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Bernard Dietz war 1980 Kapitän der deutschen Nationalmannschaft
Bernard Dietz war 1980 Kapitän der deutschen Nationalmannschaft © Imago
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München - Am 22. Juni 1980 holt sich Deutschland den Titel. Bernard "Ennatz" Dietz erinnert sich an eine päpstliche Prophezeiung und eine Partynacht mit Verzögerung.

Als Bernard Dietz die Ehrentribüne betrat, hatte er nur noch Augen für den silbernen Pokal. Deutschland hatte soeben das EM-Finale mit 2:1 (1:0) gegen Belgien gewonnen. Dietz war 1980 Kapitän und durfte deshalb als Erster die Trophäe anfassen.

Er lief vorbei an den Ehrengästen, da streckte Königin Fabiola ihre Hand aus. Die belgische Monarchin wollte Dietz zum Titel gratulieren. Und was machte der Spieler des MSV Duisburg? Er ließ die Königin stehen und ging weiter zum Pokal.

"Ich habe das damals gar nicht wahrgenommen", sagt Dietz im SPORT1-Gespräch. "Als ich mir später die Wiederholung angesehen habe, ist mir die Szene aufgefallen. Das war mir im Nachhinein unangenehm."

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Ansonsten war es ein perfekter italienischer Sommer für den heute 72-Jährigen. "Das Finale von Rom war das größte Spiel meiner Karriere", sagt Dietz über die Partie vom 22. Juni 1980 – also vor genau 40 Jahren.

Schmach von Cordoba noch im Kopf

Dabei war die Ausgangslage vor dem Turnier nicht gut. Deutschland hatte zwei Jahre zuvor eine schwache Weltmeisterschaft gespielt – inklusive der "Schmach von Cordoba" gegen Österreich.

Wichtige Spieler aus dieser Mannschaft standen für die EM nicht mehr zur Verfügung. Verteidiger Berti Vogts hatte nach dem Zwischenrunde-Aus in Argentinien seine DFB-Karriere beendet. Torwart Sepp Maier zog sich 1979 bei einem Verkehrsunfall schwere Verletzungen zu und kehrte nicht mehr aufs Spielfeld zurück. Und kurz vor dem Turnier erlitt Torjäger Klaus Fischer einen Schienbeinbruch.

Für den Schalke-Profi berief Bundestrainer Jupp Derwall dann Horst Hrubesch ins Aufgebot. Der lange Angreifer war bei der EM bereits 29 Jahre als, hatte aber erst zwei Monate zuvor sein Länderspieldebüt gefeiert. Hrubesch war umstritten, doch im Laufe des Turniers sollte er eine entscheidende Rolle einnehmen.

"Den Gruppensieg und damit den Finaleinzug hat uns damals niemand zugetraut", erinnert sich Dietz. Im ersten Spiel ging es in Rom gegen Titelverteidiger Tschechoslowakei. Karl-Heinz Rummenigge entschied die Partie mit seinem Treffer zum 1:0-Endstand.

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Klaus Allofs trumpft gegen die Niederlande auf

Zum zweiten Gruppenspiel reiste die deutsche Auswahl nach Neapel. Es kam zum Klassiker gegen die Niederlande. Und in diesem Duell drehte Klaus Allofs auf. Fortuna Düsseldorfs Angreifer erzielte drei Tore. 3:0 stand es nach 65 Minuten, das Spiel schien gelaufen zu sein.

Dachte sich auch Dietz. Am Rand stand ein Bub namens Lothar Matthäus. Weil er dem damals 19-Jährigen seine ersten EM-Minuten schenken wollte, täuschte Dietz eine Verletzung vor und ließ sich auswechseln. Matthäus war sechs Minuten auf dem Platz, als er direkt einen Elfmeter verursachte. Johnny Rep verwandelte. Kurz darauf erzielte Willy van de Kerkhof das Anschlusstor.

Deutschland wackelte. "Wir sind auf der Bank noch ganz schön ins Schwitzen gekommen", erinnert sich Dietz. Am Ende rettete seine Mannschaft das 3:2 über die Zeit.  

Damals wurden die Partien des dritten Gruppenspieltags noch nicht parallel ausgetragen. Und als das Spiel Niederlande gegen die Tschechoslowakei 1:1 endete, stand Deutschland bereits als Finalteilnehmer fest. Das abschließende Spiel gegen Griechenland hatte also nur noch statistischen Wert.

Jupp Derwall schont seinen Kapitän

Da Derwall bei Dietz keine Gelbsperre fürs Finale riskieren wollte, ließ er seinen Kapitän draußen. So sah der Abwehrspieler die Partie im Turiner Stadio Comunale von der Tribüne aus. Dabei gönnte sich Dietz ein Eis. Ernährungspläne spielten damals im Fußball keine große Rolle.

Überhaupt ließ es Derwall während des Turniers locker angehen. "Er war eher ein Kumpeltyp", sagt Dietz. Der Trainer hatte nichts dagegen, dass sich seine Spieler am Tag vor dem Finale zum Plantschen verabredeten.

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Horst Hrubesch und Caspar Memering hatten andere Pläne. Die beiden Profis des Hamburger SV gingen zur Papstaudienz auf den Petersplatz. Als Johannes Paul II. ein Kreuzzeichen in die Luft malte, sagte Memering, dass das für die zwei Tore stünde, die Hrubesch im Finale machen werde. Der Angreifer soll darüber nur gelächelt haben.

Es folgte der Spieltag. "Natürlich war ich angespannter als sonst", erzählt Dietz. Als Schiedsrichter Nicolae Rainea die Teams aus den Katakomben des Stadio Olimpico schickte, streifte Derwall seinem Kapitän die Binde über. Dieses Ritual sollte Glück bringen.

Bernd Schuster leitet Führungstor ein

Deutschland legte furios los. Bernd Schuster spielte einen Doppelpass mit Klaus Allofs. Der Virtuose mit den blonden Haaren lupfte den Ball in Hrubeschs Lauf – und der Angreifer verwertete Schusters Vorarbeit: 1:0 nach nur zehn Minuten.

Doch Belgien zeigte sich durch den frühen Rückstand nicht verunsichert. "Die haben ganz schön Druck gemacht", sagt Dietz. "Da hat man gesehen, warum die Mannschaft Italien, Spanien und England in der Gruppe hinter sich gelassen hat."

Zum Ausgleich musste aber eine Fehlentscheidung herhalten. Uli Stielike grätschte Francois Van der Elst um. "Das Foul war deutlich vor dem Strafraum", betont Dietz. Trotzdem gab Rainea Elfmeter. Dietz redete auf den Rumänen ein – selbstverständlich ohne Erfolg. René Vandereycken erzielte den Ausgleich (75.).

Erich Ribbeck holte Wasser und Zitronenscheiben

Die Zeit verrann. Es deutete alles auf eine Verlängerung hin. Co-Trainer Erich Ribbeck hatte schon Wasser und Zitronenscheiben aus der Kabine geholt. Deutschland bekam aber noch mal einen Eckstoß. "Der Kalle Rummenigge hat den Fotografen am Rand gesagt, dass Hrubesch nun ein Tor machen werde", erzählt Dietz.

Gesagt, getan. Rummenigge brachte den Ball in den Strafraum, Belgiens Torwart Jean-Marie Pfaff verschätzte sich beim Rauslaufen – und Hrubesch köpfte ein (88.). Memering hatte den Papst also richtig gedeutet.

Es folgte der Abpfiff. Die Party begann. Erst auf dem Rasen, dann in der Kabine, später in der Innenstadt von Rom. Doch zwei Spieler fehlten zunächst. Uli Stielike und Bernard Dietz mussten noch zur Dopingprobe. „Das hat bestimmt zwei Stunden gedauert“, erzählt die Duisburger Klub-Ikone.

Als die beiden das Stadion verließen, war der Mannschaftsbus schon längst weg. Stielike und Dietz riefen ein Taxi und stießen zur Party dazu.

Von Frankfurt geht’s weiter zum Schützenfest

Am nächsten Morgen flogen die Europameister nach Hause. Die Mannschaft landete in Frankfurt am Main. Einen großen Empfang mit Pokalpräsentation am Römer gab es nicht. "Unsere Wege haben sich in den Terminals getrennt und dann ging es direkt nach Hause", sagt Dietz.

Der Kapitän fuhr in seinen Heimatort Walstedde. Dort war Schützenfest, so dass Dietz mit seinen Freunden und Nachbarn direkt weiterfeiern konnte. Sein Klub bereitete ihm Tage später noch einen großen Empfang. Die Duisburger schenkten ihrem "Ennatz" eine kleine Trophäe.

Die erinnert ihn heute noch an den Erfolg von Rom. Und das Finale hatte seine Frau Petra damals auf Video aufgenommen. "Das war noch Betamax", sagt Dietz. "Wir haben das aber später auf VHS überspielt."

Zum Jahrestag will er sich das Spiel wieder zuhause in Drensteinfurt angucken. Dietz freut sich auf die besonderen Szenen. Hrubeschs Siegtor. Der Jubel nach Schlusspfiff. Und der Gang des Kapitäns vorbei an der Königin zum Pokal.

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