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München - Kevin Pannewitz war mal ein großes Talent im deutschen Fußball. Ein Gespräch mit dem Mann, der oft hinfiel und wegen Felix Magath durch die Hölle ging.

Kevin Pannewitz galt mal als großes Fußball-Talent. Mit 19 wurde er bei Hansa Rostock Profi. Doch statt Triumphen gab es viele Eskapaden.

Der Boulevard nannte ihn irgendwann "Skandal-Kicker". SPORT1 sprach mit dem Mann, der oft hinfiel, früh seine Mutter verlor, wegen Felix Magath durch die Hölle ging und zuletzt als Reality-TV-Kandidat in den Schlagzeilen war.

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SPORT1: Herr Pannewitz, sind Sie ein Skandal-Profi?

Kevin Pannewitz: (lacht) Wenn das Thema Skandal-Profi aufkommt, fällt mein Name immer als erstes. Das ist sehr schade, weil ich gar nicht so viele Skandale hatte. Ich habe immer zu dem gestanden, was ich gemacht habe. Ich hatte einige Alkohol-Eskapaden, aber ich war nie betrunken, war nur hin und wieder angeschossen am Tag danach. Und das stand dann direkt als großes Thema in den Medien, weil ich vom Verein bestraft wurde. Aber es war nie so, dass ich einmal pro Woche angetrunken zum Training kam. Ich hatte den einen oder anderen Aussetzer und dann war ich halt der Skandal-Profi.

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SPORT1: Es schien fast so, als hätten Sie sich in dieser Rolle gefallen.

Pannewitz: Das ist nicht so. Aber wenn mich einer so nennen will, dann soll er das tun. Ich wurde für alles, was ich neben dem Fußball gemacht habe, gleich hops genommen. Man hätte es anders lösen können und es kamen auch andere Kollegen angetrunken zum Training, aber da haben gewisse Leute die Fresse gehalten.

Pannewitz: Bei mir war es gleich ein Weltuntergang

SPORT1: Können Sie Kollegen nennen?

Pannewitz: Ich will über die beiden gar nichts Schlechtes sagen, weil sie immer gute Leistungen für Hansa Rostock gebracht haben, aber wenn ich an Alexander Walke (heute Red Bull Salzburg, Anm. d. Red.) und Kevin Schlitte (beendete 2017 seine Karriere, Anm. d. Red.) denke, dann muss ich sagen, dass das großes Kino war. Aber bei den beiden wurde das nie so breitgetreten, bei mir dagegen war es gleich ein Weltuntergang. Die Zwei kamen auch mal mit einer Fahne zum Training. Aber wenn ich dann mal ein Kilo zu viel hatte, war es gleich eine Katastrophe.

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SPORT1: Aber Sie waren kein Waisenknabe.

Pannewitz: Natürlich nicht. Aus dieser Schublade Skandal-Profi komme ich wohl nie wieder raus. Ich bin selbstkritisch genug und will mich hier auch gar nicht frei reden von Schuld. Ich bin schon in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten. Aber auf dem Platz oder im Training konnte mir keiner einen Vorwurf machen. Ich war damals einfach zu unreif, um zu verstehen, dass ich mich als Profi so nicht benehmen kann. Ich gebe mir die Schuld, aber man hätte dennoch anders mit mir umgehen können. Ich kann heute damit leben und weiß, was ich falsch gemacht habe.

"Ich war trotzdem sechs Jahre Profi"

SPORT1: Haben Sie diese große Chance Profifußballer einfach weggeschmissen?

Pannewitz: Heute sagt jeder, dass es so ist. Aber dann sollen meine Kritiker eines bedenken, nämlich, dass ich trotzdem sechs Jahre Profi war. Und ich habe da viel erlebt. Ich hätte mehrfacher Millionär sein können oder Nationalspieler, doch es ist nicht schlimm, dass es nicht so ist. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

SPORT1: Sind Sie heute Millionär?

Pannewitz: Knapp. (lacht) Nein, Millionär bin ich nicht. Es wäre schön, aber so viel ist es dann nicht. Es gibt für mich andere Dinge im Leben, die auch wichtig sind. Und die haben nichts mit Fußball zu tun. Ich habe meine Erfahrung als Profi gemacht, aber ich kann damit leben, dass es so gekommen ist. Ich hätte jeden Moment als Profi liebend gern gegen das Leben meiner Mutter getauscht, die mit nur 43 Jahren an Krebs gestorben ist. Das ist jetzt sieben Jahre her. Ich war damals Profi beim VfL Wolfsburg und hätte auf jedes Spiel geschissen. Viele sehen immer nur den Profifußball, doch keiner weiß, was ich in Wolfsburg durchgemacht habe.

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SPORT1: Erzählen Sie ...

Pannewitz: Okay, auf der psychologischen Ebene war es das Endlevel. Ich war so sehr vom Kopf her gefordert, dass ich am Ende nur noch fertig war. Ich hatte Angst vor jeder neuen Woche. Der wöchentliche Ablauf des Trainings machte mich kaputt. Es fing montags an, dienstags war frei, dann ging es mittwochs weiter und während die Mannschaft am Wochenende ihr Spiel hatte, musste ich zu Hause das Doppelte machen an Sondertraining. Die ersten sechs Wochen habe ich jeden Tag morgens einen Lauf von 13 Kilometern machen müssen. Das war aber nur zum Aufwärmen, danach ging das Training richtig los. Es kam auch mal vor, dass ich um sieben Uhr in der Früh in der Halle turnen musste. Ich war irgendwann nur noch fertig von seinen Methoden.

Pannewitz: Felix Magath war die Hölle in meinem Kopf

SPORT1: Sie meinen Felix Magath.

Pannewitz: Ja. Felix Magath war die Hölle in meinem Kopf. Natürlich ist er Meister geworden und ist eine Persönlichkeit im Fußball, aber diese Zeit war eine psychische Belastung für mich (Das macht Felix Magath heute).

Kevin Pannewitz erschöpft beim Zirkeltraining beim VfL Wolfsburg
Kevin Pannewitz erschöpft beim Zirkeltraining beim VfL Wolfsburg © Imago

SPORT1: Warum haben Sie so unter Magath gelitten?

Pannewitz: Er hat das gemacht, was er für richtig hielt. Er wollte mich fit sehen. Aber wenn du mit 21 wie ein Besessener trainierst und in den ersten zwei Monaten keinen anderen Ball siehst außer den Medizinball, dann wartest du auf eine Belohnung - und damit meine ich nicht mein Gehalt. Das kam immer pünktlich. Ich wollte nur Fußball spielen. Der Druck ist das Geld, was ich verdient habe, gar nicht wert. Ich hatte Angst vor den Wochenenden beim VfL. Alexander Madlung hatte mich noch gewarnt.

SPORT1: Was hat er gesagt?

Pannewitz: Er fragte mich damals, bevor ich in Wolfsburg unterschrieben habe, ob ich das wirklich machen will, und ich solle mir das gut überlegen. Heute weiß ich, warum er mir das gesagt hat.

SPORT1: Haben Sie mit Magath inzwischen mal reden können?

Pannewitz: Leider nicht. Es mag komisch klingen, wenn ich leider sage, aber ich würde gerne mit ihm reden, denn mich würde es schon mal interessieren, woran es gelegen hat, dass er mich so behandelt hat. Ich wäre damals durchaus eine Option für die erste Elf gewesen. Aber Herr Magath hat nie viel mit mir gesprochen. Ich habe immer Vollgas gegeben, aber die Belastung wurde nicht weniger. Irgendwann konnte mein Körper nicht mehr.

Kevin Pannewitz (l.) zu seiner Zeit bei Carl-Zeiss Jena (2017 bis 2019) mit Trainer Lukas Kwasniok
Kevin Pannewitz (l.) zu seiner Zeit bei Carl-Zeiss Jena (2017 bis 2019) mit Trainer Lukas Kwasniok ©

"Irgendwann habe ich mich krankschreiben lassen"

SPORT1: Hat Magath Sie kaputt gemacht?

Pannewitz: Für mich gab es nur das Training, Kraftzirkel und Turnen. Ich habe samstags mehr gemacht als meine Kollegen im Spiel. Irgendwann habe ich mich krankschreiben lassen, habe einfach gesagt, dass ich mir einen Magen-Darm-Infekt zugezogen habe. (Die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Warum glauben Sie, ist Magath so mit Ihnen umgegangen?

Pannewitz: Wenn ich das wüsste. Er hatte sicher Bock auf mich, wir hatten uns zwei Mal getroffen, bevor ich dann unterschrieben habe. Die Gespräche waren super. Aber für seine Verhältnisse war ich nicht fit genug. Das habe ich dann zu spüren bekommen. Ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hat. Und noch mal: Ich habe sicher auch Fehler gemacht. Hätte Magath mich spielen lassen, wäre ich heute noch Profi. Aber das Leben ist so, wie es ist. Ich bin mit mir im Reinen. Ich bin unter Magath zerbrochen.

SPORT1: Wie ging es dann zu Ende in Wolfsburg?

Pannewitz: Ich bin zu Magath ins Trainer-Zimmer und habe ihn mit zittriger Stimme gebeten, ob ich nicht bei der U23 spielen dürfe. Er hat dem zugestimmt und dann wurde mir später mitgeteilt, dass ich in der zweiten Mannschaft bleiben kann. Ab dem Moment war mir alles egal und ich habe auch wieder zugenommen. Das Traurige war, dass Magath zwei Wochen später entlassen wurde. Und ich hing in der U23 fest.

SPORT1: Würden Sie sich wünschen, dass sich Magath bei Ihnen entschuldigt?

Pannewitz: Nein. Es gibt viele Profis, die waren mental besser als ich und haben ihn überlebt.

SPORT1: Im Vorgespräch sagten Sie, dass Sie gerne eine Geschichte erzählen würden, die noch keiner kennt. Nur zu.

Pannewitz: Es gibt viele Geschichten, aber eine werde ich nie vergessen. Wir spielten mit Hansa gegen 1860, lagen zur Halbzeit 2:1 vorne, haben aber katastrophal gespielt. Damals kam der Manager Paule Beinlich in die Kabine und schrie alle an. Ich war 19 Jahre jung, habe aber ein gutes Spiel gemacht. Er sagte diesen Satz: "Hier gibt es nur einen Spieler, der Eier hat, und bei dem man sieht, dass er Fußball spielen will. Und das ist dieser kleine Pisser, der euch zeigt, wie man Fußball spielt." Die anderen Spieler hat er noch beleidigt. Diesen Moment werde ich niemals vergessen.

Die U19 von Hansa Rostock feiert die deutsche Meisterschaft mit Kevin Pannewitz (Mitte)
Die U19 von Hansa Rostock feiert die deutsche Meisterschaft mit Kevin Pannewitz (Mitte) © Imago

"Das hat mir leider das Genick gebrochen"

SPORT1: Was bereuen Sie, wenn sie heute zurückblicken?

Pannewitz: Ich bereue gar nichts. Ich habe immer das gemacht, was ich in dem jeweiligen Moment für richtig gehalten habe. Das hat mir leider am Ende das Genick gebrochen. Es bringt mir aber nichts, dem hinterherzutrauern. Soll ich jetzt nur noch auf der Couch liegen und heulen? Ich habe viele Fehler gemacht, bitte nicht falsch verstehen. Aber man hätte auch anders mit mir umgehen können. Es ist schade, wie alles lief, aber es gibt noch viele andere Möglichkeiten für mich. Ich möchte zum Beispiel reinschnuppern ins Trainergeschäft.

SPORT1: Das hat ja jetzt geklappt. Sie sind neuer Trainer beim Nordberliner SC. Warum dort?

Pannewitz: Der Nordberliner SC ist mein früherer Verein, bei dem ich groß geworden bin und wo ich ein Jahr lang gespielt habe. Ich kann dort erste Erfahrungen als Trainer sammeln, bin megaheiß und habe richtig Bock drauf, dass es los geht. Ich verdiene dort wenig, mache es definitiv nicht des Geldes wegen.

SPORT1: Glauben Sie, dass Sie ein gutes Beispiel für junge Spieler sind?

Pannewitz: Wir reden vom Fußball und von Jugendlichen. Ich war damals selbst noch ein Jugendlicher, als ich Profi geworden bin. Ich kann und will wieder ein Vorbild sein - fußballerisch sicher, menschlich auch. Ich stehe zu meinen Fehlern. Jeder, der Mensch ist, geht gerne auch mal feiern. Ich habe Ecken und Kanten und kann viel weitergeben, weil ich einiges erlebt habe. Und ich verstehe den Fußball und habe ein gutes Grundwissen. Ich könnte ein guter Trainer werden.

SPORT1: Wie leben Sie heute und wovon?

Pannewitz: Ich lebe von Ersparnissen, außerdem verdient meine Frau gutes Geld. Ich gehe demnächst sicher wieder arbeiten, möchte auch meinen Trainerschein machen.

"Ich habe genug gefeiert"

SPORT1: Sie sind Familienvater. Gehen Sie heute noch feiern?

Pannewitz: Ich war wegen Corona seit einem Jahr nicht mehr feiern. (lacht) Aber nein, ich ziehe weniger um die Häuser. Vor einem Jahr war ich in Thailand. Aber ich habe schon genug gefeiert in meinem Leben. Ich bin durch.

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SPORT1: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Pannewitz: Ich will gesund bleiben, möchte noch etwas an Gewicht verlieren. Aktuell wiege ich 132 Kilogramm. Ich bin aber ganz zufrieden, wie es ist. Ich werde bestimmt nicht rumjammern.

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