bot mir seine Hilfe an und meinte, dass Emotionen zum Fußball dazugehören. Seine Worte haben mir gut getan.

SPORT1: Gab es in dieser schweren Zeit einen Menschen, der sich als Freund erwiesen hat?

Großkreutz: Auf Sebastian Kehl konnte ich mich in dieser Zeit absolut verlassen. Er ist wirklich ein guter Freund. Er war sofort für mich da, als meine Zeit beim VfB zu Ende war. Ich bin zu ihm nach Hause gefahren und wir haben lange geredet. Das vergesse ich "Kehli" nie. Er war auch in dem Moment für mich ein richtiger Kapitän.

SPORT1: Auf der PK sagten Sie, dass Sie länger nichts mit Fußball zu tun haben wollen. Knapp vier Monate später unterschrieben Sie bei Darmstadt 98. Konnten Sie die Verwunderung der Fans verstehen?

Großkreutz: Ja. Aber insbesondere weil so viele Menschen zu mir gehalten haben, habe ich mich dann dazu entschlossen weiterzumachen. Ich habe mit meiner Familie lange Gespräche geführt und bin heute froh, dass ich den Neustart bei den Lilien gemacht habe. Ich liebe den Fußball und wollte all den lieben Menschen etwas zurückgeben, die vorher so um mich besorgt waren. Für diese Menschen will ich alles raushauen und starke Leistungen zeigen. Als der Anruf von Darmstadt kam, war für mich klar, dass es weitergeht. Dafür werde ich Torsten ewig dankbar sein. Umso trauriger war es, dass er zuletzt entlassen wurde. Eigentlich tragen wir Spieler dafür die Schuld. Mit Dirk Schuster, der fachlich und charakterlich ebenfalls super ist, wollen wir nun unbedingt die Wende schaffen.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke traf sich mit Kevin Großkreutz in Dortmund zum Interview © Reinhard Franke

SPORT1: Wie wichtig war in der Zeit nach dem VfB-Aus Ihre Familie?

Großkreutz: Unendlich wichtig. Ich wüsste nicht, wie ich das ohne meine Familie geschafft hätte. Familie ist für mich das Wichtigste im Leben. Ich wurde von meinen Lieben so unglaublich gestützt und gepusht. Sich gegenseitig zu helfen, ist für mich wertvoll. Und ich weiß das sehr zu schätzen. Denn auch für meine Familie war es keine einfache Zeit.

SPORT1: Wie sehr hat Sie der Fall VfB geprägt?

Großkreutz: Ich bin schon immer noch Kevin Großkreutz und werde auch immer noch alle Emotionen raus lassen, aber nur noch auf dem Platz. Im privaten Bereich und außerhalb des Jobs bin ich ruhiger und vorsichtiger geworden und mache noch mehr mit meiner Familie. Ich lebe jetzt nicht zurückgezogen, habe immer noch meine Freunde, mit denen ich etwas unternehme. Aber ich passe etwas mehr auf, mit wem ich mich umgebe. Ich habe zum Beispiel aufgehört vielen Menschen einen Gefallen zu tun. Es ist doch immer ein Geben und Nehmen. Ich habe immer viel gegeben, wurde aber dann auch öfters hängen gelassen. Das wurde mir nach Stuttgart bewusst.

SPORT1: Hatten Sie Angst auf die Fußball-Bühne zurückzukehren?

Großkreutz: Ich hatte noch nie Angst in meinem Leben und das wird hoffentlich auch so bleiben.

SPORT1: Haben Sie 2017 gemerkt, wie oberflächlich das Fußballgeschäft ist?

Großkreutz: Damit müssen wir Profis umgehen können, auch, was das Leben in der Öffentlichkeit betrifft. Was besonders auffällt, ist, dass viele Menschen mittlerweile bei jeder Aktion ihre Kameras rausholen und Videos machen. Und auch bei Facebook darf jeder kommentieren, was und vor allem wie er will. Das wird meiner Meinung nach immer krasser.

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SPORT1: Sie sind aber auch Jemand, der bei Instagram oder Twitter gerne etwas postet.

Großkreutz: Genau, und ich verbiete auch keinem, seine Meinung zu gewissen Themen zu sagen. Und es darf dich auch nicht belasten, was die Leute schreiben. Ein korrekter und fairer Umgang miteinander ist aber wichtig. Man sollte nicht vergessen, dass wir Menschen sind und keine Maschinen.

SPORT1: Sie haben zuletzt Louis van Gaal für die Behauptung kritisiert, der BVB sei kein großer Klub.

Großkreutz: Für die Menschen in Dortmund gibt es nichts Größeres. Es geht nicht nur um den Erfolg. Zu jedem Heimspiel kommen 80.000 Menschen ins Stadion, sparen ihr Geld nur für den BVB. Die Stimmung auf der Südtribüne ist unglaublich. Dass der BVB kein großer Verein ist, sehe ich überhaupt nicht so.

SPORT1: Wo sehen Sie sich jetzt als Fußballer?

Großkreutz: Ich werde bald 30 und kann noch einige Jahre Fußball auf höchstem Niveau spielen. Das wichtigste Ziel in naher Zukunft ist natürlich der Klassenerhalt mit den Lilien.

SPORT1: Wie haben Sie den BVB wahrgenommen?

Großkreutz: Sportlich war es ein überaus erfolgreiches Jahr. Dass viele von Krise reden, kann ich nicht nachvollziehen. Wer Zweiter in der Liga und Pokalsieger wird, der hat einiges verdammt richtig gemacht. Emotional war es ein schweres Jahr, gerade durch den Anschlag auf den Mannschaftsbus. Da muss man glücklich und dankbar sein, dass keiner ernsthaft verletzt wurde und dauerhafte Schäden davon getragen hat. Man kann sich das als Außenstehender gar nicht vorstellen, was die Jungs da durchmachen mussten.

SPORT1: Wie sehen Sie Peter Stöger?

Großkreutz: Für Peter Stöger freut es mich, ich ziehe den Hut vor seinem Mut. Er ist ein super Typ, ein super Mensch. Dortmund und er, das könnte auch langfristig passen. Ich wünsche ihm, dass er auch in der nächsten Saison beim BVB Trainer bleiben darf. Ich gönne ihm das von Herzen.

SPORT1: Wie geht es mit den Lilien in der Rückrunde weiter?

Großkreutz: Wir müssen unsere Leistungen wieder zeigen wie in den ersten Begegnungen. Da haben wir guten Fußball gespielt und viele Punkte geholt. Wir müssen mit aller Macht aus dem Tabellenkeller rauskommen. Dirk Schuster ist wie Frings ein guter Trainer und starker Typ. Es liegt ganz alleine an uns. Wir müssen kämpfen, laufen und die Vorstellungen des Trainers umsetzen.

SPORT1: Was wünschen Sie sich für 2018?

Großkreutz: Dass wir alle gesund bleiben und glücklich ins neue Jahr kommen. Ich will mit allen Fans im neuen Jahr viel Grund zum Lachen haben. Ich will auf dem Platz Gas geben, außerhalb des Rasens weiter meine Ruhe und Freude im Leben haben.

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