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München - Vor dem Showdown bei Arminia Bielefeld spricht Heidenheim-Boss Holger Sanwald bei SPORT1 über seinen Trainer, Christian Streich und hat Mitleid mit dem HSV.

Der 1. FC Heidenheim hat das wichtigste Spiel seiner Vereinsgeschichte vor der Brust.

Am Sonntag steht die letzte Partie der Saison an und da kann das Team von Trainer Frank Schmidt mit einem Sieg bei Arminia Bielefeld den Relegationsplatz sichern (2. Bundesliga: Der 34. Spieltag am So. ab 15.30 Uhr im LIVETICKER). Der Hamburger SV, der am vergangenen Spieltag gegen den FCH in letzter Sekunde mit 1:2 verlor, würde erneut den Aufstieg verpassen. 

Vor dem Showdown gegen die Ostwestfalen spricht Heidenheim-Boss Oliver Sanwald im SPORT1-Interview über die aktuelle Situation, den Vater des Erfolgs, Freiburgs Kult-Trainer Christian Streich - und zeigt Mitleid mit dem HSV.
 
SPORT1: Herr Sanwald, wie groß waren am Montag Ihre Kopfschmerzen vom Feiern?
 
Holger Sanwald: Wir haben uns natürlich über den Sieg sehr gefreut und uns auch ein, zwei Bierchen gegönnt, aber alles im Rahmen. Seit Dienstag geht die volle Konzentration in Richtung Wochenende. Wir haben wieder hart trainiert und müssen weiter hellwach und 100 Prozent fit sein. Wir haben uns jetzt eine gute Ausgangsposition verschafft. Wir können es aus eigener Kraft schaffen den Relegationsplatz zu sichern, aber gegen Bielefeld zu gewinnen, ist eine Riesen-Herausforderung. Wir müssen gut arbeiten bis Sonntag, um dann voll da zu sein.
 
SPORT1: Die Entwicklung in Heidenheim ist enorm, weil es lange in der Saison nicht danach aussah, dass der FCH auf einem Relegationsplatz stehen würde. Ist das ein kleines Wunder?
 
Sanwald: Schon. Wir haben vor der Saison nicht damit gerechnet. In der vergangenen Spielzeit war es am Ende mit dem 5. Platz die beste Saison in der Vereinsgeschichte. Und dann kamen die ganzen Abgänge dazu. Uns haben wichtige Spieler wie Robert Andrich (zu Union Berlin, d. Red.), Nikola Dovedan (zum 1. FC Nürnberg, d. Red.), Robert Glatzel (zu Cardiff City, d. Red.) verlassen.

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Dadurch konnten wir uns zwar über zehn Millionen Euro Transfererlöse freuen, was es noch nie gab für den Verein. Aber wir hörten auch von vielen Seiten, dass wir ein Abstiegskandidat seien, wieder neu anfangen müssen und es schwer werden würde die Klasse zu halten. Daher ist Platz drei jetzt umso höher einzustufen.

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SPORT1: Wie haben Sie es dann geschafft, die Kritiker zu widerlegen?
 
Sanwald: Wir haben es gut verstanden, zu reinvestieren, haben gute Jungs geholt, unter anderem Konstantin Kerschbaumer, der am Sonntag das 2:1 erzielte. Ihn haben wir vor der Saison aus Ingolstadt geholt, aber auch andere wie Stefan Schimmer, Oliver Hüsing, Jonas Föhrenbach, David Otto, Tobias Mohr oder Tim Kleindienst passen perfekt zu uns. Wir haben das cool aufgefangen, dass es dann aber so gut funktionieren würde, ist absoluter Wahnsinn. Es war nicht zu erwarten, dass die Neuzugänge so einschlagen würden. Das macht mich total stolz und glücklich.
 
SPORT1: Was macht Trainer Frank Schmidt, dass er die Mannschaft Jahr für Jahr so auf Kurs hält?
 
Sanwald: Er geht einfach mit jeder Situation sehr positiv um. Andere Trainer hätten möglicherweise eine Krise befürchtet, Probleme gesucht und behauptet, dass es mit dem neuen Kader schwer werden würde. Wir dagegen haben die Lage ganz ruhig besprochen, so dass wir von Anfang an diese Situation immer offensiv und positiv angegangen sind. Das war für uns auch eine echte Chance.
 
Unser Trainer denkt nie negativ und schafft es dies perfekt zu vermitteln. Er lebt Professionalität und Leidenschaft vor und bringt es der Mannschaft näher, dass es einen Grund gibt lange bei uns zu bleiben. Die Gemeinschaft ist auch ein Teil des Erfolgs. Das ist schon herausragend. Franks Fachkompetenz kommt sowieso dazu. Es ist unglaublich, wenn man ihn jeden Tag als Cheftrainer erlebt.

"Brüder im Geiste"

SPORT1: Wie würden Sie Ihre Beziehung zueinander beschreiben? Sind Sie wie Brüder im Geiste?
 
Sanwald: (lacht) Ja, das sind wir. Ich habe Frank damals zu Verbandsliga-Zeiten als Spieler nach seiner Profikarriere zurück in die Region geholt. Er ist in Heidenheim geboren. Ich habe schon damals gespürt, dass mir da jemand gegenüber sitzt, der anders denkt und anders spielen lassen will. Seine ganze Art hat mir sofort imponiert und ich habe damals Spieler gebraucht, die zu 100 Prozent unseren Weg mitgehen.

Mit Frank hatte ich einen Spieler auf dem Platz, der meine Ideen vorgelebt hat und deshalb war es auch der nächste logische Schritt, dass er irgendwann bei uns Trainer wird. Als er verletzungs- und altersbedingt nicht mehr spielen konnte und aufhören musste, hat er den Verein, nach einer kurzen Phase als Co-Trainer, als Chef-Coach ab der Oberliga übernommen. Da gab es auch Höhen und Tiefen, aber mir war immer klar, dass Frank dies mit soviel Herzblut, Optimismus, Power und Energie ausführt, dass wir keinen Besseren finden werden.

SPORT1: Eine Traum-Ehe also?
 
Sanwald: Kann man so sagen, ohne dass meine Frau eifersüchtig wird. Für uns war es auch eine logische Konsequenz, wenn es mal Schwierigkeiten gab, zusammen zu halten und unsere Positionen zu stärken. Bei uns passt wirklich kein Blatt dazwischen und ich genieße es immer noch dies nach so langer Zeit sagen zu können. Das ist wirklich außergewöhnlich. Wenn ein Spieler sein Konzept nicht versteht, nicht zu uns passt, dann tauscht man eben den Spieler aus.

Die wichtigste Konstante ist bei uns der Trainer. Da hat sich natürlich ein extremes Vertrauensverhältnis entwickelt, weil wir genau gleich denken. Wir lassen uns da auch durch nichts erschüttern und suchen immer nach einer Lösung. Wir sagen nicht 'oh, jetzt wird es schwer', das hilft uns nicht. Frank und ich ticken wirklich komplett gleich.
 
SPORT1: Frank Schmidt ist in Heidenheim zur Ikone geworden. Ist er der Christian Streich der 2. Liga?
 
Sanwald: Moment. Frank Schmidt ist länger im Amt als Christian Streich, macht das jetzt schon 13 Jahre bei uns. Aber natürlich kann man die beiden vergleichen. Frank ist eine Ikone geworden genau wie Streich in Freiburg, weil beide diese Freude am Job jeden Tag vorleben. Ich will das anderen Trainern in der 2. Bundesliga gar nicht absprechen, aber es ist ein Unterschied, wenn man weiß, dass man nur ein Trainer auf Zeit ist und dann der nächste Klub kommt. Oder wenn man wie Frank weiß, dass der Verein sein Baby ist, weil er alles ab der Verbandsliga mitentwickelt hat. Er ist Teil der Geschichte des FCH und dann macht man es auch für sich selbst und für das große Ganze.

"Frank weiß, wo er hingehört" 

SPORT1: Hat es der Trainer in Heidenheim vielleicht auch leichter?

Sanwald: Ja, er kennt jeden Grashalm. Die meisten Trainer können das gar nicht so entwickeln, weil sie am Ende des Tages immer wissen oder daran denken müssen 'Wo bin ich selbst in meiner Rolle?' Frank aber weiß, wo er hingehört und er lässt dann auch in gewissen Situationen ganz platt gesagt die Hosen runter. Weil er weiß, auch wenn es einmal nicht so gut läuft, bleibt er bei der Mannschaft. Vor ein paar Jahren hatten wir eine Situation mit den Jungs, da sagte ich ihnen 'Schaut mal in den Raum, hinter euch ist eine Tür und jetzt macht euch eines klar: Bevor unser Trainer durch diese Tür geht, seid ihr schon zwei Mal da durchgelaufen'. Er wird immer der Letzte sein, der durch diese Tür geht. Das muss ich heute nicht mehr sagen, weil das heute jeder weiß.
 
SPORT1: Glauben Sie, dass Frank Schmidt dem FCH lebenslang treu bleibt?

Sanwald: Ich würde mir es zumindest wünschen. Ob das so passiert, kann nur er entscheiden. 'Mich interessieren keine anderen Vereine', sagte er mal zu mir. Ob das wirklich so bleibt, hoffe ich sehr. Ohne Frank kann ich mir den FCH nicht vorstellen. Wir haben seinen Vertrag schon bis 2023 verlängert. Ich bräuchte da auch gar keine Befristung und würde ihn hier in Rente gehen lassen. Das will er aber gar nicht. Natürlich kann der Tag irgendwann kommen. Jetzt in der Phase mit der Riesen-Chance der Relegation ist das aber wirklich kein Thema. Ich hoffe es bleibt ewig so. Ich bin aber Realist und weiß auch, dass andere Angebote kommen können.

SPORT1: Wäre der FCH überhaupt bereit für die Bundesliga?
 
Sanwald: Das kann und will ich jetzt noch nicht beantworten. Wir haben uns vorgenommen - und das machen wir die ganze Zeit schon erfolgreich -, dass wir über dieses Thema erst sprechen, wenn wir unsere Hausaufgaben gemacht haben. Und jetzt zählt nur Bielefeld.
 
Wenn wir nun schon anfangen würden uns Gedanken darüber zu machen, wie wir in der ersten Liga mithalten können, dann machen wir einen Kardinalfehler. Wir haben am Sonntag eine Monster-Aufgabe vor der Brust. Wir haben uns diesen dritten Platz mit extremer Leidenschaft und großer Motivation erkämpfen müssen. Jetzt sind wir Dritter und selbst, wenn wir auf diesem Platz die Saison beenden, müssen wir erstmal noch die Relegation spielen. Wir würden uns unseren Traum zerstören, wenn wir jetzt schon zu sehr an die 1. Liga denken.

Party-Modus? "Meinen Segen haben sie"

SPORT1: Glauben Sie, dass die Bielefelder sich bereits im Party-Modus befinden und nicht ganz bei der Sache sein werden?
 
Sanwald: Also unglücklich wäre ich nicht darüber (lacht laut). Sie dürfen so lange feiern, wie sie möchten. Meinen Segen haben sie. Wir müssen aber davon ausgehen, dass sie auch viel Ehre in sich haben und ein Sportler möchte die Spiele bis zum Schluss gewinnen. Wir müssen es selbst klar machen, dürfen nicht auf die Schwäche von Bielefeld hoffen oder darauf spekulieren. Das wird nicht passieren. Aber wir haben in Bielefeld bisher immer ganz gut ausgesehen und darauf müssen wir wieder setzen und so auch unsere Stärken ausspielen. Wir werden nichts geschenkt bekommen. Wir werden vorbereitet sein.

SPORT1: Haben Sie eigentlich Mitleid mit dem HSV, der es am Ende womöglich wieder nicht schafft?
 
Sanwald: Ich bin ein ehrlicher Mensch. Natürlich haben wir uns am vergangenen Sonntag erst einmal über unser Ergebnis gefreut. Unser Last-Second-Sieg war so herrlich. In dem Augenblick habe ich nur Freude empfunden. Wenn man dann aber etwas runter fährt, bewegt einen das schon und erreicht einen das auch, was beim Gegner wohl abgeht. Vor allem wenn man weiß, wie großartig Dieter Hecking ist, denn er hat mir sofort gratuliert. Ich kann mir denken, wie er sich nach dem Schlusspfiff fühlte. Aber ganz ehrlich? Da überwiegt die Freude über den eigenen Erfolg. Ich erinnere mich an ein schönes HSV-Erlebnis.
 
SPORT1: Welches?
 
Sanwald: Ich habe damals den HSV bejubelt, als ich in der B-Jugend einen Abschlussausflug nach Klagenfurt gemacht habe. Das war das berühmte Finale im Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin, als Felix Magath das entscheidende Tor geschossen hat. Da haben wir uns alle riesig gefreut, weil eine große deutsche Mannschaft diesen Sieg holte. Ich war 16 und wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich mal einen ganz wichtigen Sieg über den HSV bejubeln darf, hätte ich es nicht geglaubt. Das bewegt mich schon. Der HSV ist ein toller Klub mit vielen Fans, der Misserfolg in den vergangenen Jahren hat mich natürlich auch überrascht. Die Freude über unseren Erfolg hat aber jetzt schon Vorrang. Da kann mir kein HSV-Fan böse sein.
 
SPORT1: Wie ist Ihr Tipp für Sonntag?
 
Sanwald: Ich tippe nicht. Wir haben die Chance das Spiel zu gewinnen, aber wir brauchen einen super Tag und wie gegen den HSV das Quäntchen Glück, das dazu gehört. Dann können wir es schaffen. Wir fahren mit der Motivation dahin, dass wir es packen können. Aber ich weiß auch, dass es unglaublich schwer wird.

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